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Sehen, wo die Nazis aufmarschieren

Spätestens die NSU-Morde haben gezeigt, dass man die Neonazi-Szene in Deutschland nicht ignorieren darf. Das Projekt "Rechtes Land" macht sichtbar, worüber die Öffentlichkeit oft lieber schweigen würde.
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Ein Klick in der Menüleiste auf „Todesopfer rechter Gewalt“ und die Karte wird mit roten Vierecken besprenkelt. Klickt man auf „NSU-Morde“, kommen weitere hinzu. rechtesland.de erinnert zwar im ersten Moment an Google Maps, doch die Seite zeigt uns nicht die schnellste Route in den Urlaub oder alle Friseursalons in unserer Nähe, sondern Orte, an denen Organisationen gegen Ausländer aufmarschierten, rechte Bewegungen zur Gewalt aufriefen und an denen Menschen getötet wurden.

„Deutschlandweit sind Neonazis am Werk. Das Wissen über sie ist regional verteilt; sich ein Gesamtbild zu verschaffen ist alles andere einfach. Rechtes Land will die Orte der extremen Rechten, ihre Verbände, ihre Morde, ihre Überfälle, ihre Termine und aktuelle Vorhaben kartieren. Um sie für alle sichtbar zu machen“. Damit warb das „Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin“ (apabiz) für sein Crowdfunding-Projekt. Mit Erfolg. Nach 30 Tagen auf startnext.de war das Ziel zu 120 Prozent erreicht. Über 400 Menschen hatten zusammen 6000 Euro  gespendet. Damit konnte das Projekt „Rechtes Land – Atlas zur extremen Rechten und zur Nazi-Vergangenheit“ starten. Eine staatliche Förderung habe man für das Datenjournalismusprojekt nie gewollt, erklärt Ulli Jentsch von apabiz: „Uns war eine unabhängige Finanzierung wichtig. Förderungen sind oft mit Auflagen verbunden, auch was Kritik an staatlichem Vorgehen betrifft.“ Rechtsextremismus sei außerdem eine Angelegenheit der Zivilgesellschaft. Und die hat gezeigt, dass sie bereit ist ein Projekt wie „Rechtes Land“ mitzufinanzieren.



Umgesetzt wird das Projekt in Zusammenarbeit mit der die Firma „Lokaler“ des bekannten Datenjournalisten Lorenz Matzat. Seit Montag ist nun eine erste Betaversion der Seite online. Unter der Kategorie „Rechtes Land“ kann man sich auf der interaktiven Karte die NSU-Anschläge, Aufmärsche 2012 oder Gewalt- und Todesopfer anzeigen lassen. Auf einen Klick bekommt man Details und den Link zur Informationsquelle. Aber auch Gedenkstätten, Beratungsstellen und gesammelte Nachrichten sind auf der Karte verzeichnet, oder sollen in Zukunft verzeichnet werden. Aktuell ist der Datensatz teilweise noch etwas dünn.

Ulli Jentsch ist sich dessen bewusst. Die Betaversion erhebe natürlich noch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. „Aber schon jetzt melden sich Menschen oder Organisationen, die Informationen und Quellen haben. Uns geht es darum, auch die mit in den Prozess einzubinden“, erklärt der Projektleiter. Ganz fertig kann die Seite ohnehin nie sein, da immer neue Informationen hinzukommen. Aber die Karte soll die Möglichkeit bieten, möglichst viel vorhandenes Wissen zu sammeln und verständlich zu visualisieren, auch für Menschen, die sich nicht explizit mit dem Thema beschäftigen. Laut einem Eintrag des Blog, der die Entstehung des Projekts dokumentiert, haben alleine in den ersten 24 Stunden 27.000 User den „Atlas Rechtes Land“ besucht.

Das Sammeln von Informationen ist aber nur eines der Ziele von „Rechtes Land“. Ein weiteres besteht darin, die Vernetzung von Organisationen, die sich mit der Recherchearbeit befassen, zu erleichtern und aufzuzeigen, wo sich verlässliche Quelle und Experten in verschiedenen Regionen finden. „Gerade kleine Zusammenschlüsse oder Antifa-Initiativen leisten oft sehr gute Arbeit und haben fundiertes Wissen über lokale rechte Bewegungen, aber werden nicht ernst genommen, weil sie nicht die Ressourcen für professionelle Öffentlichkeitsarbeit haben“, erklärt Ulli Jentsch.

„Rechtes Land“, soll also nicht nur als Informationsquelle dienen, sondern auch eine bundesweite Zusammenarbeit ermöglichen. Auf die setzen Ulli Jentsch und die Mitarbeiter des apabiz auch bei anderen Projekten. Zum Beispiel bei ihrem NSU-Watchblog, auf dem ab April eine unabhängige Berichterstattung über den kompletten Prozessverlauf stattfinden soll.

Text: teresa-fries - Foto: Screenshot

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