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Ganz klarer Aufwärtstrend

Höhen und Tiefen gibt es nicht nur an der Börse, sondern auch im Leben - jetzt.de-Autoren beschreiben ihre Stimmungskurve von der Geburt bis heute
jetzt-Redaktion

Hinweis: Die Autoren haben ihre Lebenskurven selbst gezeichnet. Aber nicht jede Beschreibung orientiert sich zu 100 Prozent an den Wendepunkten der Kurve. Die Kurve von penni-dreyer

Wenn man geboren wird, stelle ich mir vor, ist eigentlich alles immer neu und großartig. Bergab ging es bei mir dann in der Pubertät. Auf einmal wurde meine Schüchternheit wirklich schlimm, ich fühlte mich ungelenk, großnasig, hässlich, kurz: Ich pubertierte und litt gleichermaßen unter mir und der Welt. Als ich durch einen Schulwechsel neue Freunde fand und anfing, auszugehen, fand ich Erwachsen werden auf einmal ziemlich okay – wenn ich nicht gerade unter Liebeskummer litt. Mit Mitte Zwanzig bekam ich, was Fachleute eine depressive Verstimmung nennen. Es gab Zeiten, in denen ich nicht mehr leben wollte (das klingt theatralischer als es ist). Als ich eine Therapie begann, ging es langsam wieder aufwärts. Sehr langsam, mit einem Peak nach unten, als ich zur Abwechslung mal wieder schlimmen Liebeskummer hatte. Positiv in dieser Zeit war, dass es beruflich bergauf ging. Ungefähr vier Jahre nach dem tiefsten Tiefpunkt in meinem Leben habe ich meinen jetzigen Freund kennengelernt. Und seitdem – so dumm das klingt – geht es mir wirklich, wirklich gut.


Die Kurve von petra-ebenschwanger

Ich, schüchternes vierjähriges Kindergartenmädchen, mittags an der Schlange zur Essensausgabe. Dann das Unfassbare. Ein Biss von hinten ins Ohr. Schwupps umgedreht und dem Jungen – klatsch – eine mitgegeben. Im nächsten Moment peinliche Schamesröte meinerseits, die nächsten zwei Jahre Verachtung seinerseits. Der erste Kontakt mit dem anderen Geschlecht lief schon mal bescheiden. Beim Sportfest in der siebten Klasse haben wir sie gegründet, meine beste Freundin und ich. Drei Jahre lang erschien seitdem unsere monatliche, im Copy Shop kopierte und schlecht getackerte Zeitschrift. Inklusive ausgedachtem Horoskop und Artikeln über Okapis. Immer auf der Suche nach Interviewpartnern hefteten wir zäh an den Fersen der Münchner B-Prominenz, plärrten Ottfried Fischer auf die Mailbox und waren überhaupt wahnsinnig nervig. Herrlich. Die ultimative Partyzeit, in der mich Türsteher beim Namen kannten, ich mit der Schminke vom Vortag in die Schule ging und meine Haare so blond waren, dass es Reinhard-Fendrich-Vergleiche mit Semmeln nicht mal halbwegs einfangen können. Nachts im Club feiern und pünktlich um acht im Deutschunterricht einschlafen – mit 17 Spaß pur. Dann meine rebellische Phase, in der ich das Handy meines Ex-Freundes zertrümmert und mit Eiern auf Pelzgeschäfte geworfen habe. Aber nicht weitersagen. Letzte Woche ein vierblättriges Kleeblatt gefunden. Wow. Wenn das nicht Geldregen bedeutet. Mindestens.


Die Kurve von lars-weisbrod

(1) Wie jedes Unternehmen beginne ich klein (56 cm) und mit dünner Kapitaldecke. Aber irgendwie komme ich durch. (2) Zu Weihnachten kriege ich den Space Police Mission Commander von Lego, endlich! (3) Auf der Klassenfahrt in die Goethe- und Optik-Stadt Wetzlar darf ich beim Flaschendrehen nicht mitspielen, traurig verziehe ich mich aufs Hochbett. (4) Hinter einem Feuerwehrauto knutsche ich mit Kirsten, dann sind wir ein Paar. (5) Beim Wenden auf der Hauptstraße übersehe ich einen Reisebus mit österreichischen Pilgern: wirtschaftlicher Totalschade, zwei Tage Krankenhaus. (6) Auf der perfekten Party tanze ich morgens gegen fünf zu Roxy Music, die "More than this, there is nothing" singen. (7) Finanzkrise, Zukunftsangst, fallende Kurse. Die Gelegenheit wäre günstig, um bei mir einzusteigen. But never catch a falling knife! (alte Börsenweisheit)


