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"Aber wie bist du jetzt dahin gekommen?"

Weihnachtszeit ist Technik-Erklärzeit: Eltern und Großeltern wollen wissen, wie der neue E-Book-Reader und die Kamera funktionieren, die für sie unter dem Weihnachtsbaum liegen. Unsere Autorin wird dabei jedes Mal zur schlimmsten Nachhilfelehrerin der Welt. Und hasst sich dafür.
kathrin-hollmer
  • 1032107


Eltern (und alle anderen Menschen), die nicht mit Technik klarkommen, können sehr niedlich sein. Wie die Mama einer Freundin, die eben lernte, einen neuen Tab im Browser zu öffnen und erstaunt feststellte: „Aber dann bin ich ja an zwei Orten gleichzeitig im Internet!“ Oder der Papa einer Kollegin, der lange Zeit Links (auch 116-stellige beim Einkaufen im Netz) Zeichen für Zeichen abtippte, weil er das Prinzip Copy and Paste nicht kannte. Und aus Freude darüber, dass er den Doppelklick draufhat, seitdem einfach auf ALLES doppelklickt. 

Solche Geschichten sind unfassbar süß. Aber, leider: die Ausnahme. Denn in der Regel ziehen technische Probleme die Aufforderung nach der Beseitigung ebendieser nach sich. Und dann fangen die Probleme eigentlich erst an. Das Bedürfnis von Eltern und Großeltern nach technischer Nachhilfe ist besonders an den Tagen nach Heiligabend groß. Dann sind auch die Kinder und Enkel, die nicht mehr zu Hause wohnen, zu Besuch. Und unter den Weihnachtsbäumen liegen Smartphones, E-Book-Reader und Kameras, die – „Jetzt hast du uns das geschenkt, jetzt musst du uns auch zeigen, wie das funktioniert, gell!“ – erklärt werden müssen.

Ich weiß nicht warum, aber wenn ich jemandem erklären muss, wie man mit einem neuen Handy Oma anruft, werde ich früher oder später zur Furie. Das ist schon an einem ganz normalen Tag schwierig. An Weihnachten aber besonders. Auch die harmonischste Feiertagsstimmung leidet unter einem Wutanfall wie von Roy aus der fabelhaften Serie „The IT-Crowd“: Den bittet seine Kollegin einmal, auf ihrem Computer einen Browser zu installieren, woraufhin er auf den „Internet Explorer“-Button zeigt und sie völlig überzeugt antwortet, das sei doch kein Browser, sondern der „Knopf für das Internet“. Er brüllt sie irgendwann einfach nur noch an.  http://www.youtube.com/watch?v=YDNmyyrEZho&list=RDrksCTVFtjM4&index=4 Neulich musste ich meiner Mutter erklären, wie man ihr neues Smartphone bedient. Der Akku ihres Nokia 3210 hält zwar immer noch etwa eine Woche, aber das Display hat inzwischen so viele Sprünge, dass SMS nur noch etwa zur Hälfte angezeigt werden. Also holte sie sich „so ein Telefon zum Wischen“ aus dem Elektronikmarkt. So eins mit Internet und Kamera und der eingebauten Erkenntnis, dass der Begriff „intuitive Bedienung“ sehr subjektiv ist.

