Partner von

Der kleine Knastkanal

Für das Projekt "Podknast" berichten junge Häftlinge per mp3 und Video aus ihrem Alltag. Sie wollen denen da draußen zeigen, wie sie leben - und potentielle Mitbewohner abschrecken.
eva-schulz

Gemütlich siehts nun wirklich nicht aus im Knast: Bett, Tisch, Regal und eine kleine Waschecke. An den Wänden vielleicht noch ein Poster mit einem Rapper oder einer halbnackten Frau drauf, und überall die gleichen grauen Gitterstäbe. Gleichzeitig scheint es nicht so schlimm zu sein, wie mancher Fernsehkrimi suggeriert: Die Wächter sind gar nicht so streng, und man liegt auch nicht den ganzen Tag tatenlos auf der Pritsche. Das ist nämlich verboten. „Wie es wirklich ist“ im Gefängnis will ein Projekt des nordrhein-westfälischen Justizministeriums in Zusammenarbeit mit der Landesanstalt für Medien zeigen. Auf der Website podknast.de gibt es zahlreiche Podcasts und Videos, in denen jugendliche Sträflinge vom Leben in der Haft erzählen – und wie sie da gelandet sind. So berichtet der 20-jährige Rasu von seiner Drogensucht und Timo, 18, der wegen Körperverletzung und mehreren Einbrüchen sitzt, fragt sich, was seine Freundin gerade macht. Ben, ebenfalls 20, hat sogar ein Gedicht über seine Vergangenheit geschrieben. Alle Berichte seien „ungeschminkt und ungekürzt“, sagt Edwin Pütz, Jugendrichter und Leiter der Jugendarrestanstalt Düsseldorf. Er hatte vor zwei Jahren die Idee zu „Podknast“. „Unsere Zielgruppe sind solche Jugendliche, die selbst Gefahr laufen, einmal im Gefängnis zu landen“, sagt er. „Und die erreicht man doch am besten übers Internet, per mp3 oder Video.“ Sie würden anhand der Podcasts merken, dass der Knast „ziemlich blöd“ sei und so hoffentlich vor weiteren kriminellen Taten zurückschrecken. „Gleichzeitig bekommen unsere Jungs die Chance, sich intensiv mit sich selbst und ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Sie haben zwar auch so schon viel Zeit zum Nachdenken, aber wenn sie es jemandem erzählen können und der auch noch richtig zuhört, beschäftigen sie sich noch einmal intensiver damit“, sagt Pütz. Er erfährt von den Sozialarbeitern in seiner Anstalt, welche Jungs Interesse an einer „Podknast“-Folge hätten. Dann setzt er sich mit ihnen zusammen, schaltet das Mikro ein und lässt sie einfach erzählen. Den Schnitt übernehmen Pütz und ein Mitarbeiter. „Um das zu lernen, sind die Jungs zu kurz hier“, sagt er. In einer Jugendarrestanstalt beträgt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer zwei bis vier Wochen. Anders sieht es in den Jugendvollzugsanstalten in Herford, Iserlohn und Siegburg aus, die inzwischen auch bei „Podknast“ mitmachen. In Siegburg sitzt zum Beispiel Khaled, 20. Warum er da ist, will er nicht sagen. „Sagen wir mal so: Ich habe viel Mist gemacht.“ 16 Monate muss er noch absitzen.


So lange will er auch noch in der „Podknast“-Gruppe mitarbeiten, die in der JVA eingerichtet wurde. Sechs Gefangene treffen sich hier einmal pro Woche mit der Pädagogin Inge Roy, um ihr nächstes Video zu planen. Zwei Filme haben sie in Siegburg schon produziert. In einem geht es um Gewalt im Knast, im anderen um den Alltag der Inhaftierten. „Die Themen suchen die Jungs sich selber aus“, sagt Inge Roy. „Da gibt es oft richtige Diskussionen.“

