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Verschenkte Stimmen

Manche Israelis fanden es deshalb ungerecht, dass ihre palästinensischen Nachbarn nicht wählen durften - und schenkten ihnen ihre eigenen Stimmen.
alexandra-rojkov

Aya Shoshan ist heute in ein Wahllokal in Tel Aviv gegangen. Sie hat ihr Votum bei den israelischen Wahlen abgegeben – doch wo sie das Kreuz gesetzt hat, hat die 28-Jährige nicht selbst entschieden. Sondern ein Palästinenser, der im Westjordanland lebt, weit weg von der Partymetropole Tel Aviv. Aya hat ihm ihre Stimme gespendet.

Aya ist mit ihrer Entscheidung nicht alleine: Etwa 1000 Israelis und Palästinenser haben sich entschlossen, an diesem Wahltag die Machtverhältnisse umzudrehen: Israelis stellen ihre Stimmen Palästinensern aus dem Gazastreifen und dem Westjordanland zur Verfügung. Sie nennen das „Echte Demokratie“, und so heißt auch die Facebook-Gruppe, über die Spender und Empfänger zu einander finden. In Posts oder Videos stellen sie sich vor: Die, die eine Stimme spenden möchten, und jene, die sie gerne hätten. Schnell bilden sich Paare. Per Facebook-Nachricht teilt der Palästinenser schließlich mit, wen der Israeli in seinem Namen wählen soll. Demokratie als Tauschhandel.

Aya Shoshan hat ihre Stimme verschenkt.

Aya ist dabei, seit das Projekt vor etwa drei Wochen im Netz auftauchte. Die Politikstudentin engagiert sich schon lange für die Palästinenser: Mit einer NGO fährt sie regelmäßig ins Westjordanland, um Wind- und Solaranlagen in palästinensischen Dörfern aufzustellen. Denn obwohl Israel 60 Prozent des Westjordanlands besetzt hat, sei die Infrastruktur marode, meint Aya. „Dafür gibt es umso mehr Checkpoints.“ Aya erlebt, wie sich die Besatzung auf das Leben der Menschen auswirkt: Straßen werden willkürlich gesperrt, Häuser durchsucht, Steuergelder einbehalten. „Wir, die Israelis, beherrschen das Gebiet“, sagt die Studentin. „Und die Palästinenser können sich überhaupt nicht dagegen wehren.“ Deshalb wolle sie einem von ihnen die Möglichkeit geben, Einfluss auf die israelische Politik zu nehmen. „Ich will, dass seine Stimme gehört wird“, sagt Aya. Außerdem soll das Projekt den Initiatoren zufolge darauf aufmerksam machen, dass die Palästinenser auch in anderen Institutionen, beispielsweise in der UN, kein Stimmrecht haben. 

Etwa 1000 Israelis gaben bei der diesjährigen Wahl nicht ihre eigene Stimme ab, sondern die eines Palästinensers.

Gehört werden wird deshalb auch die Stimme von Galib Hilmi. Der 21-Jährige Palästinenser studiert an der Universität von Ramallah und will Dolmetscher werden. Durch Zufall wurde er auf die Aktion aufmerksam. „Ich war überrascht, wie viele Israelis für uns wählen wollen“, sagt er. Genau wie Aya findet auch er das bestehende System unehrlich. „Israel besetzt uns“, sagt er. Dass die Palästinenser im Westjordanland der israelischen Politik ausgeliefert sind, hält er für undemokratisch. Deshalb, so findet er, sollten sie mitentscheiden dürfen, welche Parteien in Israel an die Macht kommen. Wenn schon nicht offiziell, dann wenigstens mithilfe der Initiative „Echte Demokratie“.

Etwa ein Drittel der Palästinenser, die eine Stimmenspende bekommen haben, wünschten sich ein Kreuzchen für die Parteien, die die arabische Minderheit in Israel vertreten, so ein Administrator der Facebook-Seite. Viele wählten beispielsweise „Balad“, die sich dafür einsetzt, dass Israel nicht mehr als jüdischer, sondern als „Staat aller Staatsbürger“ definiert wird. Weitere 30 Prozent stimmten für die israelische Linke, die die Gründung eines palästinensischen Staates unterstützt. Und das letzte Drittel setzt ein ganz eigenes Symbol: Sie bitten ihr israelisches Pendant darum, die Wahl zu boykottieren. Auch Galib Hilmi hat lange überlegt, wem er seine Stimme geben wird. Doch je mehr er sich mit der israelischen Politik beschäftigte, desto mehr hatte er das Gefühl: Eigentlich tritt keine der israelischen Parteien für eine Zwei-Staaten-Lösung ein. „Wenn ich mir die Parteien im Fernsehen ansehe, glaube ich, dass keine von ihnen Frieden will“, sagt er. Und an die arabisch-israelischen Parteien glaube er auch nicht so recht. „Die werden doch von den Israelis kontrolliert“, meint Galib.

Nicht zu wählen – auch das ist für ihn Demokratie. Und er bewundere die Israelis, die ihm dabei helfen. Hätte auch Ayas Partner beschlossen, die Wahlen zu boykottieren – sie hätte sich daran gehalten. „Es ist die Stimme der Palästinenser“, sagt sie. Sie könnten damit tun, was sie wollen. Doch die Studentin wird heute Chadasch wählen, eine sozialistische Partei, bei der sich Juden und Araber engagieren. „Ich glaube, ich werde mich danach glücklich fühlen“, sagt Aya. „Viel besser, als wenn ich für mich selbst gewählt hätte.“ Ob sie sich vorstellen kann, auch bei den nächsten Wahlen für einen Palästinenser zu stimmen? „Es ist ganz einfach“, sagt Aya. „Entweder wir geben ihnen einen Staat, den sie selbst verwalten können. Oder wir geben ihnen die Möglichkeit, in der isrealischen Politik mitzuentscheiden.“

Text: alexandra-rojkov - Fotos: privat, afp

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