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RapRendezvous. Wir hören neue Platten mit den Atzen

Einmal im Monat plaudert jetzt.de mit einem Vertreter aus dem HipHop-Kosmos über aktuelle Rap-Veröffentlichungen. Heute mit den Atzen über die Neuerscheinungen von El-P, B.o.B., Roger, Robert Glasper Experiment und Usher.
daniel-schieferdecker
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Selbst wenn die Atzen heute mehr am Ballermann als auf Blockpartys abgehen, sind Frauenarzt und Manny Marc langjährige und verdiente Vertreter der hiesigen HipHop-Szene. Beide sind Mitglieder von BC, der berühmten Hauptstadt-Crew Berlin Crime, und haben Ende der 90er-Jahre das nicht minder legendäre Bassboxxx-Label gegründet. Beide waren immer schon große Anhänger von Miami Bass, und ihre erfolgreiche „Atzenmusik“ ist letztlich bloß eine konsequente Weiterentwicklung dessen. Im Mai ist ihr aktuelles Album „Atzen Musik Vol. 3“ mit der dazugehörigen Single „Party (Ich will abgehen) erschienen.

 

Aber jetzt geht es los mit dem Rap Review Rendezvous und:

El-P – "Cancer For Cure"  

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Man hört auf der Platte jede Menge Wut heraus, die immer schon eine wichtige Antriebsfeder im Schaffen von El-P war. Ihr hingegen seid ja vor allem dafür bekannt, mit eurer Musik Spaß zu verbreiten – könnt ihr euch trotzdem in diese Wut reinfühlen?
Frauenarzt: Mich erinnert El-Ps Rap-Stil total an Kool Keith, wenn auch nicht ganz so lustig. Aber ich kann mir das schon reinziehen, obwohl mich das Intro mit seinen Drum’n’Bass-Anleihen kurz geschockt hat. Aber diese alten 808-Sounds – damit können wir natürlich etwas anfangen. Auch wenn das Ganze natürlich nicht ganz unser Style ist. Wir kommen ja eher aus der Miami-Bass-Ecke.
Manny Marc: Das ist schon ganz geil, aber ich finde, man hätte das Ganze durchaus noch fetter produzieren können. Ich denke ja immer in Tanz-Kategorien: Und wenn man seinen experimentellen Ansatz mit etwas tanzbareren Beats unterlegen würde, könnte ich definitiv mehr damit anfangen. 

http://www.youtube.com/watch?v=OZptOs8Gu9k&feature=related[/link]  

Eine wichtige Inspirationsquelle zum Schreiben der Platte war der Tod eines guten Freundes von El-P. Hört ihr das dem Album an?
Frauenarzt: Solche Ereignisse verarbeitet ja jeder auf seine Weise. Aber ich hätte bei dem Hintergrund wohl ein etwas traurigeres Album erwartet.

Wäre so ein Ereignis für euch ebenfalls ein Anlass, um euch in die Musik zu flüchten?
Manny Marc: Ich würde das vielleicht auch in der Musik verarbeiten, aber dann eher mit instrumenteller Musik oder mit sehr verschlüsselten Nachrichten, ohne allzu konkret zu werden. Aber auch das muss jeder für sich selbst entscheiden.  

Auf der Platte hört man sowohl Samples als auch Live-Instrumente. Gefällt euch die Mischung?
Manny Marc: Mir gefällt dieser experimentelle Ansatz. Aber das machen zur Zeit ja viele Leute. Selbst Typen aus der Techno-Ecke gehen gerade mit Band auf Tour. Eigentlich ist das total logisch, denn es werden ja häufig „normale“ Instrumente gesamplet. Das ist nun die Zusammenführung von Dingen, die sowieso zusammengehören.

In der Juice wurde die Platte als härteste seit „Hell Hath No Fury“ von Clipse beschrieben – seht ihr das ähnlich?
Manny Marc: Ich finde sie eher hektisch als hart. Aber was jemand als hart empfindet ist natürlich immer sehr subjektiv. Cannibal Corpse sind härter (lacht). Einigen wir uns ganz diplomatisch darauf, dass die Platte cool ist   B.o.B. – "Strange Clouds"

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 B.o.B. arbeitet auf der einen Seite mit Pop-Sternchen wie Ke$ha und Katy Perry zusammen, auf der anderen Seite aber auch mit Leuten wie Tech N9ne oder Bun B. Viele HipHop-Heads haben ein Problem mit diesem Spagat. Wie steht es mit euch – geht das für euch In Ordnung?
Manny Marc: Das ist vollkommen okay. Man sollte immer das tun, worauf man Bock hat und sich nie an der Meinung der breiten Masse orientieren.
Frauenarzt: Mir gefällt die Produktion. Die ist sehr clean, sehr geil. Zwar etwas experimentell, aber trotzdem sehr poppig. B.o.B. benutzt ja auch sehr viel Autotune. Und Tech N9ne klingt nach Eminem.

