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Dialektallergie

Unsere Autorin hat bei der Partnerwahl ein Ausschlusskriterium, mit dem sie sich keine Freunde macht: Dialekt.
Von Nadja Schlüter
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    Foto: dpa, Illustration: Sandra Langecker

Manchmal ist ein Mensch ja schön. So von oben bis unten. Gute Haare, gute Augen, guter Kiefer, guter Körper in echt guten Klamotten. Manchmal gehe ich dann hin zu dem Menschen, weil es schön ist, schöne Menschen kennenzulernen, und dann sage ich: „Hallo, ich bin Nadja!“ und er sagt: „Servus, i bin dea Maxi!“ Eigentlich sogar eher „Moxi“ als „Maxi“. Und dann ist er auf einmal gar nicht mehr schön.

Puh, nee!

 

Ich bin da strikt, es gibt keine Ausnahmen: Dialekt und Attraktivität schließen sich für mich aus. Ich kann keinen Mann und auch keine Frau sexy finden, der oder die Bairisch oder Sächsisch oder Hessisch spricht. Dialekt ist ein Grund, warum Online-Dating für mich nie in Frage käme – ich wüsste ja nie, ob aus dem freundlich lächelnden Mund mit den sehr weißen Zähnen, den ich auf dem Foto sehen kann, nicht andauernd tiefstes Fränkisch bröckelt.

 

Ich weiß, dass ich mir mit dieser Neigung oder viel eher Abneigung keine Freund mache. Kategorisch jemanden als (Sexual-)Partner auszuschließen, der auf eine bestimmte Art und Weise spricht, das geht für viele über gewöhnliche Oberflächlichkeit hinaus. Wenn man sagt: „Ich stehe nicht auf blonde Männer“, ist das für alle okay. Wenn man aber sagt: „Ich stehe nicht auf Männer, die Dialekt sprechen“, kommt das bei manchen so an als würde man so etwas wie „Ich stehe nicht auf Araber“ sagen. Also irgendwie rassistisch. Politisch unkorrekt. Tunnelblickig. Ich bin nicht sicher, ob das stimmt. Ich bin nicht mal sicher, ob es überhaupt oberflächlich ist. Ist die Färbung der Sprache eine äußere Eigenschaft wie die Haarfarbe? Oder eher eine innere wie Geschmack und Humor? Ich glaube, sie wandert auf einem Grat dazwischen. Sie kommt von drinnen und geht nach draußen. Sie transportiert Inneres in die Außenwelt. Sie ist die Vermittlerin, das erste, mit dem mein Gegenüber mich berührt, noch bevor er mir irgendwann vielleicht so nebenbei die Hand auf den Rücken legt. Darum ist sie mir so wichtig.

 

Vielleicht hat es am Ende mit meinem eigenen Ursprung zu tun

 

Aber warum ich mit Dialekt nicht kann, warum ich Gänsehaut kriege, die fiese Art, wenn ich jemanden eigentlich sehr anziehend finde und er dann auf einmal das R rollt, das verstehe ich trotzdem nicht. Bevor mich jetzt jemand anschreit (vermutlich auf Bairisch), muss ich noch schnell erwähnen, dass ich nicht generell das Gespräch mit Dialektsprechern verweigere. Der Moxi und ich, wir können sicher einen netten Abend haben, falls wir in etwa die gleichen Sachen interessant finden und über die gleichen Witze lachen müssen. Aber weiter wird das mit dem Moxi und mir dann nicht führen. Und bevor jetzt jemand sagt „Ja, aber wenn er jetzt Björn hieße und Hamburgerisch reden würde, dann wäre das doch sicher okay für dich“, muss ich noch schnell erwähnen: nein. Wäre es nicht. Klar finde ich nicht alle Dialekte gleich schlimm, manche höre ich sogar ganz gerne (alles Norddeutsche ist besser als alles Westdeutsche ist besser als alles Ostdeutsche ist besser als alles Süddeutsche). Aber (und das ist schon ein wenig ironisch) sobald sich eine Beziehung in dem Bereich bewegt, in dem es eben nicht nur ums Reden geht, ist es für mich Grundvoraussetzung, dass mein Gegenüber, wenn er denn spricht, das in reinem Hochdeutsch tut, allenfalls mit ein bisschen Einschlag, an dem man gerade so erahnen kann, woher er kommt. Oder halt! Auch in Ordnung geht: Französisch. Oder: Englisch. Oder (ja wirklich!): Wienerisch oder Schweizerdeutsch. Jede Fremdsprache und auch jede Variante des Deutschen, die ihren Ursprung nicht in irgendeiner Provinz in Deutschland hat, bereitet mir keine Probleme.

 

Vielleicht hat es am Ende mit meinem eigenen Ursprung zu tun. Ich komme selbst aus der deutschen Provinz. Ich bin eine Art Dialekt in Menschenform. Ich wurde in einem Mittelgebirge geschliffen, eher grob, wie die Provinz das eben so macht, mit den Menschen und mit der Sprache. Ich hatte dann so eine Sehnsucht nach Feinschliff und habe mir ein möglichst sauberes Hochdeutsch angewöhnt. Das war meine Vorstellung von Feinschliff. Ich wollte damit Abstand bringen zwischen mich und die Provinz. Ich wollte weg da und nie wieder zurück. Wenn jemand einen deutschen Dialekt spricht, erinnert er mich an die deutsche Provinz und an alles, was ich an ihr unsexy und bedrückend finde: schlechte Infrastruktur. Leere Straßen bei Nacht. Carports. Geklöppelte Gardinen. So was. Ich kann das ausblenden, solange man im Normalmaß miteinander umgeht. Sobald es mehr wird und man sich näherkommt, nicht mehr. Das ist dann so als würde ich die Provinz umarmen. Und das will ich einfach nicht. Ich weiß, dass das wahnsinnig herablassend ist. Es ist arrogant und viel kleingeistiger als jede Provinz es sein kann. Und das ist ja nun auch wahnsinnig unsexy. Das Gute ist: Der Moxi sieht das sicher genauso. Irgendwie ja auch ganz beruhigend, wenn man sofort weiß, dass da was nicht zusammenpasst. Und beim Abschied sag ich vielleicht sogar leise „Servus“.

 

 

Wenn wir schon beim Thema Dialekte sind:

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