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Bückt euch!

Beyoncé Knowles war die Parade-Feministin des Pop - bis jetzt. Seit ihrer neuen Single gilt sie abwechselnd als brave Ehefrau oder stutenbissige Zicke. Aber wie viel Interpretation verträgt ein Song überhaupt?
nadja-schlueter

Alle lieben Beyoncé. Aber seit ihre neue Single draußen ist, schlägt die große Liebe auf einmal in große Enttäuschung und Kritik um. Eigentlich ist Beyoncé ja die Vorzeige-Popdiva unserer Tage, die perfekte Mischung aus starker Frau, harter Businesslady und großer Stimme. Gerade 2013 schien bisher ihr Jahr zu werden. Innerhalb der ersten sechs Wochen des Jahres ist sie schon bei zwei der größten Ereignisse der amerikanischen Öffentlichkeit aufgetreten: bei Obamas zweiter Amtseinführung und beim Superbowl. Im Februar feierte auf HBO die 90-minütige Beyoncé-Doku „Life Is But a Dream“ Premiere, die diesen Mittwoch erneut läuft. Vergangene Woche wurde dann die erste Single „Bow Down“ aus ihrem neuen Album veröffentlicht, das dieses Jahr erscheint. Und genau an dieser Single reiben sich die Fans und Journalisten gerade. Wegen ihr entspinnt sich um Beyoncé eine Gesinnungsdebatte, die beweist, wie wichtig die Sängerin mittlerweile ist. Und vielleicht auch, dass die Liebe zu ihr in letzter Zeit ein bisschen zu groß geworden ist.  

Bisher immer geliebt, jetzt auch ein bisschen gehasst: Beyoncé Knowles.

Angefangen hat das Ganze mit einem Artikel im Telegraph. Beyoncé, so heißt es dort, sei immer die „Superwoman“ gewesen, die sogar Präsident Obama seinen Töchtern als Vorbild empfiehlt. Mit den Songs von Destiny’s Child habe sie Frauen ermutigt, sich niemals von Männer unterkriegen zu lassen. Und „Single Ladies“ sei der Wohlfühlhit gewesen, der ganz auf die Männer pfiff und auf die „Independent Women“ baute. Aber in den vergangenen Monaten habe Beyoncé sich für einen Richtungswechsel entschieden. Erstens nenne sie ihre Tour „Mrs. Carter“ und sich selbst damit nach ihrem Ehemann Jay-Z, und zweitens sei da diese neue Single. Die Refrain-Zeile „Bow down bitches“ kommt sehr häufig darin vor. "I know when you were little girls / You dreamed of being in my world / Don't forget it, don't forget it / Respect that, bow down, bitches", singt Beyoncé und die Telegraph-Autorin ist schrecklich enttäuscht, dass ihre Fans von den „Independent Women“, die sie anno dazumal besungen hat, zu ihren „Bitches“ geworden sind, die sich vor ihr zu bücken haben.  

http://soundcloud.com/beyoncemusic/bow-down-i-been-on Beyoncés neue Single "Bow Down"

Beyoncés Einfluss reicht so weit, dass ihre Single und der Artikel im Telegraph sogar vom erzkonservativen Haudegen-Radiomoderator Rush Limbaugh aufgegriffen wurden. Der interpretiert das „Bow down“ allerdings folgendermaßen: „Sie hat den reichen Kerl geheiratet. Jetzt versteht sie, dass es sich lohnt, sich zu bücken.“ Sie nenne sich Mrs. Carter, weil sie Beyoncé „entsorgt“ habe. Für einen mit Limbaughs Weltanschauung ist das natürlich eine ebenso amüsante wie befriedigende Interpretation: Ist eine Powerfrau erstmal unter der Haube, merkt sie bald, was ihre eigentliche Rolle in der Welt ist.  

Natürlich hat man Limbaugh schon längst seine Missinterpretation nachgewiesen. Immerhin lautet eine Zeile in „Bow down“: „I took some time to live my life / But don't think I'm just his little wife“. Also nichts mit braver Ehefrau und dem Ende der weiblichen Unabhängigkeit. Doch damit ist die Debatte noch nicht zu Ende. Im US-Magazin The Atlantic ist ein Text erschienen, der den Titel „What Rush Limbaugh Got Right About Beyoncé“ trägt. Der Autor fasst zusammen: der Telegraph und Limbaugh seien sich, trotz aller Unterschiede, immerhin einig, dass es in Beyoncés feministisch angehauchter Grundhaltung eine Veränderung gegeben habe. Und setzt dem erstmal eine Haltung entgegen, die keine ist: „Ich bin mir nicht sicher.“ Dem lässt er die etwas krude These folgen, Beyoncé habe ihren Status als „independent woman“ immer schon damit klargestellt, dass sie ihre „sisters“ in ihren Songtexten gedisst hat. „Survivor“ zum Beispiel, der Song den der Telegraph als Absage an Exfreunde versteht, sei in Wirklichkeit gegen Boyoncés ehemalige Destiny’s Child-Kolleginnen LeToya and LaTavia gerichtet; also mehr so eine Art stutenbissiger Zickensong. „Queen Bs“ Girl-Power sei eine, die erst mal sie selbst meint – und  erst dann alle anderen Girls. Wenn das stimmt, dann ist „Bow down“ nur die logische Fortsetzung davon. Dann sagt die Königin ganz einfach: „Buckelt vor mir, Untertanen!“  

Ganz zum Schluss rührt der Atlantic-Text noch an einem Fakt, der vielleicht am ehesten Beyoncés Stand oder nicht-Stand als Mainstream-Feministin beschreibt: Ihre Rockstar-Pose, mehr noch ihre Hip-Hopper-Pose. Beyoncé, das Mädchen aus H-Town, das mit den großen Jungs mithalten kann. Auch, indem sie tut, was sie mit „Bow Down“ tut: Frauen erniedrigen und beleidigen. Und wenn sie „Bitches“ sagt, so der Atlantic, dann meint sie wahrscheinlich nicht mal nur Frauen. Sondern auch eine Menge Männer, die sie geringschätzt. So bleibt Weiblichkeit eine Beleidigung. Und das ist ungefähr das Gegenteil einer feministischen Botschaft.  

Die Diskussion ist verwirrend. So verwirrend, dass sie über das hinausgeht, was Beyoncé wirklich sein kann. Sie ist weder die brave Hausfrau noch die Oberfeministin. Sie ist ein Superstar. Aber weil sie wirklich Talent hat, ist sie zur Vorzeige-Diva geworden, deren Worte und Gesten mittlerweile auf die Goldwaage gelegt werden. Sie hat Macht und wird so wie von selbst zur Meinungsmacherin. Vielleicht will sie das aber gar nicht sein. Der selbe Autor, der sie im Atlantic jetzt kritisiert, ist eigentlich ein Fan von ihr und hat in einem Text schon einmal darüber nachgedacht, warum nicht mehr Menschen sie für ein Genie halten. Er kommt zu dem Schluss: Weil sie das nicht will. Weil sie lieber Beyoncé sein will, die Frau in den Charts, die Mainstream-Hits performt, statt wirklich anspruchsvolle Musik zu machen – obwohl sie das ebenso könnte. Wenn man die Botschaften ihrer Texte derart auseinandernimmt, dann könnte man sie also überschätzt nennen. Besser nennt man sie: überinterpretiert. Den größten Beitrag, der damit zur Feminismusdebatte geleistet wird, findet man wahrscheinlich auf der Metaebene: „Bow down“ wäre kein so großes Ding, wenn diese Liedzeile ein Mann singen würde.

Text: nadja-schlueter - Foto: dpa

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