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Lernen von den Alten

Die Plattform "The Amazings" versammelt alte Menschen, die bereit sind, Kurse in etwas zu geben, worin sie gut sind: Im Nähen, Fahrrad reparieren oder Blumenbinden. Ein Kampf gegen die Altersarbeitslosigkeit.
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Ob „Nähen mit Virginia", „Aquarelle malen mit Jan", „Parfüm mischen mit Ralph" oder „Kreatives Schreiben mit Eli" - das Prinzip von „The Amazings" ähnelt dem der Volkshochschule: Kleine Klassen, persönliche Betreuung und ein breites Angebot. Nur sind alle der 80 Kursleiter über 50 Jahre alt. Viele von ihnen sind arbeitslos, bekommen nur eine geringe Rente oder haben einen Halbtagsjob, mit dem sie sich gerade so über Wasser halten können. Sie sind ehemalige Hochschullehrer, Journalisten, Verwaltungsmitarbeiter, Gärtner oder Gitarrenbauer - Menschen, die aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind.

„Viele sehen alte Menschen als Last. An dieser Wahrnehmung wollten wir etwas ändern", sagt Adil, einer der Mitgründer von The Amazings. „Ursprünglich wollten wir nur Ausflüge für ältere Menschen organisieren, aber als wir uns mit den ersten von ihnen trafen, wurde klar, dass nicht wir etwas für sie tun konnten, sondern sie für uns. Sie hatten so viele Ideen, so viel Energie." Anfang 2012 stand die Idee schließlich fest: The Amazing wird eine Plattform des Lernens. Jeder, der über 50 ist, kann sich bewerben und Kurse vorschlagen, die er gerne geben möchte.

 


Lernt man besser, wenn jemand dabei sitzt, der Erfahrung hat: Stricken.

Virginia Samuels ist Mitte 50 und eine der 80 "Amazings". Sie gibt Kurse im Blumenstecken, Kuchenbacken und Quiltnähen. Virginia ist arbeitslos und hat zuletzt als Sekretärin an einer Grundschule gearbeitet: „Ich habe nach Halbtagsjob gesucht, wollte aber keinen Fuß mehr ins Büro setzen. Außerdem war es mir wichtig, keinem jungen Menschen seinen Arbeitsplatz wegzunehmen." Ihre Tante, eine Hauswirtschaftslehrerin, brachte ihr mit acht Jahren Nähen und Stricken bei. Nun hat sie selbst die Gelegenheit, ihr Können weiterzugeben. "Ich genieße es, Teil einer Gemeinschaft zu sein und Menschen mit meinem Wissen helfen zu können. Es ist wichtig, sich gebraucht zu fühlen. Gerade für ältere Menschen." Virginia hält die Kurse bei sich zu Hause. „Es ist dann immer ein bisschen wie eine Party. Ich hole mein bestes Geschirr raus und wir trinken Tee. Manchmal überziehen wir bis spät abends, weil es einfach so nett ist und wir uns verquatschen." Die meisten ihrer Kursbesucher sind zwischen 20 und 25 Jahren alt: „Für mich ist es toll, Zeit mit jungen Menschen zu verbringen. Das hält mich selbst jung.", sagt Virginia. Sie ist stolz darauf, dass sie ihre Schüler mit Strick- und Nähnadel von PC und Handy locken kann: „Meine Schüler nutzen alle Facebook, Twitter und Pinterest. Trotzdem sind bei mir für ein paar Stunden die Computer aus."

Das Interesse an The Amazings ist groß, viele Kurse sind bereits ausgebucht. Gründer Adil erklärt das so: „Es gibt eine Bewegung zurück zum traditionelle Handwerk, junge Leute haben Lust darauf, wieder zu lernen wie Dinge mit den Händen gemacht werden. Das ist ein Bereich in dem gerade Ältere ihr Wissen weitergeben können. Ich könnte jetzt sagen, die Idee zu The Amazings ist neu, aber die Idee ist eigentlich so alt wie die Menschheit: Jeder kennt ältere Menschen, die er bewundert oder von denen er Dinge gelernt hat."

Die Teilnehmer schätzten am Projekt besonders die Atmosphäre: „Der größte Unterschied zu anderen Angeboten sind nicht unbedingt die Inhalte, sondern die Menschen, die involviert sind. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal eine römische Öllampe, Fliesen, Vasen oder Holzschalen machen würde - aber die Leidenschaft der anderen überträgt sich automatisch und man bekommt Lust, immer mehr auszuprobieren", sagt Bhupinder, 32, der sonst im Londoner Bankenviertel arbeitet. „Mir hat außerdem gefallen, dass die Organisation ältere Menschen motiviert, ihr Wissen und Erfahrungen weiterzugeben, ohne sie von oben herab als Wohlfahrtsprojekt abzustempeln."

Dieses Jahr plant The Amazings einen Ausbau des Netzwerks auf ganz Großbritannien und ausgewählte europäische Städte. Mitte Juni starten die ersten internationalen Onlinekurse. Ab da kann sich also jeder Virginias Wohnzimmer auf den Bildschirm holen. Ihr Quiltkurs ist eines von zehn 90-minütigen Videos, in denen die Amazings ihr Wissen online für umgerechnet etwa 14 Euro weitergeben. 70 Prozent des Kurserlöses geht direkt an den Lehrer. „Der Onlineservice stellt nicht nur die Videos zur Verfügung, man kann sich mit anderen Kursteilnehmern vernetzen, austauschen und mit dem Kursleiter chatten und Fragen stellen", erklärt Adil.

Wenn ein Projekt wie The Amazings auch den politische Diskurs zum Thema Altersarmut anstoßen könnte, wäre das ein großer Erfolg. In Großbritannien verschwindet die Armut der Älteren oft hinter dem Problem der Jugendarbeitslosigkeit. In Deutschland ist die Zahl der älteren Erwerbstätigen im vergangenen Jahr in Deutschland angeblich um 12,3 Prozent gestiegen. Doch dass die Statistik der Bundesagentur für Arbeit die Realität widerspiegelt, ist laut IG Metall zweifelhaft: Je näher das Rentenalter, desto schwieriger ist es, Arbeit zu finden. "Viele Arbeitnehmer denken, dass nur die Jungen Unternehmer sein können und innovativ sind. Wir zeigen, dass es anders ist", sagt Adil.

Eigentlich sollten die Staaten Interesse zeigen, selbstfinanzierte Projekte wie The Amazings zu unterstützen, findet Adil. „Auf die Regierung wollen wir uns aber nicht verlassen", sagt er knapp. Die wichtigste Lektion der Amazings: Eigeninitiative.

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