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Mit Photoshop in die Elite geschummelt

Shirley Hornstein hat das Silicon Valley an der Nase herumgeführt und sich in die High Society der Technologie-Unternehmer gelogen. Solange bis sie aufflog.
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„So lange ich mich erinnern kann, habe ich gelogen.“ So beginnt einer der wohl überfälligsten Entschuldigungsbriefe, die je geschrieben wurden, für eine Tat, so absurd und verwerflich – wie  auch bewundernswert. Zu lesen ist der Brief auf dem Blog von Shirley Hornstein. Geboren wurde sie in Mühlheim an der Ruhr in Nordrhein-Westfalen, heute lebt sie in San Francisco in Kalifornien. Eine ganz normale 26-jährige Frau, die gerne dazu gehören wollte und es schaffte, die ganze „Silicon Valley“-Elite hinters Licht zu führen.

Monatelang hatte keiner etwas gemerkt. Wie es auch die DailyMail beschreibt, schien Shirley eine sehr erfolgreiche Jungunternehmerin im Technologiebereich zu sein. Genau richtig also im Silicon Valley, dem Mekka der IT-Branche, aus dem nahezu alle erfolgreichen Internetfirmen kommen: von Apple, über Facebook bis hin zu Google. Im Netz veröffentlichte die 26-Jährige Fotos amerikanischen Stars – gute Freunde von ihr – und gab an mit erfolgreichen Technologie-Unternehmen zusammenzuarbeiten. An der Gründung von „Dropbox“ sei sie zum Beispiel beteiligt gewesen, habe ihre Anteile allerdings verkauft. Im Mai 2012 setzte sie die Seite techcocktail.com auf Platz 33 der 105 wichtigsten weiblichen Investorinnen. Die Liste wurde sogar auf der Internetseite des Forbes Magazine veröffentlicht, eines der führenden Wirtschaftsmagazine weltweit. Sie kannte alle wichtigen Leute aus der Branche und wurde zu jeder Party eingeladen. Bis der Technik-Blog Tech Crunch im August letzten Jahres enthüllte: Alles gelogen. 

Der Autor Anthony Ha legte in seinem Artikel für alle Welt offen, wie Shirley sich nach und nach in die Start-Up- und Technology-Elite geschummelt und gelogen hat. Ihre Masche beschrieb er so: Beim ersten Treffen hat sie erstmal Namedropping betrieben und damit angegeben, welche Berühmtheiten und Silicon-Valley-Unternehmer sie kenne. So wurde sie nach und nach allen vorgestellt und verschaffte sich Zugang zu Firmen, in dem sie versprach, Kontakte und Treffen mit einflussreichen Personen zu arrangieren. Weil sie diese Versprechen natürlich nicht einhalten konnte, hielt sie ihre neuen Freunde und Anhänger hin und erfand Ausreden und Entschuldigungen.



Ihre Beziehungen zu berühmten Personen versuchte Shirley mit Fotos von zum Beispiel Justin Timberlake oder dem Comedian Andy Samberg auf Facebook oder Instagram zu beweisen. Sich selbst photoshoppte sie kurzerhand einfach mit auf die Bilder.

Aufgeflogen ist Shirley unter anderem durch einen Blogeintrag auf der Internetseite women2.0, der auf Tech Crunch zitiert wurde: Sie habe geschrieben, sie habe „experience working with a number of Silicon Valley companies, including iMeem, Nitro PDF, Dropbox, and Founders Fund“. Der Post wurde mittlerweile gelöscht. Aber es war offensichtlich nicht das erste Mal, dass Shirley dies behauptete. Die Risikokapitalfirma Founders Fund fand das anscheinend gar nicht witzig und leitete rechtliche Schritte ein. In einem Beschwerdebrief schrieb das Unternehmen:

„Bereits seit Juli 2011 zeigt Frau Hornstein ein Verhaltensmuster, das falsche und irreführende schriftliche und mündliche Äußerungen einschließt, mit der Absicht potentielle Geschäftspartner und Angestellte glauben zu machen, es bestünden frühere und/oder andauernde Geschäfts- und Einstellungsverhältnisse mit Founders Fund und seinen Partnern. Tatsächlich ist Frau Hornstein weder jetzt noch war sie je ein Arbeitnehmer oder Geschäftspartner von Founders Fund oder einem Founders Fund-Partner“.

Als Shirley mitbekam, dass Tech Crunch plante, ihre Lüge aufzudecken, versuchte sie sich anscheinend noch zu retten und schrieb in einer Mail an die Autoren, dass es viele Gerüchte um sie gebe. Doch geholfen hat ihr das nicht. Der Artikel wurde veröffentlicht und Shirleys Lügengebäude stürzte in aller Öffentlichkeit über ihr zusammen.

Viele wollten es daraufhin von Anfang an gewusst haben. Die DailyMail zitierte einen angeblichen Insider aus einem Internetforum. Er habe Shirley ein paar Mal getroffen und sei von vornherein sehr skeptisch gewesen: „Ich hab immer gefühlt, dass mit ihr etwas nicht stimmt“. Im Nachhinein ist das natürlich leicht gesagt, Fakt ist, dass die meisten monatelang auf sie und ihre (nicht mal wirklich guten) Photoshop-Bilder reingefallen sind – und das, obwohl es im Silicon Valley bestimmt nur so wimmelt von Schleimern, Betrügern und Trittbrettfahrern, die ein Scheibchen abhaben wollen.

Was das Ganze für rechtliche Folgen für Shirley Hornstein hatte, ist nicht bekannt. Sie selbst hat sich im letzten Jahr nicht öffentlich geäußert und auch auf eine aktuelle Interviewanfrage von jetzt.de kam keine Reaktion. Vor einigen Tagen allerdings veröffentlichte sie einen langen Entschuldigungsbrief auf ihrem Tumblr:

„In Wahrheit habe ich die letzten 26 Jahre (oder mein ganzes Leben) damit verbracht, alle um mich herum, und auch mich selbst, zu belügen, betrügen und zu manipulieren. Es hat mich schließlich öffentlich und niederschmetternd eingeholt im letzten Jahr und ich habe die Entscheidung getroffen aufzuhören. (...) Ich habe meinen Job verloren. Meine Freunde. Mein Leben ist über mir zusammengebrochen. Ich war am Boden zerstört, verwirrt und beschämt. (...)

Lügen wurde mein Schutzmechanismus, denn es hat mir erlaubt alles zu verstecken, was ich an mir selbst hasste – meinen Körper, meine (normale) Herkunft, meine (nicht ausgezeichnete) Ausbildung, meinen Job (oder manchmal dessen Mangel), meine (nicht existierenden) Freunde, meine konstante Angst unwichtig zu sein. (...)“

Ob ihre späte Entschuldigung irgendetwas wieder gut machen kann, weiß Shirley wohl selbst noch nicht. Im Silicon Valley wird sie wahrscheinlich nicht so schnell wieder Freunde finden. Auf Twitter aber beglückwünschen sie viele zu diesem Schritt, wie @Nero der schreibt: „Das war sehr tapfer. Gut gemacht“. Und trotz all den Vorwürfen und den Schuldbekenntnissen bleibt auch ein wenig Anerkennung für das Mädchen, das es schaffte, ganz Silicon Valley an der Nase herumzuführen.


Text: teresa-fries - Foto: Screenshot

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