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Geschlechterkampf in der Wikipedia

Beschimpfungen, persönliche Angriffe, Flucht vor Mobbing - Autoren und Autorinnen der Wikipedia erlebten in den vergangenen Monaten eine raue Kampagne von Feminismus-Gegnern. Nach wie vor hat das Online-Lexikon große Probleme mit seinem erheblichen Frauenmangel.
christian-helten

Von „ideologischer Kriegsführung“ ist die Rede, von „feindlicher Übernahme der Wikipedia durch Ideologen“, von Autoren, die versuchen, „andere mit ihrem Hass zu überziehen“. Der offene Brief, in dem diese Vorwürfe erhoben werden, richtet sich an Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales. Er ist in besorgtem, alarmierenden Tonfall geschrieben und ruft nach „einschneidenden Maßnahmen bei der deutschen Wikipedia“.



Aber: Die Autoren sehen sich selbst dem Vorwurf ausgesetzt, nur ihre eigene Ideologie verbreiten zu wollen. Sie sind bekannt als „Maskulisten“, die sich als Gegenpol des Feminismus positionieren und davor warnen, dass diese Bewegung zu viel Gewicht bekommt und ihrerseits Männer diskriminiert.

Im deutschen Teil der Wikipedia waren sie in den vergangenen Monaten aktiv, und es hat einige unschöne Szenen gegeben. Verschiedene Autoren und Blogs berichteten von einer Kampagne der Maskulisten, die neben dem Brief auch direkte Anfeindungen und Beleidigungen einzelner Autoren und Autorinnen enthielt und dazu führte, dass einige davon sich abmeldeten und dem Projekt Wikipedia als Autoren den Rücken kehrten.

Vergangene Woche meldete sich dann auch Wikimedia zu Wort. In einem Blogeintrag schrieb Julia Kloppenburg, bei Wikimedia zuständige Projektmanagerin für Bildung, Wissen und Diversity: „Mit großem Erschrecken haben wir in den vergangenen Wochen den Verlauf einer koordinierten aggressiven Kampagne inner- und außerhalb der Wikipedia verfolgt, die in sexistischen Beschimpfungen und Demütigungen gipfelte. Gefördert durch Teilnahmslosigkeit und fehlende Solidarität führte diese Kampagne zur Vergrämung von Benutzerinnen in der Wikipedia. Das ist beschämend.“ Sie rief zu Solidarität und Zusammenhalt auf, und richtete eine Mailingliste ein, in der konstruktiv darüber diskutiert werden soll, welche grundsätzlichen Probleme Frauen in der Wikipedia haben und wie man damit umgehen soll.  

Denn die Kampagne an sich ist für Wikimedia kein Problem, auf das zu viel Zeit verschwendet werden sollte. „Das ist eine sehr unangenehme und eklige Kampagne, die persönlich verletzend ist und gegen einzelne Personen ging“, sagt Pavel Richter, Vorstand von Wikimedia Deutschland. „Aber sie wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, dass die Wikipedia tatsächlich hat: die Rolle von Frauen in der Wikipedia, und der Umstand, dass es dort viel zu wenige Frauen gibt.“

Das zu ändern, ist schon seit langem ein erklärtes Ziel, das vor kurzem erst neu ausgerufen wurde. Der Anteil der weiblichen Autoren des Wissensnetzwerks liegt nach einer Umfrage aus dem Jahr 2010 bei nur acht Prozent. Weil die Community zum Beispiel selbst festlegt, welche Themen relevant genug für einen eigenen Wikipedia-Eintrag sind, führt der Frauenmangel zu einer Dominanz männlicher Themen. Ein prominentes Beispiel brachte Gründer Jimmy Wales auf der letzten Jahrestagung selbst: Nachdem ein Eintrag über das Hochzeitskleid von Kate Middleton erschienen war, forderten viele mit Erfolg dessen Löschung.

Die genauen Gründe für den Frauenmangel sind nicht zweifelsfrei wissenschaftlich belegt. Aber es gibt Vermutungen, was Frauen abschrecken könnte: das Design der Plattform, der zum Teil raue Tonfall in den Diskussionen, die männliche Dominanz, die sie prägt, aber auch Sexismus. Nachrichten wie die über die Kampagne der Maskulisten dürften ebenfalls nicht förderlich sein. An allen Schrauben versucht man immer wieder zu drehen, mit Workshops, aktiver Suche von Autorinnen an Unis – und mit Aktionen wie der aktuellen Mailingliste: „Es gibt einen Bedarf, sich zu vernetzen, sich auszutauschen und herauszuarbeiten, an welchen Schrauben man drehen kann“, sagt Julia Kloppenburg. „Die Mailingliste soll ein Diskussionsraum für die Community und Interessierte sein.“

Nicht nur von Wikimedia, auch aus der Autorencommunity selbst gibt es immer wieder Vorstöße. Vergangenes Jahr hatte eine Initiative engagierter ehrenamtlicher Autoren ein Projekt ersonnen, das die Mitarbeit von Frauen fördern sollte. Aus dem sogenannten „Community Projektbudget“ der Wikimedia, das Geld für Initiativen aus der Community zur Verfügung stellt, bekamen sie Geld bewilligt, fanden aber bislang wohl noch nicht die Zeit, die Idee Realität werden zu lassen. Pavel Richter hofft, dass in der bald anstehenden nächsten Runde dieses Ideenwettbewerbs weitere solche Ideen zustande kommen und auch umgesetzt werden.

Zu den ersten, die sich in der neu eingerichteten Mailingliste zur Sexismusdebatte in der Wikipedia äußerten, gehörten die zwei Wikipedia-Autoren, die in dem offenen Brief der Maskulisten namentlich erwähnt und des Ideologiekriegs bezichtigt werden. Der Soziologe Andreas Kemper, der unter dem Namen „Schwarze Feder“ auf Wikipedia angemeldet ist und bereits zwei Bücher zum Thema Maskulisten verfasst hat, legt ausführlich dar, wie Maskulisten ihn und andere angingen, und weist auf Ansätze zur Lösung der Probleme hin. Fiona Baine, ebenfalls Ziel vieler Anfeindungen, möchte in der Liste mitdiskutieren. Als Autorin der Wikipedia wird sie vorerst aber nicht wieder auftauchen.  

Die Frage, die man sich als Wikipedia-Leser angesichts solcher Kampagnen und Debatten stellt, ist, ob die Artikel der Enzyklopädie nun tatsächlich ideologisch gefärbt sind oder nicht. Vorstand Pavel Richter glaubt das nicht: „Wenn Sie etwas in einen Wikipedia-Artikel einfügen wollen, brauchen sie eine valide Quelle, die wissenschaftlich anerkannt ist. In der Wissenschaft gibt es auch verschiedene Sichtweisen und Positionen. Die haben alle einen Platz in der Wikipedia.“ Trotzdem ist es nicht schlecht, als Leser im Hinterkopf zu behalten, dass Themen, die in der Offline-Welt polarisieren, auch online zumindest Instrumentalisierungsversuchen ausgesetzt sind. 



Text: christian-helten - Illustration: Torben Schnieber

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