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Newsletter zählen eigentlich zu den Dingen, die keiner wirklich braucht. Warum fällt es trotzdem schwer, auf den Ramsch im Posteingang zu verzichten? Eine Liebeserklärung an die Infomail.
sina-pousset

Ich mag Post. Post heißt für mich: Man funkt ein Lebenszeichen in die Welt und die funkt zurück. Wenn ich mein Mailprogramm öffne und das kleine "Pling"-Geräusch mir Post ankündigt, finde ich das schön. Das heißt in der Regel, dass es etwas Neues gibt, dass sich was tut. Auch wenn man nicht ständig mit Mails beschossen werden will, meldet sich doch nach ein paar Tagen digitaler Funkstille ein komisches Gefühl, so wie wenn tagelang das Telefon nicht läutet. Dann vermisst man die Gewissheit, von der Welt gebraucht zu werden. Vielleicht habe ich deswegen einen festen Stamm von Newsletterfreunden, die dafür sorgen, dass das "Pling" ein paar Mal täglich ertönt, auch sonntags oder nachts, wenn sich sonst keiner meldet. Das beruhigt mich: Ich werde eben immer gebraucht.  

Ach, wie schön, Post! Auch über Newsletter darf man sich freuen.

Wenn ich zusammenfasse, was in meinem Best-of-Infopost von mir gesammelt wird, liest sich das ziemlich absurd. Unter meinen Postfach-Dauergästen sind: ein Club aus der Hauptstadt, ein Kino, das mehrere hundert Kilometer von meinem Wohnort entfernt ist, die Pariser Opéra Garnier, ein paar Modelabels, eine Konzertseite, eine Fachzeitschrift. In meinem Postfach landen auch viele Mails, die ich nicht mehr bekommen will. Deswegen mache ich alle paar Monate einen Newsletterputz. Dann wird entsorgt, was nicht mehr interessiert und behalten, was gefällt.

Manche Newsletter beruhigen mein Gewissen und fungieren als Egoschmeichler, die mir Exklusivität und Grips vortäuschen sollen (Auftritt Fachzeitschrift). Andere sind wie ein Blitzlicht der letzten zwei Jahre, eine Sammlung von Lieblingsorten und Lieblingsdingen, die bei mir bleiben sollen, auch wenn ich längst nicht mehr dort bin. In dem Berliner Club tanzte ich zum ersten Mal die Nacht durch, das war nach dem Abi, nach dem ersten Exfreund. Es war kalt und der Boden gefroren, als wir morgens auf Glatteis nach Hause schlitterten. Das war besonders schön. In dem kleinen Kino, das in einer Stadt ist, in der ich ein wunderbares Wochenende mit einer Freundin verbracht habe, kamen nur alte Schwarzweißfilme. Beim Sandwichstand direkt gegenüber habe ich das beste Tomaten-Mozzarella-Sandwich meines Lebens gegessen. Wenn von einem dieser Orte ein Newsletter in meinen Postkasten flattert, ist das wie das Blättern in einem Fotoalbum. Und wie ein kleines Lebenszeichen: Diesen Ort gibt es noch, egal wo ich gerade bin.

Weil ein Newsletter in Echtzeit über das informiert, was auf der Welt passiert, breitet sich ein bunter Zukunftsfächer vor mir aus: eine Shoppingtour durch London nächstes Wochenende, übermorgen ein Konzert in Hamburg, heute eine Ausstellung in Amsterdam. Das alles scheint auf einmal realistisch, weil der maßgeschneiderte Idealentwurf in meinem Postfach landet, Möglichkeiten vorschlägt, die für mich bestimmt sind. Wenn ich gerade vor einem großen Alltagsberg zu Hause sitze, kommt mir das sehr entgegen. Ich denke dann: Wenn ich will, kann ich mich einfach in den Zug setzen und hinfahren, in einer anderen Stadt aufwachen, in ein tolles Museum gehen, ein Tomaten-Mozzarella-Sandwich zum Schwarzweißfilm essen oder in einem Berliner Club die Nacht durchtanzen. Auch wenn ich am Ende immer noch zu Hause am Küchentisch sitze, ist es schön zu wissen, dass die Möglichkeit besteht. In der Opéra Garnier war ich zum Beispiel immer noch nicht, aber per Mail kann ich jederzeit den aktuellen Spielplan einsehen. Ein Konzert meiner Lieblingsband habe ich letztes Jahr verpasst, deshalb habe ich einen Konzertnewsletter abonniert. Dass ich immer über aktuelle Termine Bescheid weiß, ist wie ein Versprechen an mich selbst: Irgendwann mache ich das noch. Und ein bisschen glaube ich das sogar.

Auch wenn in den Newslettern nichts steht, was für mein Leben wirklich nützlich ist, spült das digitale Treibholz kleine Schätze an, die mir ans Herz gewachsen sind. Sie stehen für eine alternative Ich-könnte-jetzt-auch-Sammlung zum Hier und Jetzt, die mich beruhigt und mich daran erinnert, was es alles noch gibt auf der Welt. Überall hinfahren muss ich trotzdem nicht. Dass meine Mailfreunde da sind, reicht schon zum Glücklichsein. So ist das mit echten Freunden schließlich auch.

Text: sina-pousset - Bild: pollography / Photocase

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