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Facebooks neue Fragestunde

Facebook gibt seinen Kommentaren eine neue Struktur und kopiert die beliebten "Ask me Anything"-Sessions der Webseite Reddit. Das Problem: Der Wind des Anarchismus, der bei Reddit weht, lässt sich nur schwer künstlich generieren.
christina-waechter

Facebook schraubt mal wieder heftig an seinen Einstellungen und Funktionen herum. Doch diesmal geht es nicht in allererster Linie um die Daten der Nutzer, sondern um eine neuartige Struktur der Kommentarfunktion. Die soll es uns erlauben, dass wir auf Kommentare direkt reagieren können und sich so unter einem Post eine Baumstruktur der Kommentare entwickelt.
 
Noch weiter reicht eine andere neue Funktion: Kommentare werden in Zukunft - geplant ist als Start-Zeitpunkt Juli 2013 - auch nach Relevanz für den Betrachter geordnet. Zum Beispiel können Diskussionen, die besonders lebhaft sind, einen prominenteren Platz in einer Timeline bekommen als Unterhaltungen, die so dahinplätschern. Auch die Verbindungen spielen eine Rolle. Wenn viele Freunde an einer Diskussion teilnehmen, wird sie eher sichtbar. Es kann also sein, dass derselbe Kommentarstrang in zwei verschiedenen Accounts völlig unterschiedlich aussieht.
 
Offensichtlich hat sich Facebook bei diesen Neuerungen inspirieren lassen: Die berühmte Gemischtwarenladen-Website Reddit funktioniert nach genau diesem Prinzip. Kommentare und Posts werden von anderen Usern bewertet. Durch dieses Ranking werden die Themen von der Community gefiltert. Nach oben schaffen es auf Reddit nur die Inhalte, die die meisten Nutzer für informativ, interessant oder skurril genug halten. Je positiver die Beiträge eines einzelnen Nutzers bewertet werden, desto höher steigen seine Posts im Ranking ein.
 

Fragenbombardement, jetzt auch bei Facebook

Facebook will sich aber offenbar nicht nur von der Reddit-Struktur inspirieren lassen, sondern wildert jetzt schon in dem bekanntesten Revier des Konkurrenten: Die berühmten „Ask Me Anything“-Sessions (AMAs). Dabei stellt sich ein Mensch in Echtzeit den Fragen der Reddit-Gemeinde. Manchmal sind es User, die irgendein besonderes Talent, einen aufregenden Job oder eine physische Besonderheit an sich haben. Nicht selten stellen sich auch Prominente dieser etwas anderen Interview-Form. Höhepunkt der Promi-AMAs war bislang die halbe Stunde, in der Barack Obama vergangenen Sommer Reddit-Fragen beantwortete. Aber auch das Programm der kommenden Tage liest sich nicht schlecht: Geplant sind AMAs mit Bands wie 98 Degrees, der Musiker Chris Cornell, Schauspieler Justin Bartha oder der Facebook-Chefin Sheryl Sandberg.
 
Aber egal ob Barack Normalverbraucher oder US-Präsident Barack Obama vor dem Rechner sitzt und Antworten gibt – die Sessions verlaufen immer nach demselben Prinzip: Für einen beschränkten Zeitraum dürfen alle User alle Fragen stellen, die ihnen auf den Nägeln brennen. Und der AMA-Protagonist versucht, so viele wie möglich zu beantworten. Dass bei solchen offenen Sessions mitunter auch Trolle ihren Spaß haben, muss man in Kauf nehmen. Durch die hierarchische Struktur der Kommentare aber nicht weiter tragisch, da die störenden Kommentare und unbotmäßigen Fragen schnell im Orkus verschwinden.

Mittlerweile sind die AMA-Sessions so beliebt, dass sie von vielen Künstlern als ganz normaler PR-Termin wahrgenommen werden. Kein Wunder, schließlich lassen sich mit dieser einen konzertierten Aktion sehr viele netzaffine Menschen erreichen. Und – das ist vielleicht noch wichtiger – die Präsenz bei Reddit wirkt sich auf das Image des Künstlers aus. Obama zum Beispiel begab sich wohl nicht (nur) deshalb in die digitale Plauderrunde, weil ihm dort so wahnsinnig viele Menschen zuhörten. Sondern weil diese Runde noch was von einer Nerdnische hat. Facebook ist längst Mainstream, wer sich als digitaler Vorreiter präsentieren will, muss woanders hin – zum Beispiel auf Reddit.  

Deshalb ist auch fraglich, ob Facebook von seinen Neuerungen tatsächlich profitieren wird. Mit der neuen Kommentar-Funktion wurden zwar jetzt schon einige AMA-Sessions mit mittelmäßig bekannten Persönlichkeiten abgehalten: Huffington Post-Chefin Ariana Huffington stellte sich den Fragen der Facebook-User genauso wie die US-Nachrichten-Legende Diane Sawyer. Und es gibt sicherlich nicht wenige Prominente, denen Reddit zu ungeordnet und anarchisch strukturiert ist und die sich möglicherweise in der bekannten Facebook-Umgebung wohler fühlen. Andererseits: Genau diese chaotische Struktur macht den Reiz von Reddit aus. Die Seite wird vom Ruf des Web-Anarchismus umweht, sie ist glaubwürdig, eine stets blödelnde und unerschöpfliche Meme-Quelle, teils politisch unkorrekt und so vielfältig und ungeordnet wie das Netz selbst. Und so ein Flair kann man nicht kopieren.

Text: christina-waechter - Foto: kallejipp / photocase.com

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