Die Kurve von lisa-rank

Von der Wende hab ich damals nicht viel mitbekommen, denn ich habe sie verschlafen. Meine eigentliche Befreiung fand am Tag meiner Einschulung statt, denn diese markierte das Ende der Tyrannei durch meinen Ostkindergarten. Der Tod eines mir sehr nahe stehenden Menschen konfrontierte mich zum ersten Mal wirklich mit dem Gefühl des Verlusts. Die Interrailtour kurz vor meinem 18. Geburtstag war vierwöchiges Chaos, erster Rausch, Selbstbeherrschungstraining und Naturerfahrung. Mein selbstbestimmtes Leben begann dann wirklich mit dem Abitur, was von einem Job in der Partyszene und einem Studienplatz gekrönt wurde Ein halbes Jahr Praktikum mit wundervollen Menschen haben mir gezeigt, wie Arbeiten geht und wie schmerzvoll man Schlaf vermissen kann. Und dann fand ich mich mit Freudentränen in den Augen auf einer Brücke über der Spree wieder, weil ich gerade einen Buchvertrag unterschrieben hatte und daran dachte, wie ich damals kurz nach der Einschulung herumposaunt hatte, was ich mal werden wolle später. Vom Glück zu wissen, was man liebt.


Die Kurve von max-scharnigg

(1) Den Kindergarten habe ich mit denkbar günstigem Erfolg abgeschlossen. Die Kindergärtnerin nennt mich „unseren kleinen Professor“. Ahnung von großer Zukunft. (2) Meine Eltern ziehen um und ich mit, in eine andere sechste Klasse. Dort wegen Nicki-Pullis und meiner Frage „Spielen wir Fangen?“ ausgelacht. Fortan anhaltende Eintrübung des Selbstbewusstseins, starke Verliebtheiten und akute Matheschwäche. Niemand sagt mehr Professor, dafür kauft mir meine Mutter nach halbjährigem Widerstand eine grüne Levis 501. (3) Zivildienst, eine Zeit lethargischer Dummheit. Ich fahre einen alten Volvo und bettle beim Koch des Altenheims um Extraportionen, sonst passiert nichts. (4) Kurze Wonnigkeit: Umzug in Deutschlands Mitte, Journalistenschule, fühle mich schaumgeboren und klug, gebärde mich aber eher frühreif. Dann gleich wieder Niederungen, anhaltendes Gefühl im falschen Körper zu leben, er müsste schöner und weniger müde sein. Haare schwarz gefärbt - Katastrophe. Rockkarriere begraben. Stattdessen halbes Jahr Nachtschichten beim Privatfernsehen, Hölle, Hölle. (5) Alles wird netter: die Stadt, die Kollegen, die Aufgaben. Ich lade meine Mutter zum Essen ein. Die Kindheitskatze stirbt. Ich habe eine Berufsunfähigkeitsversicherung und war schon einmal beim Notar. Vermutung, dass der Zenith überschritten ist und es jetzt wieder ganz langsam bergab geht.


Die Kurve von judith-liere

(1) Kindheit: Eine warme Wolke aus Gänseblümchen und Dorfgrundschule, oh heilige Provinz. (2) 7. Klasse: Gymnasium in der Kleinstadt, die anderen Kinder waren cool, machten Zungenkuss, trugen Levi’s und lachten über meine Pomeranzigkeit. (3) 9. Klasse: Endlich einen von den Coolen als Freund, alles eitel Teenagersonnenschein. (4) Abi: Zum Studieren in die große Stadt! Dann gelandet, Numerus clausus wegen, in Marburg. Erstes große Gefühl des Scheiterns. (5) Zwischenprüfung: Raus aus der hessischen Enge, nach Hamburg. Endlich, aber in der ersten Monaten wieder Komplexe wegen Pomeranzigkeit. (6) Uni fertig: Der erste Job ein absoluter Traum! Fühlte mich erfolgreich, erwachsen, genial. (7) Ernüchterung: Nach einem Jahr Arbeit großer Frust. Das soll es sein, das Leben? Boah, anstrengend und eintönig. (8) Kündigung: Hinschmeißen, Beruf wechseln, was anderes lernen. Mit 28 hab ich rausgefunden, was ich mal werden will.


Die Kurve von eva-schulz

(1) Als meine Eltern 1990 an die Börse gingen, waren die Zeiten gut. Der Wert meiner Aktie nahm stetig zu, meine Kindheit und Grundschulzeit waren wunderbar. (2) Danach gingen Freundschaften verloren, aber so schleichend, dass es sich nicht auf den Kurs auswirkte. (3) Die Blase platzte erst mit der Pubertät: große Tobsuchtsanfälle, kleine Depressionen und ein schier unüberwindbarer Berg von Problemen. Ob ich nun nicht wusste, wie man sich die Beine rasiert, oder nicht mehr mit meinem Vater reden konnte – alles war gleich groß und gleich schlimm. (4) Dann verliebte ich mich. Mein Freund wurde mein Ausgleich, und irgendwann hatte diese fröhliche Parallelwelt die Pubertät verdrängt. (5) Gleichzeitig kam ich in die Oberstufe und verbrachte zwei herrlich unbeschwerte Sommer. (6) Letzte Woche bekamen wir die Abiturzeugnisse. Ein dritter unbeschwerter Sommer kündigt sich an. Manchmal, für einen kurzen Moment, fürchte ich mich vor so viel Glück.

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