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Das Leben als Hotspot

"Help bring street newspapers into digital age", heißt es auf der Webseite von "Bartle Bogle Hegarty". Das Marketingunternehmen aus Amerika möchte den Straßenzeitungsverkauf modernisieren - mit Obdachlosen als Internetzugang.
andrea-wieczorek

Fährt man in Berlin U-Bahn, kann man sich sicher sein früher oder später einem Straßenmusiker, Bettler oder Straßenzeitungsverkäufer zu begegnen. „Motz“, „Biss“ oder „Straßenfeger“ heißen die Zeitungen, sind je nach Jahreszeit thematisch aufgebaut und beinhalten Artikel von oder über Obdachlose. Clarence aus New Orleans lebt auch auf der Straße und sammelt Spenden. Allerdings verteilt er im Gegenzug keine Zeitungen, sondern bietet Zugang zum Internet. Möglich gemacht wird dieser Verdienst durch das amerikanische Marketingunternehmen „Bartle Bogle Hegarty“ (BBH).  

„Help bring street newspapers into the digital age“, heißt es auf der Webseite von BBH. Erkennbar sind die menschlichen Hotspots an den T-Shirts: „I am a 4G Hotspot“. Man kann hingehen, so viel Geld bezahlen wie man möchte, sich mit seinem Internethandy daneben stellen und im Web surfen.  Die Idee wurde auf dem SXSW-Festival, einer Plattform für kreative Ideen und technologische Innovation, in Austin, Texas, vorgestellt und sorgte im Internet sofort für Diskussion: „Do we know for sure that this is a real thing and not brilliant parody?“  


Alle Obdachlosen, die an dem Projekt "Homeless Hotspot" teilnehmen, werden auf der Internetseite vorgestellt.

Dabei steckt hinter den „Homeless Hotspots“ rein wirtschaftlich eine logische Idee. Tim Nolan und Saneel Radia von BBH beobachteten in New York, dass Straßenzeitungsverkäufern von Passanten meist ignoriert werden, einfach weil das angebotene Produkt sie nicht anspricht. Denke ich an Berlin und die „Straßenfeger“-Verkäufer, kann ich dem zustimmen. Sobald in der U-Bahn eine laute Stimme mit den Worten „’Tschuldigen Sie die Störung zu dieser Stunde...“ ertönt, höre ich jemanden stöhnen, sehe wie mein Nachbar die Augen verdreht oder ich selbst beschämt zu Boden gucke. Ein paar Euro kommen pro Abteil schon zusammen, aber für die Zeitung interessieren sich Wenige und verzichten trotz Spende meist darauf. Der Verkauf von Straßenzeitungen dient der neuen Idee aber als Vorbild. Der Obdachlose hat die Rolle eines Unternehmers, der den Erlös seines Verkaufes behalten darf. Mit dem Hotspot-Angebot wird ein neuer Anreiz zum Kauf geschaffen. Fast das ganze Leben der heutigen Gesellschaft spielt sich im Internet ab – Arbeit,soziale  Kontakte, persönliche Interessen. So ein Hotspot auf der Straße findet sicher Anklang.  

Aber sind die Obdachlosen wirklich noch eigenständige Dienstleistende? Der Spruch auf dem T-Shirt „I am a 4G Hotspot“ macht die Menschen eher zu Gegenständen – Gegenstände die Zugang zu einem Service anbieten, der uns privilegierten Menschen vorbehalten ist. Im Gegensatz zu den Straßenzeitungen fehlt hier ebenso der Inhalt. Diese berichten von lokalen, aktuellen Problemen der obdachlosen Bevölkerung, weisen auf Projekte oder andere aktuelle Entwicklungen von Vereinen hin, die sich um obdachlose Menschen kümmern. Das fällt bei den „Homeless Hotspots“ weg.  

Um ehrlich zu sein wäre es mir auch unangenehm, mit einem Luxuskonsumgut wie einem teuren Internethandy neben dem auf der Straße lebenden Clarence aus New Orleans zu stehen um meinen Facebook-Status zu aktualisieren oder E-Mails zu checken. An sich ist die Idee, das Straßenzeitungs-Model unserer digitalisierten Zeit anzupassen, fortschrittlich und notwendig. Aber Clearance, Jonathan oder Gilbert werden als Hotspot doch eher zu einem Wirtschaftsgut reduziert. Wir bezahlen für einen Zugang. Dass dahinter ein Mensch steckt, könnte uns bald nicht mehr interessieren.

Text: andrea-wieczorek - Foto: http://homelesshotspots.org/

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