Für B.o.B. scheint der Erfolg offensichtlich wichtiger zu sein als Szene-Kredibilität. Seid euren Chart-Erfolgen müsst ihr euch mit ähnlichen „Problemen“ auseinandersetzen. Wie ist das bei euch – was ist wichtiger?
Frauenarzt: Wie gesagt: Man muss immer das machen, was man für richtig hält. Aber es ist doch immer so: Sobald es auch der breiten Masse gefällt, wird es für viele Szene-Leute uncool. Aber es vermischt sich immer mehr. Der Pop-Bereich ist viel undergroundiger geworden – man nehme nur mal die aktuelle Dubstep-Welle, die momentan Einzug in die Popmusik erhält. Das war ja ursprünglich auch eine Untergrund-Bewegung.
Manny Marc: Die Leute müssen einfach mal ihren Stock aus dem Arsch ziehen und sich ein bisschen locker machen. Aber wir lieben unsere Hater. Wenn alle Leute immer alles feiern würden, wäre es eben auch langweilig. Aber wie haben wir es auf „Atzenmusik Vol. 3“ im Song „A.C.A.B.“ doch so schön gesagt: „Alles cool, alles bestens.“

http://www.youtube.com/watch?v=aRJPZdtH8Ws  

Auf dem Stück „Where Are You (B.o.B. vs. Bobby Ray)“ setzt sich B.o.B. selbstkritisch mit der Diskrepanz zwischen sich selbst und seinem Künstler-Alter-Ego auseinander. Habt ihr auch manchmal Probleme, zwischen beidem zu unterscheiden?
Manny Marc: Nein. Das geht bei uns ineinander über. Wir sind privat nicht großartig anderes als auf der Bühne – vom Ausrasten on stage einmal abgesehen. Aber so oder so – wir sind immer wir selbst.

B.o.B. hat in einem Interview gesagt, durch das viele Reisen hätte er sich als Künstler erst gefunden. Habt ihr ein anderes Selbstverständnis von euch erlangt, seit ihr so erfolgreich und damit einhergehend so viel unterwegs seid?
Frauenarzt: Das Reisen ist vor allem anstrengend. Gefunden haben wir uns eher durch die musikalische Auseinandersetzung mit uns selbst, das Herumtüfteln an Geräten und Schreiben von Texten. Auch durch das Auflegen, sprühen, breaken – all diese Bestandteile der HipHop-Szene. Dadurch haben wir uns gefunden. Das ist 100& Atzen-Autenz!


  Roger – "4S Punks"

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Wie gefällt euch die Platte?
Frauenarzt: „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ – das hat uns sehr an die alten Blumentopf-Sachen erinnert.
Manny Marc: An irgendeiner Stelle auf der Platte hat er Elektro-Rap gedisst, da haben wir uns kurz ein bisschen angegriffen gefühlt. Aber ich denke, wir wissen, wie er das meint. Unser Ding ist das nicht so, obwohl wir sein Verfolgen des 90er-Jahre-Ansatzes ganz cool finden. Mir ist das aber auch eine Spur zu ernst.
Frauenarzt: Er hat aber wirklich ein paar gut Reime und Metaphern rausgehauen wie „mehr Träume als ich schlafen kann“ – das find ich geil. Er hat gute Ideen. In Sachen Kreativität ist das super.
Manny Marc: Man merkt, dass er aus einer Zeit kommt, in der Metaphern im Deutsch-Rap noch in waren. Damals haben das zwar viele Leute übertrieben, aber Roger hat das auf seinem Album sehr gut eingesetzt.

Die Platte ist euch mit den vielen Metaphern, Wortspielen und Sinnbildern also nicht zu verkopft?
Manny Marc: Nein. Das ist eine super Scheibe mit geilen Reimen und coolen Beats. Das ist nicht 100%-ig unser Ding, aber das muss es ja auch nicht immer sein.

http://www.youtube.com/watch?v=5pmZBwMZbOg  

In letzter Zeit wurde, gerade auch in Bezug auf deutsche Rap-Veröffentlichungen, häufig von Erwachsenen-Rap gesprochen. Roger fällt auch in diese Kategorie. Gibt es in euren Augen so etwas wie HipHop für Erwachsene?
Frauenarzt: Nein. HipHop ist HipHop – wer will denn da die Trennlinie zwischen Jugendlichen und Erwachsenen ziehen?

