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Bankencrash selbstgemacht

Französische Aktivisten rufen zu einer europaweiten und gemeinsamen Kontokündigung am 7. Dezember auf. Jeder soll sein Geld vom Konto holen. Die Frage ist nur: Was bringt dieser Protest?
anna-kistner

In Frankreich wurde die letzten Wochen genug protestiert – zumindest finden das die drei fanzösischen Staatsbürger Yann Sarfati, Arnaud Varnier und Geraldine Feuillien. Da das Demonstrieren auf offener Straße und vor Parlamenten offenkundig nichts gebracht habe und - so ihre Feststellung - die reale Macht sowieso in den Händen internationaler Banken und Konzerne liege, wollen sie mit einer neuartigen Protestform für Aufsehen sorgen: am 7. Dezember sollen alle Bürger des Landes ihr Konto auflösen und sich ihr Geld bar auszahlen lassen. Anschließend, so schlagen die Aktivisten vor, kann man das Geld erstmal in einen Koffer legen oder es bei einer sozialen Bank anlegen. Rund 7000 Menschen haben sich auf der mit dem Aufruf verknüpften Facebook-Seite zum Mitmachen angemeldet.

Der Anlass als auch die konkreten Forderungen, die mit der Aktion stopbanque verknüpft sind, bleiben vorerst etwas im Vagen. „Wir sind uns bewusst, das wir uns in Krisenzeiten mit hoher Arbeitslosigkeit befinden, und dass die Mehrheit pure Existenzangst beschäftigt und das Gefühl sich breit macht, keine Mittel zu haben, um etwas zu verändern“, heißt es auf der Homepage der Aktivisten. Wenn viele Menschen auf einen Schlag ihr Geld dem Banksystem entziehen, könne man „Druck aufbauen, damit Politiker merken, dass ihre Macht heute nur noch existiert weil wir es dulden. Wenn diese Aktion gemeinsam und massiv stattfindet, können wir damit unsere abgehobenen Eliten zum Zittern bringen.“ Der Aufruf klingt sehr pathetisch und ein wenig nach französischer Revolutionsromantik. Besonders im Lager der Stuttgart21-Gegner scheinen Töne wie diese auch in Deutschland auf Gehör zu stoßen. Seit ein paar Tagen kursieren auf Twitter Aufrufe zum Schwaben-Bankenstreich, die mit der Homepage der „stopbanque“-Aktion verlinkt sind. User mit Stuttgart21-Prostestplakaten als Konterfei fordern den „Bankencrash 2.0“. Seit Montag gibt es auch eine deutsche Homepage, die unter dem Motto „Jetzt kommen die Bürger!“ zum Bankenstopp am 7. Dezember aufruft.

Doch was bringt eine solche Protestform? Klaus Abberger arbeitet am Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (ifo), wo er sich auch mit dem Phänomen „Bankrun“ beschäftigt – dem Fachausdruck für einen Ansturm der Anleger auf ihre Spareinlagen. jetzt.de: Herr Abberger, ist die geplante „Stopbanque“-Aktion ein ernstzunehmendes Schreckenszenario für das deutsche Banksystem? Klaus Abberger: Das hängt davon ab, wie viel Geld die Leute besitzen, die sich an der Aktion beteiligen. Generell ist so ein Bankrun etwas sehr Gefährliches. Wenn eine Bank auf einen Schlag mehr Geld auszahlen muss, als sie in ihren Tresoren liquide zur Verfügung hat, wird sie zahlungsunfähig und geht damit pleite. Völlig unabhängig davon, ob sie gesund ist und gut arbeitet. Was ist daran gefährlich? Geht eine Bank bankrott, kann es schnell zu einer Panik kommen, die die ganze Bevölkerung erfasst und im schlimmsten Fall zum Zusammenbruch des Banksystems führt. Am Anfang der Weltwirtschaftskrise - als die Bank Lehman Brothers zusammenbrach – wollten viele Menschen ihr Geld in Sicherheit bringen, was dazu geführt hat, dass in Deutschland an einem Tag mehr Geld abgehoben wurde als den ganzen Monat davor. Angela Merkel hat daraufhin eine Garantie für Spareinlagen ausgerufen, so dass es zum Glück nicht zu einem „Bankrun“ auf die Geldautomaten und Bankfilialen gekommen ist. Könnte der 7. Dezember also tatsächlich zu einem Datum für eine Art neuerlichen Bankencrash werden? Die Frage ist, wieviele Menschen da vor einer Filiale zusammenkommen und inwiefern sich die Banken darauf vorbereiten können. Der Termin für die Aktion ist ja öffentlich bekannt, so dass die Geldinstitute womöglich nicht überrascht sein werden, am 7. Dezember mehr Bargeld als sonst auszahlen zu müssen. Wie viele Menschen müssten denn gleichzeitig ihr Geld abheben, dass die Liquiditätsreserveren des Bankensystems ernsthaft in Gefahr wären? Wenn mehrere tausend Menschen tausend Euro abheben, wird das – meiner Einschätzng nach – kaum Auswirkungen haben. Er wird dann gefährlich, wenn Banken mehrstellige Millionenbeträge auf einen Schlag ausbezahlen müssen. Und wenn sich der Wunsch nach Bargeld durch eine Massenpanik mit jedem neuen Tag verstärkt und zu einer Art Lawine wird. Eine einmalige Aktion einer Gruppe Menschen wird die Liqudiditätsreservern der deutschen Banken nicht aufbrauchen können. Was passiert denn aber, wenn eine Bankfiliale einfach kein Geld mehr in ihrem Tresor hat, weil tausend Leute vor dem Geldautomaten stehen und fleißig abheben? Hat eine Bankfiliale kein Geld mehr flüssig, kann sie einfach ihre Türen schließen, Geld aus anderen Geschäftsstellen kommen lassen und am nächsten Tag wieder aufmachen. Übrigens gilt, meines Wissens nach, auch immer noch die Garantie der Bundesregierung auf die Spareinlagen. Wenn eine Bank zahlungsunfähig ist, weil sie ihr Anlagevermögen nicht so schnell liquide machen konnte, um die Kunden an den Schaltern auszahlen, springt die Bundesregierung ein. Was halten Sie denn persönlich von der Aktion? Ich will mir dazu keine Meinung erlauben. Ich finde, man kann über Banker-Boni und -Gehälter durchaus diskutieren, möchte aber zu bedenken geben, dass eine Zerstörung des Bankensystems immer auch die Zerstörung des Wirtschaftssystems bedeuten wird. Die Kernaufgabe der Banken liegt darin, Geld von Sparern oder Anlegern in Kredite für Maschinen, Investitionen und Immobilien zu verwandeln. Dafür, dass Menschen den Banken ihr Geld zur Verfügung stellen, bekommen sie dann die Zinsen. Ohne ihr Geld und ohne die Transformationsfunktion der Banken würde das Wirtschaften nicht funktionieren. Deswegen sind Politiker auch immer so besorgt, das Bankensystem am Laufen zu halten.

Text: anna-kistner - Illustration: Katharina Bitzl

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