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Wenn 1,5 Grad zählen

Die Fidschi-Inseln drohen durch den Klimawandel unterzugehen. Der 27-jährige Krishneil Narayan verhandelt auf der Klimakonferenz um ihre Zukunft.
andreas-sieber
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Es ist erst der dritte Tag der Klimaverhandlungen in Paris, aber mehr als vier Stunden geschlafen hat Krishneil Narayan schon seit zwei Wochen nicht mehr. „Jeder Morgen beginnt mit mindestens zwei Tassen Kaffee“, sagt Krishneil. Er ist 27 und damit einer der jüngsten Diplomaten auf dem Weltklimagipfel. Und verhandelt die Zukunft der Fidschi-Inseln. Das ist Zufall, eigentlich war er vor zwei Jahren als Journalist bei den Klimaverhandlungen in Warschau. Am ersten Tag der Klimakonferenz fragte ihn die Delegation seiner Heimat, ob er für sie offiziell verhandeln wolle. Seitdem arbeitet er als Diplomat. Paris ist bereits Krishneils siebter Klimagipfel. „Wenn Du wie ich aus einem Land kommst, dessen Überleben hier verhandelt wird, ist es schon frustrierend, dass es nicht schneller vorangeht", sagt er.

Der Klimawandel vertreibt Menschen aus ihrer Heimat und macht sie zu Flüchtlingen. Das Bundesamt für Migration rechnet mit 150 bis 200 Millionen Klimaflüchtlingen bis 2050. Die Studie Mapping Choices hat ausgerechnet, was wie viel Grad Erwärmung für den Meeresspiegel und die Menschen bedeuten: Schon bei zwei Grad Erwärmung würde der Meeresspiegel langfristig so stark ansteigen, dass Gebiete, in denen heute 280 Millionen Menschen leben, unter Wasser lägen. Auch die Fidschi-Inseln werden betroffen sein.

 

Der kleine Inselstaat im Südpazifik ist dem Meer und Taifunen besonders schutzlos ausgesetzt. „Immerhin sind wir damit gesegnet, dass unsere Inseln ursprünglich aus Vulkanen entstanden sind. Deshalb haben wir ein paar kleine Berge, auf die wir Menschen umsiedeln können. Aber viele andere Inselstaaten, wie Tuvalu oder die Marshall-Inseln, liegen nur zwei bis drei Meter über dem Meeresspiegel. Die gehen heute schon unter", erklärt Krishneil.

 

Die Fidschi-Inseln haben zugesagt, Menschen aus diesen Ländern aufzunehmen, wenn ihre Inseln überspült werden. „Das ist unser Weg, Solidarität in der pazifischen Community zu zeigen“, sagt Krishneil staatsmännisch. Mit Anfang 20 hat er ein Praktikum bei Greenpeace gemacht und konnte an einem Förderprogramm für junge Klima-Aktivisten teilnehmen. Al Gore persönlich hat ihn trainiert. Resigniert ist Krishneil nach sechs Jahren Verhandlungen aber nicht: „Für uns von den kleinen Inselstaaten ist es eine Frage des Überlebens. Es ist einfach keine Option, die Hoffnung aufzugeben." In Paris stehen die Chancen für ein Klimaabkommen auch deutlich besser als 2009 beim Gipfel in Kopenhagen.

"Du weißt nicht, was der Klimawandel bedeutet, bis du seine Folgen gesehen hast."

Ein Grund dafür ist, dass die große Mehrheit der Länder schon im Vorfeld des Gipfels Klimaschutz-Ziele eingereicht hat: Etwa 170 Staaten haben ihre sogenannten Intended National Determined Contributions (INDCs) vorgelegt. Wer wie Krishneil die Klimaverhandlungen verstehen will, muss hunderte Abkürzungen kennen. Alle sprechen von INDCs, nicht von Klimaschutz-Zielen. Keiner spricht von Finanzierug sondern vom GCF, dem Green Climate Fund.

 

Für Outsider sind die Verhandlungen wie ein Fremdsprachen-Filmfestival ohne Untertitel. „Die INDCs sind aber nicht genug", sagt Krishneil. Ohne sie würde sich die Erde um etwa vier Grad erwärmen. „Mit den Klimaschutzplänen, die hier auf dem Tisch liegen, wird sich die Erde dennoch um 2,7 Grad erwärmen." Krishneil setzt sich dafür ein, dass in einem Klimavertrag von Paris zumindest das langfristige Ziel von nur 1,5 Grad Erwärmung festgeschrieben wird. „Die Wissenschaft ist sich einig, dass die meisten kleinen Inselstaaten nur überleben, wenn wir die Erderwärmung auf diesen Wert beschränken." Was diese Zahlen konkret für die Menschen bedeuteten, deren Heimat bedroht ist, weiß Krishneil zu gut von seiner Arbeit. Er reist in die Gemeinden, erklärt den Klimawandel und seine Folgen und bespricht Anpassungsmaßnahmen. Oft verstünden die Menschen lange gar nicht, warum das passiere, dass ihr Dorf langsam untergehe.

 

Es sind solche Erlebnisse und Gespräche, die Krishneil antreiben. „Das kann ich kaum beschreiben, was das für die Menschen bedeutet. Jede Geschichte ist anders. Du weißt nicht, was der Klimawandel bedeutet, bis du seine Folgen gesehen hast." Länder wie die USA und Deutschland sind mit einem Team von über hundert Leuten in Paris. Ärmere Länder können sich eine so große Delegation nicht leisten. Krishneils Regierung hatte nicht das Geld um seinen Aufenthalt zu finanzieren, dabei ist sein Land besonders vom Klimawandel betroffen. Er musste sich Sponsoren organisieren.

 

Für Krishneil bedeutet das besonders viel Extraarbeit. „Die letzten Tage werden besonders intensiv. Da lebe ich auf der Konferenz und komme nicht zum schlafen. Vielleicht ein Power-Nap für eine halbe Stunde." Aber was tut man nicht alles für 1,5 Grad.

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