Roger hat im Interview mit der Juice gemutmaßt, dass er mit dieser Platte aufgrund der darauf transportierten Stimmung vermutlich nicht in euer Vorprogramm käme. Hat er Recht damit? Manny Marc: Ja. Das würde wohl wirklich nicht so gut zusammenpassen. Aber ich glaube, das ist ein netter Kerl, mit dem wir uns bestimmt gut verstehen würden. Insofern: Viele Grüße an Roger von den Atzen!
  Robert Glasper Experiment – "Black Radio"

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Das Album ist ein Mix aus Rap und Soul auf der Grundlage des Jazz. Gefällt euch die Platte?
Frauenarzt: Und wie! Die hat mir von allen Alben am besten gefallen! Geile Samples, soulfull, jazzig – der perfekte Soundtrack, wenn es draußen regnet und man zuhause auf dem Sofa sitzt.

http://www.youtube.com/watch?v=uzdn_qZUHxE

Für das aufmerksamkeitsdefizitäre Black-Music-Publikum dürfte das Album eine immense Herausforderung darstellen – leichte Kost hört sich jedenfalls anders an. Meint ihr, der durchschnittliche Hörer eines Albums von Jay-Z oder Lil Wayne kann damit etwas anfangen?
Frauenarzt: Es kommt natürlich immer darauf an, wie offen man für so etwas ist. Aber ich finde es immer gut, wenn man auch mal etwas anderes an sich heranlässt außer Standard-Rap. Und wer ein Mindestmaß an musikalischer Offenheit besitzt, der wird nicht umhin kommen, die Scheibe als geil zu bezeichnen.

Auf dem Album gibt es auch eine Cover-Version von Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“, die sich wirklich sehr stark vom Original unterscheidet. Wie gefällt euch der Track?
Manny Marc: Bombe! Total geil! Auf der Platte gibt es keinen schlechten Song. Das Album bekommt eine glatte 1 von uns.   Usher – "Looking 4 Myself" 

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Könnt ihr mit Usher etwas anfangen?
Manny Marc: Oh Gott.
Frauenarzt: Ich bin nicht so großer Fan.
Manny Marc: Die Platte ist zwar spitzenmäßig produziert, der hat ja auch gut Kohle, aber das klingt immer gleich. Entweder man liebt ihn oder eben nicht. Und wir lieben ihn nicht.
Frauenarzt: Ich hätte auch mehr David-Guetta-Style erwartet; ein bisschen mehr Modernität. Mir klingt das zu rückwärtsgewandt. Die Platte hätte auch von 1998 sein können. Aber vielleicht geht seinen Fans vor lauter Nostalgie auch das Herz auf. Wer weiß?

http://www.youtube.com/watch?v=IS4GmLQVx2M

Ihr habt eben die gute Produktion erwähnt. Usher hat mit durchaus fähigen Leuten wie will.i.am, Diplo und Pharrell Williams zusammengearbeitet. Habt ihr deren Handschrift herausgehört?
Frauenarzt: Nein, gar nicht. Ich frage mich auch gerade, welcher Song von der Platte von Diplo sein soll.

Usher ist der Mentor von Justin Bieber. Fluch oder Segen für die Menschheit?
Frauenarzt: Justin Bieber ist super!
Manny Marc: Den haben wir sogar mal kennengelernt, als er bei „The Dome“ war. Das ist aber schon eine Weile her. Ein netter Kerl.
Frauenarzt: Der hat auch kürzlich einen Song mit Far East Movement gemacht, und der ist super. Ich bin jetzt kein riesiger Justin-Bieber-Fan, aber der ist schon okay. Das ist eben ein richtiger Pop-Star.


  Frauenarzts aktuelle Album-Top-5:

Far East Movement – "Dirty Bass"
Ein geiles Dance-Album, das perfekt in die Zeit passt. Ein Club-Brecher von vorne bis hinten.

E-40 – "The Block Brochure"
Ein 3-CD-Album, und jeder Song ist ein Hammer! Für mich ein Klassiker wie Dr. Dres „The Chronic“. Das beste Rap-Album der letzten fünf  Jahre.

