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Wieder romantisch

Unser Autor betrat mit 20 zum ersten Mal eine Bühne, heute ist er Deutscher Poetry-Slam-Meister. Wie es sich mit diesem Titel lebt und was es bedeutet, vom Slammen zu leben, hat er für uns aufgeschrieben.
pierre-jarawan

Vor fast zwei Jahren hat unser Autor schon mal über das Leben als Poetry Slammer geschrieben. 2012 ist er Deutscher Meister geworden. Wie dieser Titel sein Slammer-Leben verändert hat, schreibt er hier:

Als ich 13 war, fragte mich mein Vater, was ich einmal werden wolle. Ich antwortete, ich wolle Geschichtenerzähler werden, so wie er. Mein Vater war in Wahrheit Sozialarbeiter, aber mir erzählte er ständig Geschichten, die er sich selbst ausdachte. Es dauerte einige Jahre, bis ich in der Lage war, meinen Lebenswunsch etwas konkreter zu formulieren: „Ich will vom Schreiben leben“, behauptete ich mit 16, ohne richtig zu wissen, was das eigentlich bedeutet. Mit 20 betrat ich zum ersten Mal eine Bühne. Heute lebe ich vom Schreiben. Was soll ich sagen? Es ist weniger romantisch, als ich es mir mit 16 erträumt habe, aber traumhaft ist es trotzdem.  

Wenn man sich dafür entscheidet, vom Slammen zu leben, dann bedeutet das auch oft, fast alle Auftritte anzunehmen, die man kriegen kann. Es bedeutet Workshops an Schulen zu geben und im Idealfall auch als Veranstalter Fuß zu fassen, und es bedeutet viel unterwegs zu sein, manchmal in Hotels und oft auf Matratzen zu schlafen. Das habe ich drei Jahre lang so gemacht und es war wundervoll.  

Titel sind nicht planbar. Um das zu begreifen, habe ich drei Jahre gebraucht. 2010 wurde ich bei den Deutschsprachigen Meisterschaften – meinen ersten – Vierter. Eine große Überraschung für alle und für mich. 2011 schied ich ziemlich verdient schon im Halbfinale aus, obwohl ich mir insgeheim mehr ausgerechnet hatte. Als ich 2012 an den Start ging, war ich mir sicher, die Vorrunde höchstens mit Glück zu überstehen. Und ich war mir vorher auch nicht sicher, ob ich gewinnen wollte.  

Denn irgendwann war ich irgendwo zwischen Kiel und Wien, zwischen Kirchheim und Wuppertal müde geworden. Das Reisen strengt an, wenn man an sechs Abenden in sechs verschiedenen Städten auf der Bühne steht. Wenn es schlecht läuft, steht man dort nur fünf Minuten. Ich habe Kollegen, die manchmal wochenlang auf Tour sind und niemals müde zu werden scheinen. Ich finde das bewundernswert und bin manchmal fast ein wenig neidisch. Ich spreche von der körperlichen Müdigkeit. Auf der Bühne zu stehen, das werde ich niemals leid! In Kontakt mit dem Publikum zu sein, zu spüren, dass der eigene Text, die eigenen Worte in einem Raum und in einem fremden Menschen etwas auslösen können, das hat einen Zauber, dem man sich nur schwer entziehen kann. Das sind die beiden Seiten. Aber am Ende blendet das Scheinwerferlicht auch die Müdigkeit aus.  

http://www.youtube.com/watch?v=Phaq4aBPbkM

Als ich im Finale stand, wollte ich den Titel unbedingt. Natürlich. Und auch, wenn er bedeutet, noch mehr – oder zumindest nicht weniger – als bisher aufzutreten, kann ich sagen, dass sich mit ihm ein großer Traum erfüllt hat. Plötzlich habe ich den Luxus, auswählen zu können. Das kannte ich bisher nicht. Wenn ich an die nächsten Monate denke, fühle ich mich wie der 16-Jährige von damals. Die Vorstellung, hauptsächlich Auftritte zu machen, für die ich mich aus purer Lust entschieden habe und zu wissen, auch damit finanziell über die Runden zu kommen, bringt die Romantik an dieser Sache wieder zum Vorschein – im wahrsten (und auch kitschigsten) Sinne: Im Juni darf ich nach Paris! Unter diesen Auftritten werden viele Slam-Shows in schönen Theatern sein, ich werde mein Soloprogramm „Anders sein ist ganz normal“ öfter spielen und versuchen, mich in der einen oder anderen Richtung textlich neu auszuprobieren. Eine neue Freiheit.  

Es ist schwer zu sagen, was die Zukunft bringt. Ich liebe das Auftreten und wenn ich ehrlich bin, sehe ich mich auch mit 50 noch (verbal) auf einer Bühne herumtanzen. Aber ich bin auch ein Sicherheitsmensch, will irgendwann Familie. Kürzlich fragte mich mein Vater, wo ich mich in 20 Jahren sehe. Ich habe geantwortet: „Im Idealfall lebe ich dann vom Schreiben. Aber Schreiben, das kann man in vielen Berufen.“ Wenn ich in den vergangenen Jahren etwas gelernt habe, dann, dass es wichtig ist, auf seine Stärken zu vertrauen und die Augen offen zu halten, für alles, was da am Wegrand wartet. Das werde ich auch die nächsten Jahre machen und sehen, was passiert.

Text: pierre-jarawan - Foto: Uwe Lehmann / Photographiemanufaktur.de

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