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Eine Zeitschrift hat ihren Preis

Touristikstudenten, die ein Obdachlosenmagazin machen, das klingt ungewöhnlich. Das Projekt ist aber sehr erfolgreich. Die Bremer "Zeitschrift der Straße" wird den bedürftigen Verkäufern förmlich aus der Hand gerissen. Jetzt wird sie von der Bundesregierung ausgezeichnet.
clemens-haug
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Bevor eine neue Ausgabe erscheint, werden seine Kunden immer ganz vorfreudig, hat Bernhard Richter festgestellt. „Sie fragen mich dann ständig, wann endlich das neue Heft kommt“, sagt der Anfang 50-jährige Hartz-IV-Empfänger. Jeden Mittwoch sitzt er mit seinem Hund Kumpel vor einem Supermarkt im Bremer Stadtteil Findorff und verkauft die „Zeitschrift der Straße“. Zwei Euro kostet ein Exemplar, einer geht an das Projekt, einen darf Richter behalten. Weil die Sozialleistungen kaum für ihn und seinen Hund reichen, ist er auf die Verkaufserlöse angewiesen.  

An diesem Mittwoch ist es sehr kalt. Den in eine Polarforscherjacke eingehüllten Straßenzeitungsverkäufer plagen ein paar kleine Sorgen. Eine Freundin hat ihm ihren Hund anvertraut, während sie sich im Krankenhaus behandeln lässt. Nun hat er schon mehrere Tage nichts mehr von ihr gehört und fragt sich, ob etwas schief gelaufen ist. Die Supermarktkunden versuchen Richter mit ein paar warmen Worten aufzumuntern. Weil er so oft hier sitzt, kennen ihn die meisten. Manchmal bleibt einer stehen, krault die Hunde und wirft ein paar Münzen in den Becher, den er auf seinem kleinen Verkaufstisch aufgestellt hat. Manchmal aber kommt auch jemand und kauft gleich alle 20 Ausgaben der Zeitschrift, weil er einem Freund die ganze Sammlung schenken will.  

So eine Nachfrage ist ungewöhnlich für ein Produkt, das Bedürftige auf der Straße verkaufen. Sie hat wohl was mit dem Inhalt zu tun. „Wir wollen ein Heft machen, dass die Leser interessiert“, sagt Armin Simon. Der freie Journalist leitet die Redaktion, die sich aus Studenten der Bremer Hochschulen zusammensetzt. „Deswegen bringen wir keine Tipps für Menschen mit wenig Geld. Wer zwei Euro für ein Heft ausgibt, hat solche Sorgen meist nicht.“  

Stattdessen macht die Zeitschrift die Straße selbst zum Thema. Jede Ausgabe widmet sich einem anderen Ort in der Stadt und versucht, ein zeitloses Porträt der Gegend zu zeichnen. „Uns interessiert die Perspektive von unten“, erklärt Simon. „Wir wollen Geschichten finden, die man im alltäglichen Nachrichtengeschäft vielleicht übersieht, weil sie gerade nicht aktuell sind oder weil die darin vorkommenden Menschen sich in einer großen Debatte nicht so leicht Gehör verschaffen können.“  

Das erste Heft drehte sich beispielsweise um Bremens alternativen Szenekiez, den alle nur „das Viertel“ nennen. Der Stadtteil war in der Vergangenheit immer mal wieder Schauplatz von Straßenschlachten zwischen Punks und der Polizei. Die Redaktion spürte die Wurzeln der politischen Prägung des Viertels auf und warf einen Blick zurück in die 1970er, als eine Bürgerinitiative verhinderte, dass das Quartier für ein gigantisches Verkehrsprojekt abgerissen wird. Außerdem besuchten die Studenten eine blinde Köchin, die Kochkurse für andere sehbehinderte Menschen gibt, und interviewten einen Drogendealer.  

