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Warum sich Mädchen im Internet ausziehen - eine Abrechnung

MySpace ist eine tolle Sache.
meredith-haaf

MySpace ist eine tolle Sache. Man kann dort Menschen kennen lernen oder mit seiner Kunst Karriere machen. Die meisten Mädchen machen aber was anderes: Sie ziehen sich aus. Was Technologie betrifft, gehöre ich wohl zu der Gruppe der Zwei-Jahrhunderte-zu-spät-Adopter. Trotzdem ist es auch mir nicht entgangen, dass Webnetzwerke wie MySpace eine tolle, ja revolutionäre Sozialinnovation sind. Kommunikation und Plattenverträge für alle und so. Weil ich das nicht ganz verpassen wollte, machte ich mich vor ein paar Wochen auf, die schöne, neue Webwelt so richtig zu entdecken. Stattdessen fand ich Mädchenbrüste. Mädchen zwischen 15 und 25 lieben MySpace. Und das Netzwerk liebt sie auch: Ein argloser Besucher, der bloß mal Profile durchstöbern will, wird beim ersten Klick von einer Flut langhaariger Mähnen, Lipgloss-Schnuten und kniekehlentiefer Ausschnitte erschlagen. Grund: Die Browserfunktion sucht, wenn man sie nicht selbst anders einstellt, automatisch nach den Eigenschaften „weiblich, jung, single“. Von Haus aus ist die Wahrscheinlichkeit also hoch, dass vor allem solche Profile angesehen werden. Und die Inhaberinnen tun ihr übriges, um den Anreiz zu erhöhen.

Das Photo ist auf der MySpace-Seite das zentrale Element. Klar stehen da auch massenhaft Angaben zu persönlichen Vorlieben und Eigenschaften. Nur listet jede Zweite sämtliche Indiemusik als Lieblingssound auf, nennt als Vorbild ihre „Mom“ und als Traummann Björn von den Mandos. Dass darauf keiner mehr so richtig reagiert, ist klar. Doch die MySpace-Mädchen wollen nichts dringender, als Reaktion. Wie sonst ist zu erklären, dass all diese 17jährigen sich gegenseitig oder mit Selbstauslöser im BH ablichten – und die photogeshoppten Ergebnisse auf ihre Seite laden. Oder die 18jährige Userin, die sich mit schmachtendem Eyelinerblick nackt unter die Dusche stellt und sich dabei fotografiert. All diese Bilder, auf denen es von hausbackener Schulmädchenerotik nur so flimmert, findet man in den weiblichen Bildergalerien. Anonymisiert wird hier nichts – und alles ist für die ganze Welt zu sehen. Was soll das? Solche Bilder versteckt man eigentlich in einem Schuhkarton unter seinem Bett und zeigt sie allerhöchstens irgendwann mal seinem eigenen Freund. Nichts gegen Nacktfotos. Aber wenn man ehrlich ist, zeugt es nicht gerade von Souveränität, geschweige denn Coolness, sich im einsamen Kämmerchen grundlos in einigermaßen verdrehte Sexy-Posen zu werfen, das dann fotografisch zu dokumentieren und ins Netz zu stellen. Natürlich geht es den Modells-Schrägstrich-Fotokünstlerinnen auch gar nicht darum, lässig oder würdevoll zu sein. Sie wollen angeschaut werden. Sie wollen Lob und Bestätigung des Betrachters. Sie wollen Kommentare. Und zwar möglichst viele. „Hey, du bist ja heiß“, „Rrrrrrrr, Kätzchen“ oder „Ist da noch Platz für mich in deiner engen Jeans“ lauten die gängigen Sprüche, die andere Netzwerknutzer unter die Bilder posten. Solche Sätze fallen im echten Leben eigentlich in die Kategorie ekelhafte Anmachen. Doch die MySpace-Mädchen sammeln diese Kommentare wie andere Leute Briefmarken. Die Frage ist, was mehr Sex-Appeal hat: Philatelie oder eine Person, die ihren Drang nach Selbstbestätigung auf ihrem Dekollete zur Schau stellt. MySpace und andere Web-Plattformen bieten ja tatsächlich tausend Möglichkeiten für Menschen, ihr Potential in irgendeiner Weise zu entfalten. Aber das funktioniert eben nur für diejenigen, die daran auch ein Interesse haben. Die Mädchen, die sich hier halbnackt präsentieren, machen sich hingegen selbst wieder zu einer einheitlichen, unbekleideten Masse. Nach dreißig Galerien verlieren nämlich auch sehr hübsch dekorierte Brüste ihre Individualität. Wer unter diesen Umständen immer noch meint, Exhibitonismus wäre eine besondere Form der Selbstverwirklichung, sollte vielleicht mal wieder ein gutes Buch lesen. Was aber noch viel schlimmer ist: Die Tatsache, dass sich Millionen von Mädchen selbst zu Objekten machen. Sie sind ihre eigenen Erotik-Magazinredakteure, konkurrieren mit ihren selbst geschossenen Photos um die beste Bewertung als Wichsvorlage. Seit wann ist das denn eigentlich ein erstrebenswerter Status? Bevor jetzt die Klemmi-Alarmsirenen losheulen: Begehrt sein zu wollen ist kein Stück verwerflich. Der Unterschied ist aber, ob man sich damit zufrieden gibt, als „nice piece of ass“ – hübsches Stück Hintern – in der Onlinewelt begehrt zu sein. Es ist ein super Gefühl, mit dem eigenen Aussehen glücklich zu sein. Aber es ist ein Zeichen von ganz großer Beschränktheit, sich nur über seinen Körper zu definieren. Es passiert Frauen zur genüge, dass sie über ihre weiblichen Geschlechtsmerkmale definiert werden. Schlimm genug, wenn das von außen kommt. Aber die Mädchen, die ihre Haut und Körperteile so unreflektiert und massenhaft zur Schau stellen, denken darüber scheinbar nicht einmal nach. Anstatt die unendlich tollen Internetmöglichkeiten für irgendwas Interessantes zu nutzen, forcieren sie mit ihren Selbstdarstellungen den ewigen, langweiligen Mechanismus: Du bist deine Brüste. Darüber wollten wir doch langsam hinaus sein. Und jetzt erzähl mir doch noch mal jemand etwas von Innovationen. Collage: Dirk Schmidt

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