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"Nächstes Tor entscheidet!"

Das Reglement des Straßenfußballers unterscheidet sich erheblich von dem eines Finales im Wembley-Stadion. Die wichtigsten Begrifflichkeiten und Gepflogenheiten für das Kicken im Park.
christian-helten



Vorbereitungen
Fast so schön und wichtig wie das Spielen selbst sind beim Parkfußball die Vorbereitungen. Die gilt es nämlich mit einer Akribie und einem Ernst zu absolvieren, als würde es sich sehr wohl um ein WM-Finale handeln und nicht um acht Jungs, die zwischen Maulswurfshügeln herumrennen.

Erst mal muss man sich verabreden. Dabei ist es außerordentlich wichtig, nicht von „Fußballspielen“ zu sprechen. Klingt viel zu ernst. Erlaubt sind Abkürzungen wie Fuppes oder Synonyme wie Zocken, Kicken oder Bolzen.  

Bevor man loslegt, braucht man Tore. Besonders geeignet sind Rucksäcke, weniger gut Schuhe, die sind nämlich zu klein und man übersieht sie leicht. Eine Latte gibt’s natürlich nicht, daher macht man vorher so was aus wie „Maximal bis Hüfthöhe“. Bei besonders schönen Toren darf diese Regel auch großzügig interpretiert werden. Fliegt der Ball so über den Pfosten, dass sich nicht genau sagen lässt, ob er seine Verlängerung nach oben hin getroffen hätte, muss man ein bisschen streiten. Ganz super Argument, das man am besten ganz laut herausschreit: „Innenpfosten!“  

Die vorletzte Hürde vor dem Spiel ist die schwierigste: Das Wählen der Mannschaften. Dazu kann man sich mehrerer Wege bedienen, je nachdem, ob man eher Freund des Zufalls oder des Rechts des Stärkeren ist, oder schlicht und einfach sehr pragmatisch. Für den Zufall nimmt man den Tippkasten: Einer bückt sich und schließt die Augen, ein anderer zeigt nacheinander auf alle Spieler und fragt: „Tipp, tipp, tipp, wer soll das sein?“. Der Tippkasten gibt eine von zwei Antworten, die bestimmt, in welcher Mannschaft man spielt. Für das Recht des Stärkeren wählen die beiden Alpha-Männchen der Truppe sich ihre Mannschaften zusammen. Um zu bestimmen, wer anfangen darf, stellen sie sich gegenüber und setzen langsam einen Fuß voreinander und gehen aufeinander zu. Wer den letzten Fuß vollständig in die Lücke bekommt, hat gewonnen. Oder für die Pragmatiker: Es spielen einfach die Spieler mit hellen T-Shirts in einer Mannschaft, in der anderen die mit den dunklen (trickreiche Menschen haben deshalb immer ein helles und ein dunkles T-Shirt dabei, um schnell das überstreifen zu können, was der beste Spieler trägt).  

Bevor es endgültig losgeht, steht noch eine Wahl an: Die des Spielgeräts. Denn natürlich hat jeder zweite Anwesende seinen Ball mitgebracht, und jeder will am liebsten mit dem eigenen spielen, weil der natürlich der allerbeste ist. Ausnahme: Der Ball wurde erst vor ein paar Tagen gekauft und man spielt auf Beton. In diesem Fall muss das kratzerfreie Leder natürlich geschont werden, und der Ball wandert sofort wieder in die Tasche. Die Entscheidung fällt, in dem jeder mit fachmännischem Blick alle Bälle einmal feste mit beiden Händen zusammendrückt und auf den Boden prellt. Fällt die Wahl auf einen Ball, der nicht zu den eigenen Favoriten zählte, darf man später während des Spiels bei jedem Fehlpass darauf hinweisen, dass mit dieser Pflaume eben kein Mensch spielen könne.  

Auf der nächsten Seite: "Letzter Mann!" - die große Torwartfrage



Die Torwartfrage

Wenn das Spiel losgeht, zeigt sich meistens: Keiner hat Bock, sich ins Tor zu stellen. Der Job ist langweilig, man ist immer der Depp, der den Ball in die Weichteile bekommt oder getunnelt wird. Deshalb gibt es die „Letzter Mann“-Regel. Den Ball in die Hand nehmen darf immer derjenige, der gerade als erster hinten ankommt. Oder man stellt das mannschaftsinterne Gesetz auf, dass immer der in den Kasten muss, der das letzte Tor erzielt hat. Das Gute ist: Mit zunehmender Spieldauer löst sich die Torwartfrage von selbst, weil immer jemand dringend eine Verschnaufspause braucht. Wichtig ist, solche Torwartwechsel durch lautes Rufen anzukündigen. Profis rufen nur die Abkürzung „TW!“

Auf der nächsten Seite: "Drei Ecken, ein Elfer" und weitere wichtige Regeln  


Sonstige Regelabweichungen

Ecken ergeben auf kleinen Park- oder Hinterhof-Feldern keinen Sinn, weil die wenigsten mit so viel brasilianischen Straßenkicker-Genen ausgestattet sind, dass sie einen hoch heranfliegenden Ball in ein kleines Rucksack-Tor befördern könnten. Deshalb gilt die Gleichung: Drei Ecken, ein Elfer.

Meistens hat man sich auch nicht auf eine klar definierte Spieldauer geeinigt. Entweder spielt man also so lange, bis eine Mannschaft eine festgelegte Anzahl von Toren erzielt hat. Oder irgendwann ruft ein Alpha-Tier: „Nächstes Tor entscheidet“. Es ist erstaunlich, wie viel Ernsthaftigkeit, Ehrgeiz und ungeahnte Kraftreserven dieser Satz auslösen kann.

Das Blöde beim Kicken im Park ist, dass es weder Werbe-Banden noch Balljungen gibt. Bolzt man also neben das Tor, fliegt der Ball so lange und weit, bis die Gesetze der Physik ihn zum Liegenbleiben bringen. Fragt sich: Wer muss ihn holen? Vor allem, wenn er in ein Grüppchen grimmig dreinschauender Mütter beim Sonntagspicknick geflogen ist und die ihren Nachwuchs gefährdet sehen. Die beste, weil alle grobmotorischen Bolzer am besten disziplinierende Regel lautet: Schütze holt.

Auf der nächsten Seite: Wie Kicken im Park auch zu zweit funktioniert.  


Alternativen
Manchmal klappt es nicht so mit dem Verabreden und es kommen nur vier Kickwillige. Zwei gegen zwei ist erstens anstrengend, zweitens unbefriedigend. Deshalb behelfen sich viele mit anderen Varianten, wie zum Beispiel dem guten, alten „Ball aus der Luft“ (auch „Hochball“ oder „Luftkönig“ genannt), wo alle miteinander gegen den Torwart spielen, der ein Leben verliert, wenn er ein Tor kasseirt. Tore dürfen nur per Volley-Schuss erzielt werden, wer ins Aus schießt, muss ins Tor. Genauso funktioniert im Prinzip ein ähnliches Leben-Vernichtungsspiel, das sogar nur zu zweit funktioniert: Elfmeter-Rittern.


Text: christian-helten - mathias the dread / photocase.com

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