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Sofakissen machen Leute

Wohn- und Dekotipps verstecken sich nicht mehr auf den letzten Seiten in Magazinen, sondern füllen inzwischen reihenweise Hefte. Die sind ganz anders als die Wohnmagazine, die man sonst kennt. Sind Wohnzeitschriften die neuen Modemagazine?
kathrin-hollmer

Es gibt so viele Modemagazine. Für jeden Stil und jeden Kontostand, für Promi- oder Kosmetik-Süchtige, für Leute, die gern selbst nähen, die Trends suchen oder lieber anders sein wollen. Wer Inspiration für die Wohnung statt für sein Äußeres sucht, hatte in Deutschland eigentlich immer nur zwei Möglichkeiten: „Schöner Wohnen“ oder „AD“. Doch abgesehen davon, dass wir uns für beide noch zu jung fühlen, bewirken die steril durchgestylten Wohnungen, die dort gezeigt werden, eher Angst als Inspiration.  

Diese spärliche Auswahl ist längst Geschichte. Einrichten und Wohnen haben sich als Nebenthemen in unsere Magazine eingeschlichen. Erst waren es - manchmal statt der Rezeptseiten - Fotostrecken von Wohnungen, am liebsten den halb leeren Exemplaren von New Yorker oder im Moment Stockholmer und Kopenhagener Hipstern. Inzwischen sind Wohn- und Dekotipps nicht mehr auf den letzten Seiten versteckt, sondern füllen eigene Magazine. In den vergangenen Wochen sind die Zeitschriftenregale mit den Wohn- und Dekomagazinen so gewachsen, dass sie mit dem Moderegalen bald mithalten können. Und die Hefte, die man darin findet, sind so ganz anders als die Wohnmagazine, die man sonst kennt.    

Im Februar erschien „Couch“ als „erstes Wohn- und Fashion-Magazin“. In seinem Pocket-Format sieht das Magazin wie eine „Glamour“ für die Wohnung aus. Viele Produkte, viele Bilder, wenig Text. Die Frauenzeitschrift „Flair“, die viele aus Österreich kennen, kommt im Sommer als Mode- und Wohnmagazin nach Deutschland. Sogar regional setzt sich die Wohnbegeisterung durch: „Deco München“ bespielt die Themen Wohnen, Lifestyle und Design mit Tipps und Adressen aus München.  

30 Journalistenschüler haben 2011 als Abschlussheft das junge Wohnmagazin „Hollyhome“ entwickelt.

Noch vor den „Großen“ hat das aktuelle Magazin der Burdajournalistenschüler aus München den Trend erkannt. Die 30 Volontäre haben im Herbst 2011 als Abschlussheft das junge Wohnmagazin „Hollyhome“ entwickelt. Das Motto: „Lebe deinen Raum“. Die Zielgruppe: junge, wohnbegeisterte Menschen. Im Editorial kündigen die Nachwuchsjournalisten an: „Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt.“ Im Heft sieht das so aus: Rezepte und Tipps für die Einweihungsparty, Legeseiten mit Schubladenknäufen und viele, viele Anleitungen: was man mit Tapeten alles anstellen kann, wie man sich aus Plastikbechern einen Designer-Lampenschirm oder aus Stoffhasen (!) einen Sessel bastelt.    

„Die Nische Junges Wohnen war auf dem Zeitschriftenmarkt noch nicht besetzt. Wir konnten dadurch etwas ganz Neues schaffen“, sagt Julia Bauer, 25. Zusammen mit Jennifer Seelig, 26, war sie in der Redaktion von „Hollyhome“. „Wir sind frischer, jünger, wollen weniger perfekt sein, dafür trauen wir uns mehr und kennen keine Grenzen“, sagt Jennifer. Wie die „großen“ Wohnmagazine gibt auch „Hollyhome“ Einblicke in  Wohnungen, die aber nicht medizinisch aufgeräumt aussehen, sondern echt.  


Echte Wohnungen, echte Bewohner: das spanisch-italienische Magazin „Apartamento“.

Durch ein Schlüsselloch in echte Wohnungen sehen zu dürfen, hat das spanisch-italienische Magazin „Apartamento“ zu seiner Marke gemacht. Das Heft erscheint seit 2008 auf Englisch und wurde von der New York Times als das erste „post-materialistische Interior Magazine“ gelobt. In „Apartamento“ sieht man keine durchgestylten Hipster-Wohnungen, sondern echte Wohnräume mit ihren echten Bewohnern. Der Chefredakteur Marco Velardi sieht sein Heft als „der Streetstyle unter den Wohnmagazinen.“ Die Geschichten und Fotos in seinem Heft sollen ehrlich und sympathisch sein, nicht Ehrfurcht einflößen, das ist ihm ganz wichtig.

Ehrfurcht wäre auch unangebracht, denn die Zielgruppe von Wohnmagazinen wird immer jünger. „Einrichten und Design sind so wichtig wie immer, nur heute sind es schon Schüler und Studenten, die besessen davon sind und Wohnmagazine und -Blogs lesen“, sagt Marco Velardi.    

In der ersten eigenen Wohnung oder dem WG-Zimmer reicht meistens das zusammengesammelte Mobiliar von Mama und Oma nicht mehr. Heute wird nicht improvisiert, sondern eingerichtet. Aus diesem Grund haben Modelabels wie H&M und Zara ihr Sortiment um Home Collections ergänzt. Neben Tops, Röcken und Schals verkaufen sie auch Bettwäsche, Kissen und Tischdecken. Ebenso günstig und ebenso erfolgreich wie ihre Kleider.    

Julia (links im Bild) und Jennifer bloggen unter Flatmaids.de über Wohnen und Einrichten.

Julias und Jennifers Abschlussheft „Hollyhome“ ist nur einmal erschienen, ob es eine zweite Ausgabe geben wird, steht noch nicht fest. Aufgeben müssen sie ihre Idee vom jungen Wohnmagazin aber nicht. Die beiden bloggen schon seit ihrem Volontariat unter Flatmaids.de und wollen das auch weiter tun. In der Blogger-Szene sind sie mit dem Einrichtungsthema längst nicht mehr allein zwischen „Augenpralinen“, „Stylespion“ und „23qm Stil“. Wie es vor ein paar Jahren mit Modeblogs war, behält man heute kaum den Überblick über die vielen Wohnblogs, die jede Woche dazukommen. Auch auf Pinterest ist die Wohnlust bereits angekommen. Laut Meedia.de ist dort die beliebteste Kategorie „Home“, noch vor „Arts and Crafts“ (Handarbeiten) und „Style/Fashion“.    

Sind Wohnmagazine am Ende die neuen Modemagazine? Oder ist der Sprung von der Handtasche bis zum Gewürzregal gar nicht so weit? So einen großen Unterschied macht es doch nicht, ob wir nun Styling-Tipps für unser Outfit bekommen oder für die Wand im Wohnzimmer, ob wir uns um den Inhalt oder den Kleiderschrank selbst kümmern, ob wir zum goldfarbenen Top nicht nur die passende Tasche, sondern auch noch farblich abgestimmte Dessertteller und Paillettenkissen finden. „Schließlich kann man sowohl mit Mode als auch mit Wohnen seine Persönlichkeit ausdrücken“, sagt Julia.

Text: kathrin-hollmer - Screenshots: flatmaids.de, apartamentomagazine.com

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