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Rose-Lise, 16, Studentin

Sie ist die jüngste Studentin der Ludwig-Maximilians-Universität München: Rose-Lise Bonin ist 16, hat ihr Abitur mit 1,0 bestanden und mit elf ihren ersten Roman angefangen zu schreiben. Wie ist es als Minderjährige an der Uni? Eine Begegnung
martin-schneider

Rose-Lise Bonin setzt sich auf die Eckbank, nimmt ihr Buch aus der Tasche und legt es auf den Tisch. „Zeitsprung“ steht auf dem Titel, ihr Name steht als Autorin darüber. „Es ist ein Science-Fiction-Fantasy-Roman. Er spielt im Jahr 2597“, sagt sie. Den ersten Satz schrieb sie, als sie elf Jahre alt war. Er lautet: „Du Bastard, du nimmst mir nicht meine Kinder weg!“ Zwei Jahre später war der Roman fertig. 

Inzwischen ist sie 16 und sitzt in der Mensa der LMU München am Englischen Garten. Seit drei Wochen studiert sie Kommunikationswissenschaften und öffentliches Recht. Sie ist die jüngste Studentin der LMU, Jahrgang 1997. Ihre Biografie liest sich so, wie man es von einem Mädchen, das mit elf Jahren seinen ersten Roman schrieb, fast schon erwartet. Abitur mit 1,0, zweisprachig aufgewachsen, deutsch und französisch, die ersten zwei Klassen in einem Jahr absolviert, mehrere Praktika, Gewinnerin eines bayernweiten Gesangswettbewerbes. Ob sie hochbegabt ist, will sie nicht wissen. „Ich habe es nie testen lassen“, sagt sie.

Rose-Lise Bonin ist 16 und studiert an der LMU Kommunikationswissenschaften und öffentliches Recht.

Wenn Rose-Lise Bonin ihren Bachelor in der Regelstudienzeit schafft, ist sie mit 19 Jahren Hochschulabsolventin. Andere beginnen in diesem Alter erst ihr Studium. Im Wintersemester 2011/12 waren laut Statistischem Bundesamt 1.433 Studenten in Deutschland jünger als 18 Jahre. An der LMU sind es aktuell 166, die meisten werden allerdings innerhalb der ersten Studienmonate volljährig. Das achtjährige Gymnasium und der Wegfall der Wehrpflicht machen minderjährige Studenten nicht mehr zur absoluten Ausnahme. Probleme verursacht es trotzdem: Unter 18-Jährige sind noch nicht geschäftsfähig, alle Unterschriften müssen von den Eltern kommen oder man braucht eine Vollmacht. Bei Bonins Immatrikulation war ihre Mutter mit dabei, sie kann nicht mal einen Bibliotheksausweis alleine beantragen.  

Franziska Städtler arbeitet bei der zentralen Studienberatung der LMU. Sie berät Eltern und Studentinnen, die an die Uni wollen und noch keine 18 Jahre alt sind. Es seien hauptsächlich „verwaltungstechnische Fragen“, die Eltern und Minderjährige hätten. Ob es sinnvoll sei, mit 17 bereits eine Uni zu besuchen, hat bisher eigentlich niemand gefragt. „Es ist immer noch die Ausnahme“, sagt Städtler. „Und wer zu uns kommt, hat sich meist schon für das Studium entschieden.“  

Rose-Lise Bonin kennt die Diskussion um immer jüngere Studierende. Keine Lebenserfahrung, Ausbildung statt Bildung, Turbo-Studenten. Sie kann nichts dafür, muss aber mit den Konsequenzen leben. „Ich sehe es als Chance“, sagt sie. „Wenn ich das Studium abgeschlossen habe, habe ich viele Möglichkeiten. Das kann von einem Master bis zu einem Jahr im Ausland alles sein.“  Wenn Rose-Lise Bonin redet, spricht sie langsam, überlegt. Wenn sie sich in einem Satz verrennt macht sie eine Pause, setzt neu an und stellt ihn richtig. Sie redet viel über Bücher, sie liest viel, nur ein Lieblingsbuch mag sie nicht nennen. Dafür mag sie die Serie „Two and a half men“, „How I met your mother“ findet sie nicht so gut, das sei alles schon bei „Friends“ dagewesen, sagt sie. Sie stand selbst mal vor der Kamera: Im Film „Klimt“ mit John Malkovich war sie Statistin.    

An der Uni sei ihr Alter kein Thema. Sie ist froh, jetzt mit dem Studium angefangen zu haben, an ihrer alten Schule hatte sie nicht nur Freunde. Ob das Neid oder Missgunst war, weiß sie nicht. „Es ist doch normal, dass man sich nicht mit allen gut versteht“, sagt sie und zuckt mit den Schultern.  

Nur das mit dem Feiern, das sei schwierig. „Ich finde es lustig, dass das Land Bayern mich für alt genug hält, ein Studium zu beginnen, aber gleichzeitig darf ich nur bis 24 Uhr in einen Club“, sagt sie. Aber so viel Zeit hätte sie auch nicht, die Uni beginnt jeden Morgen um acht und sie gehe zu jeder Vorlesung. „Im Moment jedenfalls noch“, sagt sie. Das Studentenleben gefällt ihr gut: „Es gibt weniger Vorgaben als an der Schule, wobei, früher muss das  ja noch flexibler gewesen sein“, sagt sie.  

Zunächst wollte sie Philosophie studieren, aber Kommunikationswissenschaft schien ihr irgendwie konkreter zu sein. „Das ist was Handfesteres“, sagt sie. Radio findet sie interessant – und Werbung, weil man dort mit wenigen Sätzen Wirkungen erzeugen muss. Und das Schreiben natürlich. Schriftstellerin oder Journalistin zu werden könnte sie sich vorstellen. So genau weiß sie es noch nicht. „Ich hab ja noch Zeit“, sagt sie.


Text: martin-schneider - Foto: dpa

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