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Lass uns drüber schweigen

Kommunikation löst angeblich fast jedes Problem. Dabei kann eine Funkstille einer Freundschaft gut tun - oder einen wenigstens erkennen lassen, dass man getrennte Wege gehen sollte. Ein Lob auf die Sendepause.
feline-gerstenberg

N. und ich kennen uns seit der fünften Klasse. Wir waren jahrelang beste Freundinnen und trafen uns fast jeden Tag. Aber irgendwann klappte es nicht mehr mit uns, ich fühlte mich von hier hintergangen,aber auch eingeengt. Schließlich kappte ich den Kontakt. Wenn ich N. heute zufällig in der Stadt treffe, sagen wir uns „Hallo“. Mehr aber auch nicht. 

Die Funkstille zwischen uns war das Beste, was passieren konnte. Wenn man merkt, dass mit Reden nichts mehr geht und sich der andere nicht ändern wird, ist es besser, dem Ganzen eine Pause zu geben. Aber warum ist das so? Ist Kommunikation nicht immer die ultimative Lösung aller Probleme? Schließlich dachte man doch mal, einfach nur reden zu müssen und dann wäre alles wieder in Ordnung.



Nur leider lässt sich nicht alles in Worten ausdrücken. Vielleicht ist das Problem auch emotional zu sehr beladen. Schweigen ist deshalb oft die bessere Variante. Es zeigt dem anderen, dass man auch ohne ihn kann. Dass man nicht abhängig von ihm ist und genügend andere soziale Kontakte hat. Es tut gut, Abstand zu nehmen.

Natürlich kommt man sich anfangs wie ein Versager vor, der es nicht schafft, eine Freundschaft aufrecht zu erhalten. Dabei schafft Stille Zeit und Verständnis. Besonders dann, wenn Hoffnung besteht, dass die Freundschaft doch noch zu retten ist. Sie ist wie eine Pause in einer festen Beziehung: Sie nagt an einem und sorgt für schlaflose Nächte. Morgens wacht man jedes Mal mit den gleichen Gedanken auf. "Was tut er gerade und wie geht es ihm?", fragt man sich. Aber irgendwann stellt man fest, dass es die richtige Entscheidung war, sich nicht zu melden. Man zeigt sich gegenseitig, dass man nicht aneinander gebunden ist, aber merkt auch, wie wichtig man sich gegenseitig ist.

Reden hingegen hätte vieles wahrscheinlich noch schlimmer gemacht. Oft sagt man aus der Wut heraus Dinge, die man später bereut. Während der Funkstille hat man stattdessen Zeit, sich auch über die eigenen Fehler Gedanken zu machen und dem anderen zu verzeihen. Danach, wenn Wut verraucht und Verletzungen verheilt sind, ist immer noch genügend Zeit zu reden - und auch für einen Neuanfang.

Bei N. und mir kam es nicht dazu. Ich erwische ich mich heute oft dabei, wie ich mir die neuesten Bilder von ihr bei Facebook ansehe. Sie scheint glücklich zu sein. Die Funkstille hat uns gezeigt, dass wir einander nicht brauchen und die Freundschaft doch gar nicht so stark war, wie wir anfangs dachten. Dank N. habe ich gelernt, loszulassen. Klar habe ich mir früher gewünscht, dass wir ewig befreundet sein würden und auch noch mit 80 DVD-Abende organisieren und uns Quarkmasken ins Gesicht schmieren würden. Heute weiß ich, dass wir einfach zu verschieden sind und dass auch weitere stundenlange Gespräche nichts bewirkt hätten. Ohne die Funkstille hätte ich das vielleicht nicht erkannt.



Text: feline-gerstenberg - Foto: Mr. Nico/photocase.com

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