Timati – "Swagg"
Ein geiles Album mit super Produktionen von DJ Antoine, das den neuen Dance-Sound mit guten Raps verbindet. Die Platte wird nie langweilig.

Metallica – "Beyond Magnatic"
Eher eine EP, weil bloß vier Stücke drauf sind, aber trotzdem ein Meilenstein. Jeder Song ist ein Kracher. Ein musikalisches Meisterwerk. Das Beste, was Metallica seit Jahren vorgelegt haben.

Alexander Marcus – "Glanz & Gloria"
Der Unterhaltungsfaktor ist perfekt. Ein Album, das einfach nur Spaß macht. Du machst es an und lachst. Wir sind große Alexander-Marcus-Fans.

Manny Marcs aktuelle Album-Top-5:

Cro – "Raop"
Lustig, cool, super!

Deichkind – "Befehl von ganz unten"
Ich hab mir deren Show im Internet angesehen: Dafür muss man denen einfach Props geben. Super Musik und geile Ideen! Wir hatten eine ähnliche Idee wie Deichkind mit ihrem „Illegale Fans“, aber Deichkind sind uns zuvor gekommen. Aber wir haben deren Track gefeiert!

Linkin Park – "Living Things"
Ich habe die immer schon gefeiert. Das ist keine Mucke zum Chillen, aber ich mag diese Mischung aus Melancholie und Aggressivität. Das ist geil!

Summer Cem – "Sucuk & Champagner"
Ich find den Typen super. Und Knoblauchwurst esse ich auch gerne.

Die Atzen – "Atzen Musik Vol. 3"
Ein bisschen Eigenwerbung muss sein. Akustische Atzen-Autenz, die uns literweise Blut, Schweiß und Tränen gekostet hat. Bestellt euch das!

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Frauenarzts Alltime-Album-Top-5:  

2 Live Crew – "As Nasty As They Wanna Be "
Die haben mich musikalisch sehr geprägt, sowohl vom Sound als auch vom Image.

Danzig – "Deth Red Sabaoth"
Ich bin großer Glen-Danzig-Fan, und das ist sein bestes Album.

Beastie Boys – "Licence To Ill"
Eines der ersten Rap-Alben, die ich als kleiner Junge gehört habe. Ich hatte so eine Mix-Kassette mit verschiedenen Songs, und hinten war das ganze Beatsie-Boys-Album drauf. Jeder Song ist geil. MCA rest in peace.

Taktlo$$ - "BRP 3"
Die Platte kam zu einer Zeit raus, an die ich mich extrem gerne erinnere; eine Zeit, in der wir in Berlin mit Leuten wie Sido und der Sekte, Vokalmatador, Taktlo$$, MOR und der ganze Bassboxxx-Clique eine sehr große HipHop-Community hatten.

Egyptian Lover – "On The Nile"
Eines meiner ersten Elektro-Alben. Von den ganzen Roboter-Stimmen, den Vocoder-Einsätzen und den 808-Sounds war ich damals total geflasht. Die zeitloseste Musik, die es gibt.


Manny Marcs Alltime-Album-Top-5:

MC Hammer – "Please Hammer Don’t Hurt ’em"
Das war eine der Platten, durch die ich zum HipHop kam; die habe ich wirklich rauf und runter gehört. Viele wissen es nicht, aber MC Hammer war ein Gangsta-Rapper.

Kraftwerk – "Die Mensch-Maschine"
Songs wie „Wir sind die Roboter“ liefen bei uns früher auf Rotation. Kraftwerk kennt man in der HipHop-Szene ja auch wegen des berühmten Samples von „Planet Rock“ von der Soul Sonic Force. Ein super Album. Wer es nicht kennt: Kaufen! Das ist der Wahnsinn!

O.S.T. – "Rocky 5"
Auf diesem Soundtrack sind ganz viele geile 80er-Jahre-Tracks drauf. Den habe ich früher immer im Walkman laufen gehabt, wenn ich sprühen gegangen bin. Absolute Motivationsmusik.

Ice-T – "Power"
Man könnte eine Liste mit Alltime-Classics alleine mit Ice-T-Alben füllen. Schon allein das Cover von „Power“ ist total geil! Der Typ hat auch eine 100%-ige Atzen-Autenz.

Phil Collins – "Face Value"
Wenn man mal zu viel Rap gehört hat, kann man dazu wunderbar auf der Couch entspannen.

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