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Lebe deinen Albtraum

Der Rapper Tibor Sturm wird im Dezember 2005 von sechs Neonazis angegriffen und verprügelt - jetzt sitzt er deshalb in Ingolstadt im Gefängnis
andreas-lallinger

Die Geschichte, die Tibor Sturm erzählt, ist erschreckend. Im Dezember des Jahres 2005 wird der 1976 geborene HipHopper in der Nähe von Erlangen auf einem Waldpfad von sechs Neonazis überrascht, die auf ihn einschlagen. Auf dem Boden liegend und um sein Leben fürchtend greift der kampfsporterfahrene Deutsch-Afrikaner nach dem Stück Holz neben ihm und trifft damit einen der Angreifer am Kopf. Der Kampf wird wenig später von der Polizei beendet. Der verletzte Tibor Sturm kommt ins Krankenhaus und bekommt erst dort mit, wie schwer er den rechtsradikalen Angreifer verletzt hat. Dieser erleidet einen Schädelbruch und eine Kleinhirnquetschung. Tibor Sturm, das Opfer des Angriffs, der an besagtem Abend ausschließlich darauf bedacht war, mit seinem Leben davonzukommen, sitzt nun seit Mitte Juni in einer sechs Quadratmeter großen Zelle der JVA Ingolstadt. Er wurde wegen „überzogener Notwehr“ zu einer siebenmonatigen Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt. Während der Verhandlung wartete Tibor Sturm nur auf den Freispruch des Richters, er empfand die Verhandlung als einen Witz und nahm sie überhaupt nicht ernst. Weil sein Anwalt ihm offensichtlich nicht klar gemacht hatte, dass er auch verurteilt werden könnte, bezeichnet Sturm diesen als "unfähigen Rechtsbeistand". Der Anwalt hatte dem Urteil nichts entgegenzusetzen. Von einer Berufung riet er Sturm ab, weil er sonst nur eine noch härtere Strafe bekommen würde. Die Verhandlung für die sechs rechtradikalen Angreifer steht bislang noch aus.

Der in Nürnberg geborene Tibor Sturm rappt, seitdem er 17 ist. Unter dem Künstlernamen Quietstorm hat er seit 2000 einen Plattenvertrag. Tibor Sturm ist Musiker - und sieht darin auch eine gesellschaftliche Verantwortung und Aufgabe. Er ist Mitglied der „Brother’s Keepers“, einem Verein, dem in erster Linie afro-deutsche Rapper und HipHopper angehören, die gemeinsam mit Musik gegen Rassismus vorgehen wollen. Tibor Sturm geht seit Jahren in Schulen, spricht mit Jugendlichen über Ausländerfeindlichkeit und gibt vor allem denjenigen von ihnen, die auf die schiefe Bahn geraten sind, sogenannte „HipHop for Life“-Workshops. Sturm grenzt sich auch bewusst und öffentlich von der Berliner Aggro-Szene mit ihrer gewaltverherrlichenden und sexistischen Haltung ab. Im Dezember 2005 ist er auf der Abschiedsparty eines guten Freundes eingeladen, der abgeschoben werden soll. Als er früher von der Party nach Hause geht, kommt es zu dem Vorfall, wegen dem er absurder Weise jetzt im Gefängnis sitzt. Der Filmemacher Otu Tetteh verbrachte mit Tibor Sturm die letzten Tage vor dessen Haftantritt. Aus einem zweistündigen Interview lässt Tetteh den eindrucksvollen und gleichzeitig erschütternden Film „Lebe deinen Albtraum“ entstehen, in dem sich Tibor Sturm an das Geschehene erinnert. Der Titel des Films ist an die Pro7-Reihe „Lebe deinen Traum“ angelehnt. Tibor Sturm war dort in einer Folge im August 2007 aufgetreten, was ihm damals einen deutlich höheren Bekanntheitsgrad verschaffte. Aus dem Traum des Rappers wurde ein Albtraum. Doch im Gefängnis scheint Tibors Wille, weiterhin gegen Rechtsextremismus vorzugehen, nur weiter zu wachsen: „Nach meiner Freilassung werde ich verstärkt mit Jugendlichen arbeiten, besonders im Raum Erlangen, wo es meines Erachtens ein offensichtliches Problem mit Rechtextremismus gibt. Ich werde außerdem weiter Musik machen, denn das ist mein Ventil. Ich möchte, dass der Film Menschen zum Nachdenken bringt und dazu anregt, ähnliche unfassbare Geschichten im Dunst der rechten Szene öffentlich zu machen“, sagt er auf der Homepage des Films. „Ich habe Tibor als humorvollen und positiven Menschen kennengelernt. Ich habe mich aber dazu entschlossen, in dem kurzen Dokumentarfilm eine düstere Stimmung zu erzeugen, die mein Herz umschleicht, sobald ich an diesen Fall denke. Der Film sollte somit zur Diskussion beitragen und weniger als Portrait verstanden werden. Wichtig ist mir persönlich auch die Warnung, die im Subtext an die Nazis geht: Auch ihr könnt die Opfer sein“, sagt der Regisseur Otu Tetteh über den Film. Wer sich den zwölfminütigen Film in voller Länge anschauen will, kann das auf alptraum.be tun.

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