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Die Liebe zum Hässlichen

Grauer Beton, kantige Formen, schmutzige Fassaden - den meisten Menschen sind Häuser aus den Fünfzigerjahren ein Dorn im Auge. Eine Gruppe junger Bonner will genau die nun retten.
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Der Himmel ist etwa so grau wie die Fassaden der Gebäude im ehemaligen Bonner Bundesviertel. Vor einem dieser grauen Kästen steht Martin Neubacher und erklärt, was das Gebäude so besonders macht: Eine Decke, die sich durch das ganze Gebäude zieht, ein Schankraum im Keller, grünlich schimmernde, kugelsichere Fensterscheiben. Die kühle Struktur des Baus steht im krassen Gegensatz zu Martins Begeisterung.  

 Das soll schön sein? Klar, findet Martin.

Um ihn herum steht eine Hand voll älterer Damen und lauscht seinen Worten. „Ich stehe hier und kann nicht anders“, sagt Martin. Denn ihm und seinen Mitstreitern von der Werkstatt Baukultur Bonn liegen die „Klötze“, wie er die Fünfzigerjahre-Bauten niemals nennen würde, am Herzen. Und sie sind bedroht: „Es ist schon viel zu viel abgerissen worden.“  

Deswegen will Martin aufklären. Darüber, was die Nachkriegsmoderne in der Architektur so besonders macht und warum man sie auf keinen Fall abreißen darf. „Man muss diese Bauten erklären“, sagt Martin. Dann verstünden die Leute endlich die Ästhetik dieser Architektur, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Windeseile – und mit erstaunlich wenig Geschmack, wie manch einer bemängelt – hochgezogen wurde.

Martin ist gerade mit seinem Kunstgeschichte-Studium fertig, und er ist Mitglied der „Werkstatt Baukultur Bonn“. Die Gruppe bietet jedes Wochenende Führungen an – bei Wind und Wetter. Inoffiziell nennen sie sich auch die Outdoor-Kunsthistoriker. „Wir müssen die Leute mit den Führungen erreichen. Das fördert die Liebe auch bei denen“, sagt Martins Mitstreiter Max Meier, 24 Jahre alt und ebenfalls Kunstgeschichte-Student. Doch nicht alle lassen sich begeistern: Mit ihrem Anliegen eckt die Gruppe junger Kunsthistoriker oft an. So werden sie bei ihren Führungen schon mal als "Verhinderer“ beschimpft. In den Augen der Kritiker erhalten sie hässliche Gebäude und verhindern, dass neue, moderne entstehen können. „Denkmalschutz hat ein Image-Problem“, sagt Martin. Auch von der Stadtverwaltung können sie keine Rückendeckung erwarten. Die Denkmalschutzabteilungen in deutschen Städten seien heillos unterfinanziert.

Martin Neubacher klärt eine Gruppe über die Schönheit der Fünfzigerbauten auf.

Wir sollten erst mal gucken, welche Schmuckstücke aus den Fünfzigern noch herum stehen, meint Martin. „Da ist noch die eine oder andere Praline dabei.“ In einigen Jahren würde sich die Stimmung drehen und die Nachkriegsmoderne werde total angesagt sein, glaubt er. Wenn die Stadt diese Gebäude jetzt abreiße, würde ihr das in einigen Jahren Leid tun. Das sei bei den Gründerzeit-Bauten ähnlich gewesen. Nach dem Krieg konnte sich für die auch niemand erwärmen. „Deswegen haben wir die Hoffnung, dass die nächste Generation die Fünfziger-Bauten schön findet“, sagt Max: „Die Glaspaläste, die heute modern sind, haben in 30 Jahren genau die gleichen Probleme.“ Dass andere die Schönheit der Fünfziger-Bauten nicht erkennen, liege daran, dass sie oft nicht genau hinsehen, meint Martin. Eine durchgehende Betondecke hier, geschwungene Türgriffe da. Filigran und elegant seien die Bauten, schwärmt er. „Ein Spiel mit dem Beton.“ Die Ästhetik sei zwar kühl, sie könne aber trotzdem begeistern.  

Das einzige Problem mit den Bauten sei, dass sie in schlechtem Zustand seien und mit der Zeit viele ausgeklügelte Elemente wegsaniert wurden. „Trotz allem liebe ich diese Patina an den Fassaden“, sagt Martin.

Mit der Nachkriegsmoderne verbindet man in der Regel Begriffe wie Funktionalismus, Strukturalismus und Brutalismus. Nicht gerade schmeichelhaft für einen Baustil. Die jungen Kunsthistoriker sehen sich trotzdem auf einem guten Weg.

Einen ersten Erfolg kann die Werkstatt Baukultur schon verbuchen. 2010 verhinderten sie, dass die Beethovenhalle in Bonn abgerissen wurde. Für diesen Einsatz bekam sie den Deutschen Preis für Denkmalschutz. Seitdem haben er und seine Kollegen mehr als 100 Führungen zu Fünfziger Jahre-Bauten gemacht - mal nur für einen Teilnehmer, mal für 50. Dass sie in spätestens 20 Jahren Recht behalten sollen, daran hat Martin keine Zweifel. „Wir beschützen etwas, das bisher noch unpopulär ist. Deshalb sind wir die Avantgarde.“

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