Süddeutsche Zeitung

Unsere Kernprodukte

Im Fokus

Partnerangebote

Möchten Sie in unseren Produkten und Services Anzeigen inserieren oder verwalten?

Anzeige inserieren

Möchten Sie unsere Texte nach­drucken, ver­vielfältigen oder öffent­lich zugänglich machen?

Nutzungsrechte erwerben

„Herrlich politisch inkorrekt!“

Foto: marie anne / photocase.com; Illustration: Federico Delfrati

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Neulich erreichte mich die Pressemitteilung zum neuen Buch eines Youtube-Stars (ja, Buch, nicht Video): „Von Youtube-Star Michael Buchinger bekommt alles und jeder herrlich politisch inkorrekt sein Fett weg – nicht zuletzt er selbst!“ Bis zum Buch selbst bin ich dann gar nicht mehr gekommen, weil mich die Pressemitteilung aufgehalten hat.

Da steckt nämlich eine Phrase drin, die ich nicht mehr hören kann und will: „herrlich politisch inkorrekt“, auch bekannt in der Variante „herrlich politisch unkorrekt“. Seit einigen Jahren sind diese drei Wörter eine Veredlung für Komödien und Comedy-Shows und für jeden und jede, der oder die beruflich witzig ist oder sein will – von Django Asül bis Sebastian Pufpaff, vom Cartoonisten Perscheid bis zur Kabarettistin Maren Kroymann,  von „Willkommen bei den Hartmanns“ bis zu Sat1-Show „Rabenmütter“, von „Türkisch für Anfänger“ bis „45 Minuten bis Ramallah“, von Harry G. bis Andreas Altmann, vom Poetry Slam bis zum Kasperl-Theater für Erwachsene. Und diese Phrase meint immer, dass sich da jemand nicht an gesellschaftliche Normen und Regeln des allgemeinen Respekts und der Toleranz hält, sondern Witze über zum Beispiel Frauen oder Minderheiten macht. 

An sich ist das kein Problem. Wir müssen hier gar nicht über die Frage reden, ob Kabarettisten, Youtube-Stars oder Drehbuchautorinnen diese Witze machen dürfen. Denn in den allermeisten Fällen dürfen sie das, ist ja schließlich ihr Job. Sie dürfen es vor allem dann, wenn sie zum Beispiel selbst eine Frau oder Teil einer Minderheit sind. Das Problem ist auch nicht, dass Menschen dann über diese Witze lachen, denn dazu sind Witze ja da. Nein, das Problem ist der Zusatz „herrlich“ – der entlarvt, dass hier oft aus den falschen Gründen gelacht wird.

Kaum eine gesellschaftliche Diskussion ist in den vergangenen Jahren so heftig geführt worden wie die um „politische Korrektheit“. Die Pro-Contra-Kluft ist dabei riesig, sieht man allein am Beispiel der geschlechtergerechten Sprache mit Gendergap und -sternchen hier und den „Genderwahn“-Brüllern dort. Aus denen, die finden, dass es mit der politische Korrektheit übertrieben und generell zu viel Rücksicht auf Minderheiten genommen wird, hat sich irgendwann die „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Gruppe herausgebildet.

Und ich fürchte, dass es oft genau diese Menschen sind, die es „herrlich“ finden, wenn ein Witz politisch nicht korrekt ist. Oder anders gesagt: Wer einen Witz als „politisch inkorrekt“  erkennt, hat verstanden, worum es dem Witzemacher geht. Nämlich meistens darum, mit Humor auf etwas aufmerksam zu machen, was in unserer Gesellschaft schiefläuft, vielleicht sogar eine Debatte darüber anzuregen. Wer ihn allerdings als „herrlich politisch inkorrekt“ bezeichnet, findet nicht den Witz gut, sondern allein die Tatsache, dass er politisch inkorrekt ist. Er liebt das vermeintlich Verbotene daran, das, von dem er glaubt, es selbst nicht aussprechen zu dürfen. Er liebt das Gefühl, dass er hat, wenn er darüber lacht – ein befreiendes „Darüber wird man ja wohl noch lachen dürfen“-Gefühl. 