„Jeder sieht zwar den Straßendrogenhandel im Viertel. Doch in der Tageszeitung äußern sich dann oft nur Polizei, Politiker oder Anwohner dazu. Wir wollten die Perspektive eines Menschen zeigen, der sich mit dem Verkauf des Stoffs an andere seine eigene Sucht finanziert“, sagt Simon. Auch für das politisch liberal geprägte Bremen ist das durchaus eine mutige redaktionelle Entscheidung. Das Heft, das in einer Auflage von 15.000 Exemplaren erschien, ist inzwischen ausverkauft.  

Beliebt ist die Zeitschrift auch wegen ihres Erscheinungsbilds. Das haben Studenten der Bremer Kunstprofessorin Andrea Rauschenbusch gestaltet. Sie wählten ungewöhnliche, aber gut lesbaren Schrifttypen und verpassten der Zeitschrift ein schlankes, hohes Forma. Das Design hat bereits einige Preise abgeräumt: 2011 stellte die internationale Gesellschaft der Typografie-Designer der Zeitschrift ein Exzellenz-Zertifikat aus. 2012 bekamen die Studenten der Hochschule für Künste eine Auszeichnung vom New Yorker Type-Directos Club.  

Die Idee zu dem Projekt hatten allerdings weder Kunst- noch Medienstudenten. Sie kommt aus einem Fach, das man nicht unbedingt in Zusammenhang mit sozialem Engagement bringt: Dem Studiengang „Cruise Tourism Management“ der Hochschule Bremerhaven. „Unsere Studenten sollen sich nicht auf die schillernde Welt der Touristik fixieren“, sagt Michael Vogel. Gemeinsam mit seiner Kollegin überlegte der Professor: „Wer Touristik wählt, ist romantisch veranlagt und träumt von einem schönen Leben. Diese Romantik lässt sich auch auf soziale Projekte übertragen. In gemeinnützigen Einrichtungen können die Studenten mit ihren Träumen viel bewirken und dabei die nötige betriebswirtschaftliche Erfahrung sammeln, die sie später bei Reiseveranstaltern brauchen.“  

Deswegen sind während des Kreuzfahrt-Touristik-Studiums Praktika bei Verbänden wie dem Arbeiter-Samariter-Bund oder der Diakonie Pflicht. Und weil Bremen bis 2009 keine eigene Straßenzeitung hatte, beauftragte Michael Vogel seine Studenten damit, gemeinsam mit dem Verein für Innere Mission eine Machbarkeitsstudie zu erstellen. Sie holten die Hochschule für Künste ins Boot, deren Studenten die Konzeption des Projekts entwickelten, kümmerten sich um das Marketing und heraus kam die Zeitschrift der Straße.  

Diesen Montag wird das Projekt für seine Zusammenarbeit von Hochschulen, Sozialträger und bedürftigen Menschen als Ort im „Land der Ideen“ ausgezeichnet. „Die Zeitschrift bringt Menschen zusammen, die sonst wenig Berührungspunkte hätten – zum Vorteil aller: Studenten sammeln Berufspraxis, Bedürftige verdienen Geld und eine Großstadt gewinnt Solidarität“, begründete die Jury ihre Entscheidung.  

Viel wichtiger als der Preis ist Redaktionsleiter Armin Simon allerdings der Effekt, den die Zeitschrift bei ihren Lesern erzielt. „Mich macht zufrieden, wenn ich sehe, dass es uns gelingt, den Blick unserer Leser für deren Umfeld auf der Straße zu öffnen“, sagt er.  

An seinem Stand in der Kälte vor dem Supermarkt erreicht den Straßenzeitungsverkäufer Bernhard Richter endlich der lang erwartete Anruf. Der Freundin geht es gut, sie wurde soeben aus der Klinik entlassen. Nun kommt sie ihren Hund abholen. Erleichtert sucht Richter in seiner großen Tasche nach der Ausgabe „Hemmstraße“. Er schlägt die letzten Seiten auf und zeigt das Interview, dass die Redaktion mit ihm geführt hat. Es geht um die Bremer Straßenoper. In dem dokumentarischen Theaterstück spielt Richter eine der Hauptrollen: den Straßenzeitungsverkäufer.

Text: clemens-haug - Foto: clemens-haug

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