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"Schlandnet" - Was ist das?

Die Telekom hat die Idee eines "Deutschlandnetzes" präsentiert. Zum Schutz vor Ausspähungen soll der deutsche Internetverkehr nur noch über deutsche Server laufen. Die Netzgemeinde verspottet das Vorhaben. Was steckt dahinter?
jan-stremmel

Ein "Deutschlandnetz" – würde das gehen?

Ja. Die Wege, über die Datenpakete im Netz verschickt werden, lassen sich steuern. Bisher werden sie so verschickt, dass sie auf dem schnellsten Weg beim Empfänger ankommen – was auch für Verbindungen innerhalb Deutschlands häufig den Umweg über die USA bedeutet. Über sogenannte "Routingtabellen" kann man aber einstellen, dass deutsche E-Mails an deutsche Empfänger nur über deutsche Leitungen und Server laufen. Dann hätte die NSA, nach allem was man bisher über ihre Abhörpraktiken weiß, keinen Knotenpunkt, um die Daten abzugreifen. Allerdings setzt das voraus, dass sowohl Sender als auch Empfänger einen deutschen E-Mail-Provider benutzen - was einen beträchtlichen Teil des E-Mail-Verkehrs ausschließt. Sendet etwa ein Deutscher eine Mail von einer Web.de-Adresse an einen deutschen Yahoo-Empfänger, würden die Informationen das "Deutschlandnetz" verlassen, weil die Yahoo-Server größtenteils in den USA liegen. Und damit im Territorium der NSA.  

Wie stellen die sich das vor?

Das ist noch nicht klar. Bisher ist nur bekannt, dass die Telekom mit diversen Netzbetreibern über eine gemeinsame Nutzung von Leitungen verhandle. Dazu muss man wissen: Bisher verlangt die Telekom Geld dafür, dass sich andere Anbieter mit ihrem Glasfasernetz verbinden. Dieses sogenannte "Peering" ist üblicherweise kostenlos. Die Praxis der Telekom, Geld fürs Peering zu verlangen, wird von Experten schon länger kritisiert – weil sie dazu führt, dass deutsche Internetanbieter ihre Daten über kostenlose amerikanische oder britische Leitungen schicken statt über deutsche. Allein ein Peering-Abkommen der deutschen Internetanbieter würde also schon weite Teile des deutschen Internetverkehrs ins Inland verlagern, sagt der Chaos Computer Club. Es wirkt also ein wenig so, als würde die Telekom eine ohnehin längst überfällige Reform als großen Coup verkaufen.




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Auf Twitter hat sich der Vorstoß der Telekom unter dem Hashtag #Schlandnet als Mem verbreitet.

Bringt das nun was oder nicht?

Wenn es um den Schutz vor NSA oder dem britischen Geheimdienst GHCQ geht: Vermutlich ja. Ausländische Geheimdienste hätten keinen Zugriff auf den E-Mail-Verkehr zwischen deutschen Sendern und Empfängern – vorausgesetzt, sie lauschen nur über die Server in ihren jeweiligen Ländern. Falls das aber nicht deren einzige Quelle ist, falls sie also auch von nationalen Geheimdiensten beliefert werden, würde das "Deutschlandnetz" nichts bringen. Denn deutsche Geheimdienste und Polizeien könnten ja noch immer auf die Informationen zugreifen. Experten werfen der Telekom und konservativen Politikern, die deren Idee unterstützen, deshalb Scheinheiligkeit vor: Wenn die Privatsphäre der Bürger tatsächlich besser geschützt werden solle, müsse man umstrittene Vorhaben wie die Vorratsdatenspeicherung verhindern, die Befugnisse der deutschen Geheimdienste beschneiden und wirksame Verschlüsselungs-Technologie fördern.


Wäre das "Deutschlandnetz" nicht ähnlich wie die "Great Firewall" in China oder die Netzsperre in Iran?

Nein. Man könnte auch aus dem Deutschlandnetz heraus noch auf Facebook, Google oder Youporn zugreifen. Bloß wäre dann natürlich der Schutzeffekt dahin. Wer also sicher sein will, muss freiwillig hinter der Schutzmauer bleiben und seine Daten über deutsche Anbieter verschicken und empfangen; am besten zusätzlich verschlüsselt.  

Wo führt das hin, wenn Deutschland sein eigenes Internet bekommt?

Einige namhafte Experten befürchten: zu einer "Balkanisierung" des Internets, also zur Loslösung von der großen Idee hin zu Kleinstaaterei. Die Idee eines nationalen Netzes widerspricht dem Wesen des Internets als globalem, neutralen Kommunikationsweg, sagen verschiedene Blogger, die sich damit auskennen. Die Telekom-Pläne befeuerten alten Nationalismus, Rechtspopulismus und torpedierten globale Herausforderungen der Zukunft. Man befürchtet ein "abgeschottetes, durchreguliertes Internet mit Grenzkontrollen und Sperr-Infrastrukturen". Der Ruf nach Schutz vor der US-Spitzelei, der seit den neuesten Snowden-Enthüllungen sogar von Innenminister Hans-Peter Friedrich kommt, habe eine zweite Seite. Schließlich hat Friedrich noch im Sommer von einem "Supergrundrecht Sicherheit" gesprochen, das Vorrang vor allen anderen Grundrechten habe. Er ist also ein mindestens zweifelhafter Pate für den Schutz der Privatsphäre.


Text: jan-stremmel - Foto: dpa, Screenshots: Twitter

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