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Hass lässt grüßen

Fußballprofis und NBA-Stars machen ihn, französische Soldaten haben seinetwegen Ärger: Der "Quenelle-Gruß" spaltet seit dem Wochenende Frankreich. Ist die Geste Protestsymbol oder umgedrehter Hitlergruß? Eine Bestandsaufnahme.
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Der Gruß geht so: Linke Hand quer auf den nach unten gestreckten rechten Oberarm, je nach gewünschter Länge der "Quenelle". Eine Mischung aus umgedrehtem Nazigruß und Napoleons Hand an der Brusttasche. Ein Protestausdruck gegen die sozialistische Regierung, sagen die einen. Ein Symbol für Antisemitismus, sagen Regierung und jüdische Verbände. "Nur eine Hommage an den guten Freund Dieudonné M'bala M'bala", twitterte der französische Fußballprofi Nicolas Anelka. Er hatte die umstrittene Quenelle-Geste am Samstag beim Torjubel gezeigt und damit einen erbitterten Streit neu aufflammen lassen.

Dieudonné M'bala M'bala, 47, Bretone mit afrikanischen Wurzeln, ist ein französischer Komiker. Er ist für seine umstrittene One-Man-Show bekannt, die nur so strotzt vor Antisemitismus - und als Erfinder des Quenelle-Grußes. Jetzt will der französische Innenminister Manuel Valls seine Auftritte verbieten lassen. Das Ministerium prüft gerade, ob das möglich und mit der Meinungsfreiheit zu vereinbaren ist. Sechs Mal wurde Dieudonné bereits wegen Beleidigung und Anstiftung zu Hass verurteilt. Es ist bekannt als Fan von Irans Expräsident Mahmoud Ahmadinedschad, dem syrischen Diktator Baschar al-Assad und der Hisbollah im Libanon. Außerdem zeigt er sich gerne mit Holocaustleugnern in der Öffentlichkeit und den Gründer der rechtsextremen Partei Front-National, Jean-Marie Le Pen, hat er zum Taufpaten seiner Tochter gemacht.

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Linke Hand quer auf den nach unten gestreckten rechten Oberarm: der "Quenelle-Gruß"

Woher kommt die "Quenelle"?

Eigentlich ist die "Quenelle" eine Spezialität aus Lyon, eine Art länglicher Knödel aus Fleisch- oder Fischpüree. Populär wurde der Ausdruck im Jahr 2009, als Dieudonné für die Europawahlen in den Wahlkampf ziehen wollte. Er war Anführer der "Liste der Antizionisten" an der Seite von Alain Soral, Ex-Redenschreiber von Le Pen, Holocaustverharmloser und seither Hausideologe des Komikers. In einem Interview sprach Dieudonné damals erstmals von seiner "Idee, seine kleine Quenelle tief in den Arsch des Zionismus zu schieben." Kurz darauf posierten Rechtsextreme mit der Geste vor Synagogen und Holocaust-Denkmälern, aber auch Jugendliche machten sich einen Spaß daraus, sich so zu fotografieren und die Bilder online zu stellen. Zwei Soldaten wurden bestraft, nachdem sie beim Wacheschieben vor einer Synagoge die Quenelle gezeigt hatten und im Netz tauchten bald weitere Fotos von Militärs auf, die scheinbar alle etwas in den "Arsch des Zionismus" stecken wollten.

Komiker Dieudonné surfte auf dieser Welle der Zustimmung: Mittlerweile hat er seine eigene Bewegung geschaffen, die er "dieudosphère" nennt. Neben dem Armgruß erkennen sich seine Anhänger an zwei weiteren Markenzeichen, die auch Quenelle genannt werden: Zum einen dem nach oben gestreckte Finger zusammen mit dem Satz "Au dessus, c'est le soleil - Über uns ist (nur) die Sonne". Dazu ein zusammengekniffen grinsendes Gesicht - genau so, wie die Nazis auf antisemitischen Hetzblättern Rabbiner darstellten. Auch diese Geste hat sich längst verselbstständigt. Es gibt Quenelle-Tumblr und Fotowettbewerbe, manche posieren mit einem Quenelle-Gruß neben ahnungslosen Politikern. Im September fielen dem Onlinemagazin slate.fr die Spieler der französischen Basketballnationalmannschaft auf, wie sie neben Präsident Francois Hollande breit grinsend die Finger in die Höhe reckten. Besonders umstritten: NBA-Superstar Tony Parker, der auch gerne mal mit seinem Kumpel Dieudonné posiert.