Bei den Gruppentreffen wird mitunter heftig diskutiert. Anschließend werden ein Storyboard geschrieben und Aufgaben verteilt. „Wir können das alles lernen, wie man mit der Kamera umgeht, wie man Licht und Ton macht“, sagt Khaled. Das fände er gut. Im neuesten Film, der bald fertig ist, war er der Hauptdarsteller. „Da geht es um die Abteilungsunterschiede“, erklärt er. „Wir haben in Siegburg zwei verschiedene Häuser, und für den Dreh war ich zum ersten Mal in dem anderen Haus. Da sind die Zellen und Aufenthaltsräume ganz anders, und es ist auch nicht so sauber.“ Anfangs hätten die Teilnehmer vor allem zeigen wollen, wie schlimm es im Gefängnis sei, sagt Inge Roy. „Aber inzwischen möchten sie alles möglichst realistisch darstellen und ganz unterschiedliche Themen behandeln.“ Khaled nutzt „Podknast“ auch, um Freunden und Familie zu zeigen, wie er lebt in der JVA. „Dann hören sie nicht mehr nur, wie hart das ist, sondern sehen es auch“, sagt er. „Die finden das schon schlimm, wie klein die Zellen sind und wie man da drin leben muss.“ Dass ihn später mal sein Chef in den Videos sehen könnte, findet er nicht schlimm. „Wenn ich mich irgendwo bewerbe, sage ich ja auch, dass ich im Knast war. Dann habe ich meine Strafe abgebüßt, dazu stehe ich“, sagt er. „Außerdem mache ich dieses Video doch extra für die Leute, damit die nicht auch hier reinkommen.“ Zwischen drei und fünf Stunden dauert ein Dreh in der Regel. Khaled findet das „echt anstrengend! Wir müssen dauernd etwas wiederholen, da muss man sehr geduldig sein.“ Gerade mit Geduld, Konzentration und Ruhe hätten es die Inhaftierten aber oft nicht so, sagt Inge Roy. Deshalb werden die jungen Häftlinge bei ihrer Arbeit von Studenten der Fachhochschule Aachen unterstützt. Die haben ihnen erklärt, wie Kamera und Licht funktionieren. „Inzwischen stehen die Studenten beim Drehen nur noch daneben und geben ein paar Tipps“, sagt Roy. „Den Schnitt machen sie allerdings auch noch.“ Dazu fehle der JVA das Equipment, außerdem sei es sehr langwierig, die Häftlinge in die komplizierte Technik einzuführen. „Das würde sie nur unter Druck setzen, und es soll ihnen ja Spaß machen.“

Beim Dreh helfen Studenten der FH Aachen. Spaß macht es Khaled auf jeden Fall. Für ihn und die fünf anderen aus der Gruppe wird auch eine Ausnahme gemacht: Sie dürfen ins Internet und nachlesen, was die Zuschauer auf der „Podknast“-Homepage zu ihren Videos schreiben. „Da werden ja auch viele Fragen gestellt, so kriegen wir vielleicht neue Ideen für unseren nächsten Film“, sagt er. Tatsächlich ist das Interesse am Knastalltag groß, wie sich in den Kommentaren zeigt. Außenstehende, darunter auch Ex-Häftlinge oder Eltern und Freundinnen von Gefangenen, melden sich da. Und hin und wieder ist auch einer wie „Julian Adams“ dabei, der kommentiert: „als ich eure videos gesehn habe hab ich soford gedacht so will ich nicht enden ich bin auch kriminell und kurz form knast aber das es da so ist wusst ich nicht vielen dank für eure aufklärung“. Wie viele Leute „Podknast“ zur Einsicht bringt, kann Edwin Pütz nicht sagen. „Prävention lässt sich nunmal nicht messen. Aber es lohnt sich für jeden, den wir zum Nachdenken bringen.“ Dafür, dass manche Podcasts den Eindruck erwecken, sie seien Werbung für seine Einrichtung, könne er nichts. „Wenn den Jungs das Essen schmeckt oder sie die Ausbildung loben, ist das natürlich gut für uns“, sagt er. „Aber manche sagen ja auch, was sie blöd finden.“ Das sei dann genauso gut, weil es der Abschreckung diene. Pütz lacht: „Eigentlich können wir alle bei der Sache nur gewinnen.“

Text: eva-schulz - Grafik: Judith Urban Fotos: Matthias Hochscheid, JVA Siegburg

Zur Startseite

Die besten Geschichten von jetzt -

täglichen Newsletter bestellen

oder auf WhatsApp abonnieren