Ein Autor des „Merkur“, einer „Zeitschrift für europäisches Denken“, hat das in einem Text über diese Phrase gut zusammengefasst: „Wieso eigentlich ‚herrlich‘? Das vermittelt das Bild von einem, der nach langer Fahrt durch Smog und Stau endlich das Gebirge erreicht, befreit einatmet und sagt: herrlich.“ Diese Menschen entkommen nicht nur dem gefühlten Smog politischer Korrektheit. Sie glauben sogar, durch diese – von ihnen gerne auch „schwarzhumorig“ genannten – Witze regelrechten Korrektheits-Fesseln zu entkommen, die sie natürlich überhaupt nicht tragen, sondern sich einfach nur einbilden. Sie befürchten nämlich, demnächst „Wasserhenne“ sagen und der Ehe von Mensch und Tier zustimmen zu müssen. Das halten sie für die Konsequenz politischer Korrektheit.

Ich fürchte, dass hinterher jemand aus dem Kabarett geht und denkt, dass er jetzt immer und überall die gleichen Witze machen darf

Damit mich niemand falsch versteht, wiederhole ich noch mal: Natürlich soll man diese Witze machen und über diese Witze lachen, denn dazu sind sie da. Ich will hier ja nicht fordern, dass ab sofort niemand mehr über Oliver Polak lacht. Was mir Sorge macht, ist der falsch verstandene Sinn dieser Witze. Wenn alle zusammen kathartisch lachen, also ihre Seele von bestimmten (in diesem Falle: politisch inkorrekten) Affekten „reinigen“, und danach eins klüger aus dem Kabarett gehen, dann hat alles gut funktioniert. In der aktuellen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Stimmung wittere ich aber leider öfter Ermächtigung statt Reinigung: Dass also hinterher jemand aus dem Kabarett geht und denkt, dass er jetzt immer und überall unreflektiert die gleichen Witze machen kann. Losgelöst von jeder Kabarett- und Comedy-Situation, abseits der Popkultur, einfach so im Büro, daheim, im Bus, bei Opas Geburtstagsfeier und an der Supermarktkasse. 

Und wer das denkt, der macht diese Witze dann sicher nicht, um anderen etwas bewusst zu machen – sondern einfach nur, weil er wirklich keine Respekt vor Frauen oder Minderheiten hat. Weil er sich dadurch stark fühlt. Die Autorin und Bloggerin Jacinta Nandi schrieb in ihrem Buch „Nichts gegen blasen“ dazu: „Vor ein paar Jahren hatte ich echt vor, nie wieder was politisch Inkorrektes zu schreiben. Weil ich es satthabe, dass deutsche Leute mir ständig sagen: ‚Deine Texte sind so herrlich politisch inkorrekt!‘ Etwas, das Deutsche so glücklich macht, kann nicht gut sein.“

Die meisten Kabarettisten machen politisch inkorrekte Witze ja nicht, weil ihnen das so viel Spaß macht. Sondern weil sie in unsere Gesellschaft passen.Weil das, was da als Witz erzählt wird, ganz im Ernst auf der Straße passiert. Darum sind sie nicht herrlich und keine „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Ermächtigung. Sondern sie sind notwendig, um aufzuklären und humorvoll eine Debatten anzuregen. Die Welt ist erst dann ein besserer Ort, wenn wir gar keine politisch inkorrekten Witze mehr brauchen. Wenn keiner mehr weiß, was das eigentlich sein soll. Wie weit wir davon entfernt sind, beweist einer, den seine Fans auch „herrlich politisch inkorrekt“ finden, der das aber nicht mal witzig meint. Er ist seit Ende Januar Präsident der USA. 

Mehr Humor:

  • teilen
  • schließen