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Big Brother im App-Store

Die Firma Facewatch hat in mit der Londoner Polizei eine Denunziations-App veröffentlicht. Smartphone-Besitzer sollen bei der Klärung von Straftaten helfen, indem sie Personen auf Überwachungsbildern identifizieren. Auch die deutsche Polizeigewerkschaft zeigt sich angetan.
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Der Mann trägt einen kurzen Trenchcoat, Röhrenjeans und Lederstiefeletten, ein unscheinbarer Typ mit Handtasche. Irgendwo im Londoner Stadtteil Notting Hill hat er am 12.9.2011 einen Laden betreten und wurde von einer Überwachungskamera aufgenommen. Nun steht sein Bild neben über 5000 weiteren unkommentiert auf der Seite der neuen App Facewatch Id.  

Entwickelt wurde die App von der Firma Facewatch mit Unterstützung des Blackberry-Herstellers Research in Motion, der bereits in der Vergangenheit nicht gerade als Vorkämpfer von Bürgerrechten aufgefallen war. Die Londoner Polizei wiederum hat die App mit den Bildern aus Überwachungskameras gefüttert, die man durch die Eingabe seiner jeweiligen Postleitzahl abrufen kann. Glaubt man eine der gesuchten Personen erkannt zu haben, reicht ein Klick auf „Identify“ um anonym Name, Adresse und weitere Hinweise zum Gesuchten zu hinterlassen. Außerdem können User im Falle eines Überfalls eine Meldung machen, ihr Bankkonto sperren lassen oder gleich eine neue Kreditkarte bestellen.

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Bilder einer Überwachungskamera. Wer den Mann kennt und Facewatch auf dem Telefon hat, könnte ihn jetzt der Polizei melden.

Damit reiht sich Facewatch in eine derzeit recht erfolgreiche Serie sogenannter „Crime Apps" ein, mit denen sich der Nutzer laut der Entwickler besser vor kriminellen Übergriffen jeder Art schützen können soll. So kann man zum Beispiel mit iCrimeAware Mord- oder Vergewaltigungsstatistiken für seinen jeweiligen GPS-Standort abrufen oder mit Offender Locator Listen mit verurteilten Straftätern in der Umgebung anzeigen lassen. Zweitere schaffte es in den USA zeitweise sogar auf Platz Eins der Utility-Kategorie des Iphone App-Stores.

„Ich hoffe, dass zwei Drittel der Londoner Smartphone-Besitzer die App installieren und uns helfen, diese Verdächtigen, die wir verhören müssen, zu identifizieren", meint Mark Rowley, Assistant Commissioner beim Londoner Metropolitan Police Service in einer Pressemitteilung. Seine deutschen Kollegen sind von der App ebenso angetan. „Auch in Deutschland sollte der Polizei ein solches Instrument zur Verfügung stehen“, sagt Bernhard Witthaut, Chef der Gewerkschaft der Polizei gegenüber der taz. Auch Rainer Wendt von der deutschen Polizeigwerkschaft begrüßt im gleichen Artikel die neuen technischen Möglichkeiten. „Die Polizei kann mehr als nur Fahndungsplakate aufhängen."

Problematisch an Facewatch Id ist allerdings, dass zwischen Tätern, Verdächtigen und Zeugen keinerlei Unterschied gemacht wird. Im Kleingedruckten der Website erfährt man zwar, dass die Personen auf den Bildern sich nicht notwendigerweise eine Straftat zuschulden haben kommen lassen. Da man aber als Nutzer abgesehen von der Postleitzahl keinerlei Information zu den Bildern erhält, werden die abgebildeten Personen automatisch als Kriminelle stigmatisiert. Vielleicht war der Mann im Trenchcoat einfach nur einkaufen und höchstwahrscheinlich weiß er nichtmal, dass sein Bild auf Facewatch veröffentlicht wurde. Eine öffentliche Fahndung hat aber in jedem Fall einen rufschädigenden Effekt für die Betroffenen und ist im Falle einer Zeugensuche mehr als unverhältnismäßig. Die Folgen für den Trenchcoat-Mann könnten von misstrauischen Blicken der Nachbarn bis zu physischer Gewalt von Seiten der Straftäter reichen, welche die Zeugen möglicherweise nachträglich einschüchtern wollen.

Außerdem könnten sich friedliche Bürger künftig aus Angst vor dem Online-Pranger von politischen Demonstrationen fernhalten, meint Elke Steven vom Komitee für Grundrechte und Demokratie: „Das wäre katastrophal für die Demokratie“ und ein Verstoß gegen geltendes Bürgerrecht. Der Beigeschmack von nachbarschaftlicher Bespitzelung und Denunziation der sich unweigerlich aufdrängt weckt gerade in Deutschland keine guten Erinnerungen.

„Die Londoner Bürger sollen ungefähr jede Woche die Listen durchsuchen, es werden ständig neue Bilder hochgeladen werden. Eine tolle Art uns zu helfen, Verbrechen zu bekämpfen,“ animiert Polizeichef Mark Rowley. Facewatch-Direktor Simon Gordon ist ebenso stolz auf das Programm. Gerade im für London so wichtigen Olympia-Jahr könne die App dazu beitragen, die Stadt sicherer zu machen. Ob sich mit Smartphone-Apps angesichts der weiter steigenden sozialen Ungleichheit auch zukünftige Unruhen bekämpfen lassen, ist allerdings mehr als fragwürdig.

Text: quentin-lichtblau - Foto: Screenshot

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