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Adolf, die Nazisau

Über Adolf Hitler zu lachen ist kein Tabu mehr – Film, Literatur, Musik und Theater machen Hitler gerade zur modernen Witzfigur
lisa-zimmermann

Die Welt ist hart und ungerecht. April 1945, Adolf hockt in seinem Bunker, wird von Winston Churchill mit Telefonstreichen belästigt und darf bei den Sex- und Koksorgien von Eva Braun und Hermann Göring nicht mitmachen. Mahatma Ghandi verschafft sich als Michael Jackson getarnt Zutritt zum „Bonker“ und nervt mit seinen Hungerstreikplänen, und dann säuft Göring auch noch Adolfs Chantre-Vorräte weg. „Der Bonker“ ist der dritte Band von Walter Moers´ Comic-Trilogie über Adolf Hitler, der Ende Juni erschienen ist und den Führer als kleinen cholerischen Wicht illustriert. Dem Comic liegt neben einem Bastelbogen mit Fingerpuppen zum Ausschneiden und Zusammenkleben eine DVD mit dem Reggae „Ich hock´ in meinem Bonker“ bei. In dem Comic-Clip sitzt Adolf mit Schäferhund Blondi in der Badewanne, Hitler-Imitator Thomas Pigor singt über Adolfs Weigerung zu kapitulieren, ein Soul-Chor aus kleinen Badeentchen mit Adolf-Gesichtern schmettert „Adolf, du alte Nazisau“.

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Schon in den ersten beiden Bänden Ende der Neunziger hatte Moers Adolf gründlich in der Weltgeschichte herumpfuschen lassen. Nachdem Adolf einige Monate in der Kanalisation gelebt hatte und über seine Fehler nachdenken konnte („Äch hätte Rossland besser öber die Flanke angreifen sollen“) taucht er wieder auf und gerät in die Wirren der modernen Zivilisation. Sein Psychiater schickt ihn zur Imageaufpolierung in Bioleks Kochstudio, wo Adolf seinen Gastgeber brüskiert („Sä haben da einen ganz höbschen Zänken. Sagen Sä mal… Sänd Sä etwa Jode?“) und wieder mal verbrannte Erde hinterlässt. Als er dann auch noch sein als Schäferhundersatz fungierendes Tamagotchi als japanisches Produkt entlarvt (Chrrr…dä Japsen! Pieppiep am Arsch, Schlätzaugengezöcht!“), verzweifelt Adolf komplett, trifft auf Ledertranse Hermine, die früher mal Hermann Göring hieß, und wird Cracksüchtig. Hitlers Kinder, Soldaten, Sexualität und dann der Untergang Damals, 1998, rief der erste Moers-Band neben Lob auch heftige Kritik hervor – der Comic-Adolf wurde von vielen als Geschmacklosigkeit empfunden. Hitler würde zu sehr vermenschlicht, lautete der Vorwurf. Was vor zehn Jahren noch als Tabubruch galt, wird heute recht unverkrampft von der Öffentlichkeit aufgenommen. Moers ist nicht der einzige, der Späße mit der Figur Adolf Hitler treibt. Das mag an der Flut von Beiträgen über Hitler und jede Facette seines Lebens liegen, die Zeitungen (BILD: „War Hitler schwul?“) und das Fernsehen in den vergangenen Jahren produzierten. Im Fernsehen reichte das von „Hitlers Helfern“ über „Hitlers Frauen“ und „Hitlers Krieger“ bis „Hitlers Kinder“. Bruno Ganz´ Hitler-Darstellung in Bernd Eichingers Monumental-Kinofilm „Der Untergang“ inspirierte Harald Schmidt zu einer Parodie. Er ließ es sich nicht nehmen, als Adolf in Naziuniform im abgedunkelten Studio im Kunstschneegestöber die Jugend in Deutschland vor rechtsextremistischem Gedankengut zu warnen. Bruno Ganz´ Performance war nicht als Parodie gemeint, und doch wirkte Hitler im „Untergang“ manchmal wie eine Karikatur, etwa wenn er seiner Köchin für die vegetarische Pasta dankt („Danke, das war sähr got!“). Durch die intensive Beschäftigung mit Adolf Hitler hat eine Annäherung an seine Figur stattgefunden, vielleicht hat diese Annäherung das Tabu des Witzemachens aufgehoben. Tabus dürfen gebrochen werden Im Januar kommt Helge Schneiders neuer Film in die Kinos – er spielt Adolf Hitler. Der jüdische Regisseur Dani Levy, der mit „Alles auf Zucker!“, einer Komödie über heutiges jüdisches Leben in Deutschland, riesigen Erfolg hatte, führte auch bei diesem Projekt Regie. In „Mein Führer – die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ ist Hitler ein von Neurosen geplagtes Wrack, das nur dank eines Juden zu seiner erstaunlichen Wirkung in der Öffentlichkeit kommen konnte. In einem Interview mit dem „Spiegel“ hat Levy erklärt, dass Witze über Hitler heute in Ordnung sein müssen: „In diesen experimentellen Zeiten ist alles erlaubt. Tabus dürfen gebrochen und die Grenzen des guten Geschmacks verletzt werden – solange das Gewissen auf der richtigen Seite steht.“ Helge Schneider tritt damit in die Fußstapfen des berühmtesten Hitler-Imitators, Charlie Chaplin. In dessen 1939 gedrehter Hitler-Persiflage „Der große Diktator“ treibt ein Tyrann namens Adenoid Hynkel sein Unwesen. Auch am Theater ist Hitler als Witzfigur angekommen. Am Schauspielhaus Hamburg hatte im Mai das Stück „Mein Ball. Ein Deutscher Traum“ Premiere. Auch hier geht es um die letzten Tag im Führerbunker, Hitler will kurz vor seinem Selbstmord noch eine Strategie entwickeln, wie Deutschland auf jeden Fall Fußballweltmeister wird. Hollywood steuerte zur Hitler-Verulkung 2006 die Neuauflage von Mel Brooks´ „Springtime for Hitler“ bei. Schon 1968 hatte Brooks eine Komödie über zwei jüdische Broadwayproduzenten, die mit einem Musical über Adolf Hitler absichtlich einen Flop landen wollen, gedreht. 2001 wurde das Musical zum Film, „The Producers“, ein Riesenerfolg auf dem Broadway, und eine Neuauflage des Films mit Matthew Broderick und Uma Thurman lief dieses Jahr in den deutschen Kinos. Es hat über sechzig Jahre gedauert, aber nun ist Lachen über Hitler weitgehend in Ordnung. Charlie Chaplin hatte dafür schon 1940 plädiert. Der „New York Times“ sagte er damals: „Was das Komische an Hitler betrifft, möchte ich nur sagen, dass es, wenn wir nicht ab und zu über Hitler lachen können, noch viel schlechter um uns bestellt ist als wir glauben. Es ist gesund zu lachen, auch über die dunkelsten Dinge des Lebens.“

kannst du dir das Video zu „Ich hock in meinem Bonker” anschauen. Bilder: Piper Verlag

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