Ich setze ihre Sim-Karte in das neue Telefon ein, synchronisiere Kontakte, alles kein Problem. Ich freue mich sogar, ihr neues Telefon zum ersten Mal einzuschalten, wenn da nicht die Gewissheit wäre, dass die Herausforderung erst beginnt: Meine Mutter will ja mit ihrem neuen Handy telefonieren, SMS schreiben, irgendwann vielleicht sogar ein Foto machen. Auch das Wort „WhatsApp“ fällt. Ich atme tief ein und beginne ganz vorne: Grundlagenkurs Telefonieren am Beispiel eines gespeicherten Kontakts. Und mache den Fehler, das Handy anzuschalten, die Kontakte-App zu öffnen und dann mit meiner Mutter bis O wie Oma zu wischen. „Aber wie bist du jetzt dahin gekommen?“, fragt sie. Ich gehe einen Schritt zurück. Auf dem Startbildschirm drücke ich vor ihren Augen auf das kleine Adressbuch, wische wieder bis O wie Oma, drücke auf die Oma und halte meiner Mutter das Telefon ans Ohr. Ich mache es ihr noch ein zweites und ein drittes Mal vor. Als ich gerade zum vierten Mal ansetze, unterbricht sie erneut mit: „Aber wie bist du jetzt dahin gekommen?“ Ich schalte also zusammen mit ihr das Handy an, wische die Bildschirmsperre weg. Erkläre den tieferen Sinn einer Bildschirmsperre. Motze sie an, dass ich nicht weiß, wieso man nach oben und nicht nach unten wischt. Ich schreibe jeden einzelnen Schritt auf einen Zettel. Und sie bekommt es - „Oje, jetzt habe ich wieder irgendwo hin gedrückt, wo ich nicht sollte!“ trotzdem nicht hin. 

Der Satz, der mit „Wie kann man nur so ...“ beginnt

In diesen Momenten bin ich sehr froh, meine offensichtlich zum Scheitern verurteilte Karriere als Lehrerin gar nicht erst begonnen zu haben. Wenn andere Offensichtliches nicht verstehen, habe ich keine Geduld. Schlimmer, ich bin jedes Mal wieder kurz davor, den Satz, der mit „Wie kann man nur so ...“ beginnt, zu vollenden. Ich tue es nicht, weil mir zum Glück einfällt, dass meine Eltern mich auch nicht für blöd erklärt haben, weil ich nicht auf die Welt kam und bereits laufen, Schuhe binden und den Toaster bedienen konnte. Aber ich werde laut und ungeduldig und überheblich. Lauter und ungeduldiger und überheblicher, als ich es eine halbe Stunde später noch mit meinem Gewissen vereinbaren kann. Ich sage und frage dann gemeine Dinge. Ob sie überhaupt weiß, was ein Anschaltknopf ist. Und dass es mir egal ist, wenn sie die SMS nicht lesen kann, und ihr altes Handy wenigstens nervenschonend für ihr Umfeld war. Und schäme mich sehr für jedes einzelne Wort. Weil ich weiß, dass man zu den Menschen, die einem am nächsten stehen, meisten am gemeinsten ist. Und weil ich ja gar nicht so sein will. Ich freue mich ja, dass ich gebraucht werde. Dass mich auch mal jemand als Expertin für irgendetwas wahrnimmt. Ich installiere gerne Drucker und richte Mailprogramme ein. Ich übersetze gern französische Rezepte für meine Freundinnen und erkläre auch zum siebzehnten Mal im Büro, wie man den Computer mit dem Redaktionsserver verbindet. Das Ganze mag ein Generationenkonflikt sein: Computer und Handys zu bedienen ist für mich so selbstverständlich, wie ein Buch in die Hand zu nehmen und darin zu blättern und zu lesen. Mich nervt die Angst vor dem Ausprobieren der Eltern- und Großelterngeneration, die meine fünfjährige Cousine einfach nicht hat, wenn sie mit dem Tablet so lange herumspielt, bis die Kamera-App aufgeht. Aber das ist ja nicht das Problem. Das Problem ist meine Unfähigkeit, auf Anhieb grundlegend zu erklären, wie man mit einem neuen Handy Oma anruft, indem ich an alle Schritte denke, die jemand wie meine Mutter dafür kennen muss. Und, noch mehr, die Tatsache, dass es mich schrecklich langweilt, etwas so Offensichtliches zu erklären. Dafür hasse ich mich. Das ist viel schlimmer, als jemand Anderes zu hassen (dem kann man ja aus dem Weg gehen). Und ganz schlecht für die Weihnachtsstimmung.

Text: kathrin-hollmer - Illustration: Sandra Langecker

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