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Bei dem ich mein Leben kopiert habe

Der wichtigste Mensch im Studium eigentlich ist der Copyshopmann. Zeit, sich deswegen endlich mal bei ihm zu bedanken.
nadja-schlueter

Lieber Copyshopmann,  

ich weiß, dass das nicht dein Name ist. Ich habe ihn vergessen, habe ihn nie ausgesprochen, und das tut mir leid.  Sicher fragst du dich, warum ich dir schreibe, obwohl ich noch nicht mal weiß, wie du heißt. Aber ich sitze hier und warte täglich darauf, dass mich die Note meiner Masterarbeit erreicht und ich exmatrikuliert werde. Ich warte auf das endgültige Ende meines Studiums und ich sag dir jetzt mal was, das du bestimmt nicht oft hörst: Du warst der wichtigste Mensch in diesem Studium. Ohne dich hätte ich nichts gelernt und wäre überall durchgefallen. Eigentlich warst du tausend Mal wichtiger als meine Dozenten, als die Kommilitonen und die Bedienung im Stammcafé, als die mütterliche Sekretärin und die mürrische Dame aus dem Prüfungsamt. Aber du hast daraus nie eine große Sache gemacht, du bist bescheiden, Copyshopmann, du verbreitest auf eine charmante Art eine völlige Gleichmut, und das zeichnet dich aus.  

Als Student muss man sehr viel kopieren, drucken und binden lassen. In den Kopierern in der Unibibliothek ist aber fast immer Papierstau und im Drucker daheim ist immerzu die Patrone oder der Toner leer. Du aber hast es zu deiner Aufgabe gemacht, Papierstaus zu beseitigen und Toner auszuwechseln. Das machst du den ganzen Tag und darum ist Verlass auf dich: Man kommt in deinen Laden, in dem es immer ein bisschen nach warmgelaufenen Elektrogeräten, Tinte und Papier riecht, und weiß, dass hier die Drucker, Kopierer und Scanner unter deinem Regiment schnurren. Und wie in einem gut abgestimmten Orchester brummst auch du ein „Ja“ oder ein „Nein“, wenn man eine Frage stellt. Du machst nicht viele Worte, du druckst sie aus und scannst sie ein, das reicht.  

Ohne den Copyshopmann versinkt man im Dokumentenchaos. Darum sollte auch diese junge Frau ihn vielleicht mal aufsuchen - das hilft!

Wir kennen uns seit meiner ersten Hausarbeit. Ich war sehr aufgeregt damals und habe viel kopiert, weil ich glaubte, alles lesen zu müssen. Du bist niemand, der emotional aufgeladene Studenten in den Arm nimmt und sie auffordert, alles mal rauszulassen. Du wechselst Toner und beseitigst Papierstaus, während die verzweifelten Erstsemester verschwitzt an deinen Kopierern rotieren. Langsam, ganz langsam, werden sie dabei ruhiger und verfallen der meditativen Kopierstimmung, die in deinem Laden über allem liegt, über den grauen und blauen Farbtönen der Wände und wuchtigen Geräte, über den witzigen ausgedruckten Cartoons, die an der Wand hängen, über dem Verkaufsregal mit buntem Tonpapier, Heftern, Kleber und Radiergummis. Plötzlich merken sie: Ist alles gar nicht so schlimm, das Leben geht weiter, neue Kopien werden kommen, neue Semester, neue Hausarbeiten, neue Noten, neue Versuche. Im kleinen Reich des Copyshops, in dem du als stiller Herrscher schaltest und waltest, werden junge studentische Seelen besser geheilt, als jedes Bier und jede Ersti-Party das könnten.  

Du hast meine erste und meine zweite und alle weiteren Hausarbeiten gedruckt. Ich habe meine Unterlagen für die Praktikumsbewerbungen und den Auslandsaufenthalt bei dir zusammengestellt und Reader meiner Dozenten bei dir gekauft. Du hast meine Bachelorarbeit gebunden. All das Papier, das mich in den letzten Jahren dokumentierte, lag schon auf deinen Geräten, mein ganzes Leben habe ich bei dir kopiert und gescannt: Abizeugnis, Impfpass, Personalausweis, Reisepass, Rechnungen, Praktikumsbescheinigungen, Passfotos. Zum Schluss hast du das pdf-Dokument, das meine Masterarbeit sein sollte, erst in eine verwandelt, in dem du sie gedruckt und mit einem dunklen Umschlag veredelt hast. Eigentlich müsstest du mich besser kennen als meine Eltern, eigentlich hättest du mich umfassender überwachen können als jeder Geheimdienst der Welt. Aber ich habe dir vertraut, ich vertraue dir heute noch.  

Trotzdem ist es jetzt vorbei. Niemand braucht dich so sehr wie Studenten und bald bin ich keine Studentin mehr. Ich arbeite sogar schon, ich könnte mir einen Drucker mit Kopier- und Scanfunktion leisten. Aber wer wechselt mir dann den Toner aus? Und werde ich überhaupt jemals wieder so viel drucken und kopieren müssen? Vielleicht komme ich noch mal vorbei, um Bewerbungsunterlagen fertig zu machen. Dann kannst du sehen, was aus mir geworden ist, wenn du möchtest. Vielleicht lasse ich eines Tages Hochzeitseinladungen, das erste Foto meines Kindes oder ein Kündigungsschreiben bei dir drucken. Aber es könnte auch sein, dass ich dich nicht mehr brauche, Copyshopmann, und damit du dich nicht wunderst, dass ich nicht mehr komme, schreibe ich dir diesen Brief, um Danke zu sagen. Vielleicht liest du ihn und druckst ihn aus. Das fände ich schön.  

Viele Grüße,
Nadja 


Text: nadja-schlueter - Foto: JoeEsco / photocase.com

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