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Der Laden, in dem man nichts kaufen kann

Erst im Geschäft anprobieren, dann online bestellen: Ein amerikanisches Modelabel eröffnet sogenannte "Guide Shops", in denen die Hosen und Hemden nur zur Ansicht ausliegen. Der Geschäftsführer preist das als die Zukunft des Einzelhandels an. Aber ein bisschen absurd ist die Idee schon.
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Vor allem bei Technikprodukten ist das Prinzip weit verbreitet: Man geht in den Laden, schaut sich die Handys oder Kameras oder Kopfhörer an, lässt sich ein bisschen beraten – und geht dann wieder nach Hause, um das, was man haben möchte, online zu bestellen. Weil es günstiger ist. Mittlerweile kaufen einige sogar ihre Klamotten auf diese Weise. Eine IBM-Studie besagt, dass in den USA schon die Hälfte aller Online-Einkäufe nach diesem Muster funktionieren. 34 Prozent der Käufer bestellen dann sogar nicht über die Website des Ladens, den sie besucht haben, sondern bei reinen online-Shop, der das Produkt für weniger Geld anbietet.  

Das amerikanische Männer-Modelabel „Bonobo“ (benannt nach der Affenart, die für ihre Promiskuität und das Konfliktlösen per Sex berühmt ist), das bisher nur online verkaufte, hat aus dieser Beobachtung eine Idee entwickelt: Seit vergangenem Jahr gibt es in verschiedenen großen Städten in den USA sogenannte „Guide Shops“, in denen man die Klamotten anprobieren und danach online bestellen kann. Am vergangenen Dienstag hat USA Today den neu eröffneten Shop in Washington D.C. besucht und in der Serie „Savvy Small Business“ porträtiert, die sich mit Innovationen im Einzelhandel beschäftigt. Erin Ersenkal, Geschäftsführer der Guide Shops, hält das für „eine der revolutionärsten Sachen, die gerade im Einzelhandel passieren“.  

Anprobieren ja, kaufen nein.

Guide Shops gibt es mittlerweile in Washington, Chicago, Boston, Georgetown, New York und San Francisco, fünf weitere sind in Planung. Auf der Bonobo-Homepage kann man einen Beratungstermin in einem der Läden ausmachen. Dort gibt es dann für jeden Hosen- und Hemdenschnitt des Labels ein Beispielexemplar in jeder Größe. Wer zum Beispiel eine Chinohose haben möchte, kann die khakifarbenen Version in mehreren Größen anprobieren, ein Angestellter hilft, die passende zu finden. Von den Hosen in anderen Farben gibt es jeweils nur ein Exemplar, sie sind dazu da, auszuwählen, in welcher Farbe man die Hose letztlich bestellen wird. Dafür muss man nicht mal nach Hause gehen, man kann es gleich im Laden machen.  

Ersenkal sagt, im Gespräch mit Kunden hätte er herausgefunden, dass sie die Klamotten oft gerne anprobieren würden, bevor sie sie kaufen. Das Prinzip der Guide Shops ist also: Den Kunden genau das zu ermöglichen, ohne ein teures Ladenlokal mit großem Lager und mehreren Angestellten eröffnen zu müssen. Da nichts verkauft wird, muss nichts auf Lager sein und der Bestand nur selten ausgewechselt werden. Da kaum Ware im Laden ist, reicht eine Person, um aufzuräumen und nach dem Rechten zu sehen. Und kassieren muss ohnehin niemand.  

„Läden, die nichts verkaufen, sind die neuen Läden, um etwas zu verkaufen“ betitelt Gawker seinen Artikel zu den Guide Shops. Daran wird deutlich, wie absurd das Konzept im ersten Moment wirkt. Im zweiten fällt einem ein, wie oft man dieses erstmal-im-Laden-schauen-und-dann-doch-bestellen selbst schon gemacht hat. Es sei keine Frage, ob andere Firmen und Hersteller dem Bonobo-Beispiel folgen, sondern bloß wann, mutmaßt USA Today. Die Guide Shops seien perfekt an die Shoppinggewohnheiten der Millennials angepasst. Und irgendwie vereinen sie ja tatsächlich das Beste aus beiden Welten, der analogen und der digitalen: Man kann das, was man kaufen möchte, anfassen und ausprobieren, muss sich aber nicht durch volle Läden drängeln oder eine Stunde an der Kasse anstehen. Aber was ist mit denen, die die neue Hose gerne sofort mit nach Hause nehmen wollen? Oder noch am gleichen Abend ein neues Hemd brauchen? Immerhin geht man ja eigentlich in einen Laden, um mit einer vollen Einkaufstüte in der Hand wieder rauszukommen. Bonobo-Gründer Andy Dunn sagt, für diese Fälle werde man früher oder später wohl doch ein kleines Lager anlegen. Fragt sich, wer noch Lust hat, drei Tage auf ein Päckchen zu warten, wenn er die Hose nach der Einzelberatung eigentlich doch direkt mitnehmen könnte.

Ein Vorteil der Guide Shops könnte vielleicht noch sein, dass auf diese Weise wieder mehr Läden in den Innenstädten entstehen würden. Dem kleinen Einzelhandel auf der Ecke würde das aber natürlich nichts bringen. Der müsste trotzdem dicht machen. Oder einen online-Shop aufziehen. Und für die neue Kamera, die man sich kaufen will, wird das Prinzip Guide-Shop ganz sicher niemals aufgehen, weil man die bei irgendeinem anderen online-Anbieter immer günstiger bekommen kann. Da müsste der Shop-Betreuer den Kunden schon zwingen, sich bitte jetzt sofort und unter seiner Aufsicht eine zu bestellen. 



Text: nadja-schlueter - Foto: Screenshot

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