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"Eifersucht ist extrem anstrengend!"

Mara und Paul sind seit zwei Jahren ein Paar und schlafen nebenher auch mit anderen. Für uns beantworten sie die Frage, die sich die meisten bei diesem Beziehungskonzept stellen: Wie funktioniert eine offene Beziehung?
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Dass sie ein Paar werden würden, war für Mara (24) und Paul (28)* nicht sofort klar. Anfangs wollten sie sich alles offen halten. Auf der Suche nach einer Beziehung waren sie eigentlich beide nicht, regelmäßig sehen wollten sie sich trotzdem. Ein paar Monate machten sie das unverbindlich und ohne Kategorisierung und knutschten nebenher auch mit anderen. Irgendwann wurde ihnen klar, dass mehr zwischen ihnen war als nur eine belanglose Geschichte und sie sich sehr wohl miteinander fühlten. Aus der Situation heraus entschieden sie sich dafür, eine offene Beziehung zu führen, in der Sex mit anderen okay ist. „Bisher hatte es ja auch funktioniert, wieso also nicht auch weiterhin“, dachten sich die beiden. Mittlerweile sind Mara und Paul seit zwei Jahren in einer offenen Beziehung. Wie sie das machen und auf was sie dabei besonders achten, das erklären sie hier.

1. Erwartungen abgleichen  

Mara: Gesellschaftlich wird von uns erwartet, dass man in Beziehungen wegen allem Möglichem eifersüchtig sein muss. Wenn man das nicht ist, liebt man sich nicht genug, heißt es dann. Dem kann ich überhaupt nicht zustimmen. Wenn mein Partner nie auf einen Kaffe oder eine Party gehen kann, weil ich mich von seiner Zuneigung für andere bedroht fühle, kann die Beziehung auch nicht funktionieren, denn das ist eine sehr wackelige Basis. Außerdem ist das sehr besitzergreifend. Ich möchte nicht von meinem Partner verlangen, dass er mir stets zu jedem Zeitpunkt alles geben muss, was ich brauche.  

Paul: Eifersucht ist extrem anstrengend und nicht gerade angenehm. Der Glaube, dass Eifersucht ein Teil von wahrer Liebe ist, ist total verfehlt. Es passiert in fast jeder Beziehung einmal, dass man Lust hat mit einer anderen Person zu schlafen. Das ist total normal und sagt meist auch nichts darüber aus, wie ich zum Partner stehe. In monogamen Beziehungen hat man ein schlechtes Gewissen, wenn man seinen Partner „betrügt“ und fängt deswegen zu lügen an. In meiner Beziehung will ich aber so ehrlich wie möglich zu meiner Partnerin sein. Und das geht nun mal in einer offenen Beziehung leichter als in einer monogamen. Eine offene Beziehung müssen beide wollen. Man muss sich da herantasten und Dinge gut ausmachen und daran arbeiten. Es ist wichtig, dass beide darauf Lust haben und sich mit den Rahmenbedingungen wohl fühlen. Wenn sich einer gedrängt fühlt und nur deswegen mitmacht, dann kann das sicher nicht funktionieren.  

Eine offene Beziehung erfordert viel Toleranz und Vertrauen.

2. Darüber reden  

Paul: Ich kenne Paare, die sich gar nichts erzählen, aber ich möchte mit meiner Eifersucht umgehen lernen. Und deswegen weiß ich lieber, wenn meine Partnerin mit einer anderen Person was laufen hat, sonst mach ich mir zu viele Gedanken. Außerdem distanziert man sich sonst voneinander. Wir erzählen uns deswegen alles. Es ist nicht immer leicht und natürlich bin ich manchmal eifersüchtig. Wenn ich weiß, die haben sich gestern getroffen, dann möchte ich einfach am nächsten Tag besonders gut behandelt und gekuschelt werden. Dann will ich hören, dass ich super bin und dass ich mir keine Sorgen machen brauche. Das hilft dann schnell.  

