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"Das können wir nicht, wir sind Hauptschüler"

Das deutsche Bildungswesen ist ungerecht. Im Buch "Was bildet ihr uns ein?" fordern 30 junge Autoren nun seine grundlegende Reform.
tim-rittmann

„Heißt Du Ali, hast du gleich verloren" weiß Bettina Malter. Denn wie Kevin ist auch Ali kein Name, sondern eine Diagnose. Lernschwächen und Verhaltensauffälligkeit, Sprachschwierigkeiten und bildungsfernes Elternhaus sowieso: Viele Alis müssen sich Zeit ihres (Schul-)Lebens dagegen wehren, diese Stempel aufgedrückt zu bekommen. Das beginnt schon vor der Grundschule, wenn die kleinsten Alis wegen tatsächlich oder auch nur angeblich unzureichender Deutschkenntnisse ein weiteres Jahr im Kindergarten bleiben müssen – und mit fünf Jahren sitzenbleiben, bevor es überhaupt losgeht. Eine Menge Hürden verstellen ihre Schullaufbahnen. Doch ist ihr Bildungsweg auch nicht als Langstreckendisziplin vorgesehen. Sie gehen schnell von der Schule ab, machen eine Ausbildung und verdienen das erste Geld. Sie träumen von einer Karriere, die sie vom Tellerwäscher zum Millionär macht. Die meisten bleiben Tellerwäscher.

 

In ihrem Buch „Was bildet ihr uns ein?" benutzen Bettina Malter und Ali Hotait gerne das Bild vom Hürdenlauf. Sie wollen erklären, wie ungerecht, kompliziert und unzeitgemäß das Bildungssystem in Deutschland ist, von der Früherziehung bis zum Hochschulabschluss. Wo Hindernisse aufgestellt sind (überall), was schief läuft (Föderalismus, Noten, Leistungsdruck, Frontalunterricht, Standesdünkel, Vorurteile), wo es besser ist (Skandinavien), und wo man ansetzen muss, um das Lernen gerechter und effektiver zu machen (auch überall). Der Untertitel des Buchs lautet: „Eine Generation fordert die Bildungsrevolution." Ein Reförmchen bringt nämlich nichts, so das einhellige Credo von insgesamt 30 Autoren, die an dem Buch mitgewirkt haben. Malter und Hotait sind hauptsächlich die Initiatoren und Herausgeber. Aber sie sprechen aus eigener Erfahrung.

 

Ali Hotait und Bettina Malter, die Herausgeber des Buches

 

Ali Hotait ist 35 und promoviert gerade an der Uni in Erfurt, nicht in Pädagogik oder Soziologie, sondern in Wirtschaftsingenieurwesen. Er hat das Kapitel „Ich werd' die Hauptschule nicht mehr los" beigesteuert. Hotait schildert darin seine Odyssee durch alle Bildungsstätten und den Weg durch den so genannten Bildungstrichter, der immer enger und enger wird und daher immer weniger Schüler in die weiterführenden Schulen und Hochschulen durchlässt. Die ersten Schuljahre verbrachte Hotait im Libanon, ist aber mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen. Trotzdem bekam er, angekommen in Deutschland, bloß eine Hauptschulempfehlung ausgesprochen, trotz befriedigender Noten. Die Hauptschule, sie wurde zu seinem Stigma. Hauptschule bedeutet meistens: Endstation. „Der Weg zum Abitur schien mir verschlossen", schreibt er im Buch, „niemand der damaligen Lehrer hatte mir einen solchen Weg aufgezeigt". Deutschland, vom Land der Dichter und Denker zum Land der Bildungsimmobilität. Nach der Schule folgte die Ausbildung zum Industriemechaniker, danach die Fließbandarbeit. 

„Den meisten Hauptschulabgängern wird geraten, einen Ausbildungsberuf zu ergreifen", sagt Bettina Malter. Drei Jahre hat sie ehrenamtlich mit Hauptschülern in Berlin zusammengearbeitet. Sie war schockiert, wie die Schüler und Schülerinnen ihre eigene Perspektivlosigkeit zu akzeptieren schienen. „Ständig hörte ich Sätze wie ‚Betty, das können wir nicht, wir sind Hauptschüler'. Eine Schülerin hatte den Wunsch, Arzthelferin zu werden," erzählt die 27jährige, die selbst im Berliner Problembezirk Marzahn aufgewachsen ist, „die Lehrerin riet ihr jedoch dazu, besser eine Lehre als Friseurin anzufangen." Im Buch gibt Malter ihre Eindrücke weiter, ergänzt durch weitere Perspektiven, oft in Form von Steckbriefen. Malter will sich nicht einfach beschweren. Sie will kein Meckerbuch schreiben wie Thilo Sarrazin, sondern ein System verändern, „das darauf ausgelegt ist, das Leute scheitern".

 

Die Illustratorin Eva Schönfeld hat das Buch gestaltet. Die angepriesene Revolution der 30 Autoren bringt nicht einmal radikal neue Ideen ins Spiel, nur neue Forschungsergebnisse. Progressive Lehr- und Lernmethoden wie Individualunterricht oder das Abschaffen von Noten gelten in Deutschland vielerorts immer noch als esoterisch und zu modern. Dabei wurden sie von den Reformpädagogen bereits vor über einem Jahrhundert erdacht. „Deutschland hat mit der frühen Abtrennung einer gymnasiale Elite das rückständigste Schulsystem in ganz Europa. Dabei ist längst bewiesen, dass gute und weniger gute Schüler besser lernen, wenn sie miteinander lernen", weiß Malter und schwärmt von schwedischen Schulen. Tatsächlich werden Eliten geschaffen, anstatt sich selbst auszubilden. Sie sind das Produkt ehrgeiziger Vorgängergenerationen und dabei weniger besonders, als sie selbst von sich denken.

 

Apropos Elite: Ali Hotait hat über den zweiten Bildungsweg zuerst die Fachhochschulreife gemacht. Mit einem Fachabitur steht mir die Welt offen. Habe ich jedenfalls gedacht." Aber für ach! – Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie reichte sein Abschluss als Qualifikation nicht aus. Ist halt so. Darum also was Technisches: Wirtschaftsingenieurwesen. Einen Doktor durfte er an seiner Hochschule wiederum nicht schreiben. Nur an Universitäten. "Ich bin nun unendlich froh, die heiligen Hallen einer Universität betreten zu dürfen", sagt Ali und lächelt süffisant.

 

Bettina Malter/Ali Hotait: Was bildet ihr uns ein? Eine Generation fordert die Bildungsrevolution. Jetzt erschienen im Vergangenheitsverlag, 19,90 €.

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