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Dinner für Tausende

Junge Koreanerinnen filmen sich beim Essen und streamen die Videos live ins Netz. Sie verdienen sich damit ihren Lebensunterhalt.
kathrin-hollmer
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Park Seo-yeon sitzt vor vier großen Schalen mit Suppe, Nudeln, Gemüse und Fleisch. Sie beginnt, mit zwei Stäbchen in einer Aluschale mit Nudeln und Soße herumzurühren. Sie zieht die Nudeln immer wieder hoch. Sie legt die Stäbchen wieder hin. Es dauert, bis sie den ersten Bissen nimmt. Auch, weil sie dabei fast ununterbrochen spricht.

Szenen wie diese streamt Park Seo-yeon jeden Tag für wildfremde Leute ins Internet. Die Filmchen sind - bis auf die Tatsache, dass man sich als Zuschauer immer wieder wundert, wie viel sie da essen will - ziemlich langweilig. Trotzdem sehen ihr bei einer Mahlzeit im Stream Tausende live und danach noch einmal Hunderttausende auf YouTube zu. Park Seo-yeon verdient pro Essen mehr als 700 Euro.

Die 34-Jährige aus Seoul hat das Ganze vor drei Jahren als Hobby begonnen. Inzwischen hat sie ihren Job in einer Consulting-Firma aufgegeben, ihr Geld verdient sie heute damit, dass sie sich beim Essen filmt, das Ganze ins Netz streamt und mit ihren Fans chattet.  

. Aber abends, wenn man heimkommt und beim Essen von seinem Tag erzählen möchte, sich mit jemandem freuen oder vor jemandem schimpfen will, ist es für viele kaum auszuhalten, wenn da niemand ist.

In Südkorea ist diese Einsamkeit für viele alltäglich. Zwölf Millionen Menschen leben dort in Single-Haushalten. Und es werden immer mehr. Fremden beim Essen zuzusehen macht die Einsamkeit anscheinend leichter zu ertragen. Es vermittelt so etwas wie Gemeinschaftsgefühl, es macht die Einsamkeit beim Abendessen weniger unangenehm. Aus demselben Grund setzen sich viele Singles abends mit ihrem Teller vor den Fernseher. Mit "Meok-bang" bekommen sie gleich eine Art virtuelle Familie an den Tisch.

Park Seo-yeon trifft ihre "Familie" auf der Plattform Afreeca TV, einem Peer-to-Peer Videonetzwerk, auf dem man Videos hochladen oder live streamen und ansehen kann. Geld verdient sie über eine virtuelle Währung namens "Star Balloons", die ähnlich wie der Social-Payment-Service Flattr funktioniert. Man verschenkt meist ein paar Cents – wenn viele das tun, kommt einiges zusammen. Fast 7.000 Euro verdient Park Seo-yeon jeden Monat, und das für täglich drei Stunden Essen vor der Kamera. Fast 2.500 Euro gibt sie jeden Monat für gute Zutaten aus.

Die Kunst vor der Kamera zu essen

In einem Interview mit der britischen Tageszeitung "The Independent" erklärte Park Seo-yeon ihren Erfolg auch damit, dass Menschen, die nicht so viel essen können, spätabends nichts essen wollen oder auf Diät sind, es als "stellvertretenden Genuss" empfinden, wenn sie ihr dabei zusehen. Da ist dann doch eine Gemeinsamkeit mit "Food Porn" - es ist eine Art Ersatzbefriedigung. In Südkorea ist die Lust daran, anderen beim Essen zuzusehen, aber auch gar nicht so ungewöhnlich. Laut der Tageszeitung The Korea Herald loben südkoreanische Zuschauer Schauspieler oft dafür, dass sie vor der Kamera besonders appetitlich essen. Dort wird auf ein YouTube-Video verlinkt, in dem nur Filmszenen zusammengetragen sind, in denen der Schauspieler Jung Woo Ha isst.

Bleibt noch die Frage, was Park Seo-yeon eigentlich mit dem vielen Essen macht, das übrig bleibt. Sie beteuert zwar immer wieder, sie habe einfach den großen Appetit ihrer Familie geerbt und einen ungewöhnlich hohen Stoffwechselumsatz, sie habe keine Essstörung. Um das zu beweisen bleibt sie nach den Shows auch noch oft im Chat. Aber irgendwann ist die Kamera trotzdem aus. 


Text: kathrin-hollmer - Screenshot: YouTube

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