Mara: Mir hilft es, wenn ich mir bewusst mache, dass Paul nicht mit anderen rummacht, weil er mich verletzen möchte, sondern weil es ihm einfach Spaß macht und er es genießt. Wenn ich spüre, dass die Beziehung deswegen nicht weniger intensiv ist und wir uns deshalb nicht weniger sehen, dann verschwindet auch meine Eifersucht. Die ist meist nur anfangs da. Es ist wichtig zu merken, dass niemand einem etwas wegnimmt, das man eigentlich selbst gerne hätte. Wir gestehen uns aber schon gegenseitig ein, wenn sich einer benachteiligt fühlt. Dann unternehmen wir mehr Dinge gemeinsam und zeigen uns wie wichtig wir uns sind und dass es keine Bedrohung von Außen gibt. Generell ist darüber reden können und sich gegenseitig updaten, was beim anderen so läuft, schon verdammt wichtig, damit ein offenes Verhältnis garantiert ist.  

Paul: Man sollte auch ganz offen über Sex reden und sich überlegen, was für einen okay ist und was nicht, ob und welche Art von Sex mit anderen Personen erlaubt ist. Wenn man Sex mit anderen hat, ist es sehr wichtig, dass man über Verhütung redet, damit man sich in der Primärbeziehung zu 100 Prozent sicher fühlen kann.            

3. An der Beziehung arbeiten 

 Paul: Eine offene Beziehung ist schon mehr Arbeit als eine geschlossene, dazu muss man bereit sein. Man muss verantwortungsvoller miteinander umgehen und sich gegenseitig stärker vertrauen. Das muss man sich erst einmal gemeinsam erarbeiten. Für mich hat unsere Beziehung mehr Qualität – wir sind durch das viele Reden und Aushandeln stärker zusammen gewachsen – das wäre anders wohl nicht so gewesen. Ich glaube, viele wären mit einer offenen Beziehung glücklicher. 

4. Prioritäten setzen - und sich trotz allem bewusst füreinander entscheiden  

Mara: In allen Beziehung gibt es eine Bedrohung von Außen. Unsere  Beziehung basiert auf einer bewussten Entscheidung für den Anderen – darauf muss man vertrauen. Man ist ja nicht zusammen, weil es sonst keine anderen potenziellen Partner gäbe, sondern weil man die Person und die Beziehung zu ihr schätzt. Auf das kann man in Momenten der Eifersucht zurückgreifen. Wir wissen, dass wir uns im Zweifelsfall immer füreinander entscheiden würden.  

Paul: Wir haben die Beziehung auch schon einmal für drei Monate geschlossen, weil es uns nicht so gut gegangen ist und wir Konflikte hatten. Ich denke es ist wichtig, dass man sich gegenseitig das Recht gibt auch mal: „Hey ich schaffe das gerade nicht“ zu sagen. Sei es jetzt weil man keine Lust dazu hat, oder weil es einem schlecht geht und man den anderen ganz für sich braucht. Ich könnte auch keine Beziehung führen, in der meine Partnerin mit Anderen ähnlich intensive Beziehungen hat wie mit mir. Es funktioniert, weil ich weiß, dass ich an erster Stelle stehe.  
Mara: Es ist sicher einfacher, wenn man, so wie wir, von Anfang an eine offene Beziehung hat. Wenn man etwa nach eineinhalb Jahren, wo ja das Verliebtheitsgefühlt oft abnimmt, die Beziehung öffnet, stellt sich schon die Frage warum man das tut und ob der Beziehung nicht einfach etwas fehlt. Oft versucht man Probleme oder Langeweile mit einer offenen Beziehung zu kompensieren. Diese sollte man aber eingehen, weil man daran glaubt und sich und seinem Partner viel Lust und schöne Erfahrungen gönnt.

*Namen geändert

Text: simone-groessing - Foto: Soulness / photocase.com

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