Drittes Markenzeichen: die Ananas. Sie erinnert an Dieudonnés antisemitische Version des Lieds "Cho Ka Ka O" der Sängerin Annie Cordy. Er singt auf die gleiche Melodie "Shoa-nanas" und lacht sich dabei auf der Bühne regelmäßig schlapp. 2012 wurde er dafür wegen Aufruf zu Hass und Holocaustverharmlosung verurteilt, was ihn nicht davon abhält, es regelmäßig in der One-Man-Show zu singen – und die Besuchermassen brüllen mit.

Erfolg bei Jugendlichen

Dieudonné füllt mit seinem Einmann-Spektakel nicht nur mehrmals pro Woche die 300 Sitzplätze in seinem eigenen "Theâtre de la Main d'Or" in Paris, sondern auch Konzerthallen mit bis zu 4000 Besuchern in ganz Frankreich. Vor allem junge Franzosen pilgern zu "Dieudo" und zahlen gerne die 40 Euro Eintritt. Sie nutzen die Quenelle-Gesten als Identifizierungscode und Stinkefinger gegen den Staat. Sie alle haben genug von den "Lügen der Politiker", die nichts bringen außer Arbeitslosigkeit und Staatsschulden. Der Rechtsextremismus-Experte Jean-Yves Camus sagte in einem Interview, es sei schwer einzuschätzen, ob alle begreifen, was der Gruß wirklich bedeute. Die Quenelle stehe zwar für eine Bewegung, die gegen das System gerichtet sei, Antisemitismus bilde dabei aber das Rückgrat.

Auch wenn seine Anhänger den Quenelle-Gruß oft als Running Gag bezeichnen, für Dieudonné ist er längst ein politisches Instrument. Der mehrfach als Präsidentschaftskandidat gescheiterte Komiker fordert seine Fans dazu auf, Fotos in den Quenelle-Posen auf seiner offiziellen Facebookseite (rund 60 000 Likes) zu posten. Seine Message: Seht her, wie groß die Zustimmung in der Bevölkerung ist. In einem

aus dem August 2013 präsentiert sich Dieudonné mit dem Hamas-Schal um den Hals. "Ich hätte nie gedacht, dass die Geste ein solcher Erfolg werden würde", sagt er mit freundlicher Brummbärstimme, "die Quenelle gehört nicht mehr mir, sie gehört der Revolution." Dann folgt eine Fotomontage eingesandter Schnappschüsse von Menschen beim Quenelle-Gruß. Bodybuilder, Hochzeitspaare, Bürokollegen, Senioren, Feuerwehrmänner, Soldaten und Polizisten in Uniform. Dieudonné träumt schon von einem Staatstreich wie in Ägypten: "mit dem Militär im Rücken".

Experten vermuten, dass Dieudonné vor allem bei Jugendlichen mit arabischen Wurzeln einen gewissen Nerv treffe. Der Journalist Jean-Laurent Cassely glaubt etwa: "Einige (muslimische) Jugendliche (...) könnten natürlich angezogen sein vom politischen Kampf für die Palästinenser". Andere Möglichkeit: dem umstrittenen Komiker gelingt es einfach, verschiedenste Kritiker der Regierung zusammen zu bringen. Bei seinen Shows schwenken Assad-Anhänger die syrische Flagge und essen Ananasscheibchen neben linksextremen Globalisierungsgegnern in Hugo-Chavez-Shirts. "Alle zusammen gegen die Elite" lautet Dieudonnés vermeintlich idealistisches Motto. So ganz glauben kann man ihm nicht: Längst hat sein Management die Eintragung der "Quenelle" als Marke beim französischen Patentamt beantragt. Für T-Shirts, Kaffeetassen und so.   


Text: fabienne-hurst - Foto: afp

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