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„Digitales Freiwild“: Warum sich Lehrer im Internet verfolgt fühlen

Verletzende Videos und Beleidigungen im Internet: In Großbritannien planen Regierung und Lehrer gerade eine Kampagne gegen das Mobbing von Lehrern im Internet. Nun klagen auch deutsche Lehrer über diffamierende Videos im Internet. "Lehrer sind kein digitales Freiweild!" sagt der Vorsitzende des Philologenverbandes. Er fordert Rückendeckung von der Politik und kritisiert unter anderem Internetseiten wie spickmich.de
peter-wagner

In in den USA oder in Kanada ist das Phänomen „Cyberbullying“, die Diffamierung einzelner Personen im Internet schon länger als Problem bekannt. Bisher wähnte man vor allem Schüler betroffen, die von ihren mies-meinenden Kollegen in YouTube-Videos ins Visier genommen und etwa in peinlichen Situationen gezeigt wurden. Seit kurzem melden sich aber immer mehr Lehrer zu Wort und berichten über Verunglimpfungen. Chris Keates etwa von der größten britischen Lehrergewerkschaft berichtet von „unsagbarem Leid“, dem manche Kollegen ausgesetzt seien. Sein Verband hatte für wenige Tage eine Internetseite geöffnet, auf der Lehrer ihre Cyberbullying-Erfahrungen berichten sollten. Fast 100 Lehrer meldeten sich zu Wort. Keates berichtete von einem Lehrer, dem die Hose heruntergezogen worden sei – Schüler filmten die Szene und stellten sie online. Die britischen Lehrer forderten schließlich Rückendeckung von Seiten Politik.

"Systematische Verletzung der Persönlichkeit": Viele Lehrer fühlen sich von ihren Schülern diffamiert. Der Deutsche Philologenverband schlägt nun Alarm. (Foto: dpa) Während sich auf der Insel die Regierung des Problems bereits angenommen hat und eine Kampagne „Anti-Lehrer-Mobbing“ lancieren will, sehen sich die deutschen Pädagogen im Stich gelassen. Jetzt meldete sich der Deutsche Philologenverband zu Wort und beklagte, dass die Diffamierung von Lehrern im Internet „beängstigende Ausmaße“ annehme. „Die Diskussion ist mit Verzögerung jetzt auch bei uns angekommen“, sagt Verbandschef und Lehrer Heinz-Peter Meidinger im Gespräch mit jetzt.de. „Es gibt wohl keine einzige weiterführende Schule, die nicht schon Erfahrungen mit dieser Art des Mobbings gemacht hat.“ Meidinger spricht von Hinrichtungs-Videos, in denen Lehrerportraits in Filmdateien kopiert würden. Dann tauche eine Waffe im Vordergrund auf, mit der der Kopf vom Körper geschossen würde und dann durch den Raum rolle. Meidinger spricht von Fällen, in denen Bilder von Lehrern auf Internetseiten geladen und mit beleidigenden Kommentaren versehen wurden, er erzählt von Lehrergesichtern, die in pornographische Fotos kopiert worden seien. Nicht an die Öffentlichkeit „Bundesweit wissen wir von mehreren Dutzenden Fällen“, sagt der Vorsitzende des Philologenverbands. „Viele Kollegen wollen, dass das intern an der Schule geregelt wird oder erfahren vielleicht nicht, dass sie im Netz gemobbt werden. Deshalb glauben wir, dass jene, die sich an unsere Rechtsschutzstellen wenden nur die Spitze des Eisbergs ausmachen.“ Deshalb will er nun das Thema öffentlich machen und Eltern, Politiker und vor allem die Schüler sensibilisieren. Ein Vorgehen, das verbandsintern für einige Diskussionen sorgte. „Manche Kollegen sagten: ´Geht nicht damit an die Öffentlichkeit! Das provoziert Nachahmer!`Aber ich bin da Realist. Es gibt keinen Jugendlichen, der nicht weiß, was im Netz gemacht wird oder möglich ist.“ Viele Eltern zudem, so Meidinger, wüssten schließlich nicht, was ihre Kinder im Netz anstellten. Er berichtet von Fällen, in denen Schüler überführt und vom Schuldirektor zur Rede gestellt worden sein und am Ende nur einen Wunsch hatten: `Bitte zeigt den Videoflash meinen Eltern nicht!` „Die Videos waren so brutal, dass manche Kinder Angst hatten, dass das Bild, das ihre Eltern von ihnen haben zerstört würde“, berichtet Meidinger aus dem Gespräch mit einem Kollegen. Ob man dem Mobbing via Netz tatsächlich Einhalt gebieten kann – Meidinger zweifelt. „Man wird das weder juristisch noch politisch lösen.“ Er hofft auf Aufmerksamkeit, auf Verständnis bei Eltern und in der Politik. Diese Woche zum Beispiel soll das Thema auch auf der Kultusministerkonferenz in Berlin angesprochen werden. Meidinger will auch Portale wie www.spickmich.de bei der Ehre packen. Die Seite wird von vier Studenten in Köln verantwortet und bietet Schülern die Möglichkeit, ihre Lehrer zu bewerten. „Das ist ja auch eine clevere Idee“, so Meidinger. „Auch wenn man darüber streiten kann, ob Schüler wirklich in der Lage sind, Noten zu geben. Aber Bewertungskriterien wie `Wie sexy ist dein Lehrer?`, unter denen dann `Der stinkt` oder ´Hat Hängehintern` steht - das geht ins Lehrermobbing rein.“ Keine Diffamierungen Bei spickmich.de nimmt man die Kritik des Philologenverbandes zunächst gelassen. „Das ist noch harmlos“, sagt Bernd Dicks, 24, einer der vier Jungs, die die Arbeit rund um die Bewertungshomepage machen. „Bei anderen Verbänden werden wir sogar in einem Atemzug mit gewaltverherrlichenden Videos genannt.“ Dann bemüht sich Dicks, die vermeintlichen Scherben aus dem spickmich-Kosmos zu kehren. „Wir haben keine lehrerbeleidigenden Videos. Es gibt keine Diffamierungsmöglichkeiten. Wenn in unserer Schülercommunity etwas Beleidigendes gemeldet wird, kümmern wir uns, prüfen das, löschen gegebenenfalls oder erstatten Anzeige. Aber wenn es Lehrer gibt, die sagen, ne Note 3 ist eine Beleidigung, dann ist es schwierig, die Grenzen zur Diffamierung zu ziehen.“

Screenshot der Startseite von www.spickmich.de Dicks, der beim Telefonat mit jetzt.de die Verlautbarung des Philologenverbandes vor sich liegen hat, zitiert die „Systematische Verletzung von Persönlichkeitsrechten“, die dort unter anderem auch in Verbindung mit spickmich.de gesetzt wird. „Haben die sich das genau angeguckt? Die Lehrer haben im Schnitt eine 2,9. Die Schüler finden sie also nicht schlecht, die meisten haben auch eine eins oder zwei vor dem Komma! Und Herr Meidinger hat sich die Sexy-Kategorie nicht genau angeguckt. Wir wollen dort das Auftreten des Lehrers bewerten.“ Dicks spricht von der Vorbildfunktion und findet es deshalb vernünftig, wenn auch die Kleidung eines Lehrers betrachtet wird, wenn kleidungsmäßig verlotterte Pädagogen einen Spiegel vorgehalten bekämen. „Wir müssen das Ganze in die Sprache der Schüler stellen“, so Dicks. „Außerdem hat diese Rubrik nur zu fünf Prozent Einfluss auf die Gesamtnote. Viel wichtiger ist die Motivation. Die macht 25 Prozent der Note aus.“ Bernd Dicks spricht von der heilsamen Wirkung des Feedbacks, das viele Lehrer nicht gewohnt seien. Er zitiert aus einer Mail, in der eine Schülerin von der wundersamen Wandlung des Physiklehrers berichtet, der, entsetzt von seiner Durchschnittsnote 4,8, seinen Unterrichtsstil änderte. Zum Guten, wie es die Schülerin beschrieb. Mobbing - ein generelles Thema „Ich glaube“, sagt Dicks, „je besser das Verhältnis ist, das die Lehrer zu den Schülern haben, desto weniger Probleme gibt es. Durch das große Tamtam erreicht man doch nichts. Man muss mit den Schülern kommunizieren. Und nicht aus dem Imperativ heraus: Ich Chef, Du nix!“ Heinz-Peter Meidinger sieht das Problem aus einer anderen Richtung. „Die Jugendlichen haben Macht durch ihre Möglichkeiten.“ Die nutzen sie nun, indem sie die Rollen verkehren: sie bewerten ihre Lehrer, sie stellen sie mit Techniken bloß, die vielen Pädagogen immer noch fremd sind. Die Pädagogen sehen sich plötzlich Angriffen ausgesetzt, gegen die sie sich nur schlecht wehren können. „Ich hoffe“, sagt Meidinger, „dass das wieder ins Lot kommt.“ Letztendlich könnte die Mobbing-Debatte beiden Seiten nützen. "Auf einen Lehrer-Mobbingfall kommen 20 Schüler-Mobbingfälle", so Meidinger. „Allein deshalb müssen wir das Ganze generell zum Thema machen.“

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