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Wo kommen all die Guttenberg-Fans her?

Auf Facebook haben sich innerhalb einer Woche mehr als 280.000 Menschen "gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg" ausgesprochen.
peter-wagner

Im deutschsprachigen Internet trägt sich gerade etwas Besonderes zu. Am Donnerstag vergangener Woche rief Tobias Huch, 29, aus Mainz auf Facebook die Website Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg ins Leben. Huch hatte drei Tage lang die Debatte um die kopierten Stellen in der Doktorarbeit von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg verfolgt und setzte sich schließlich mit einem Kopfschütteln an den Computer. „Es war eine Reaktion auf die TV-Berichte, weil ich nicht verstanden habe, warum man das Thema so hoch kocht“, sagt Huch im Gespräch mit jetzt.de. Seitdem haben ziemlich viele Menschen auf der Seite vorbeigeschaut. Am Montagmorgen hatten dort bereits weit über 100.000 Menschen den Gefällt mir-Knopf gedrückt. Dann beschleunigte sich die Entwicklung. Am Donnerstagnachmittag dieser Woche, fast sieben Tage nach der Gründung der Seite, hatten mehr als 280.000 Menschen ihre Solidarität mit dem Minister bestätigt.

Im Vergleich mit anderen Seiten ist die Zahl sehr groß. Joachim Gauck war im vergangenen Jahr Kandidat bei der Wahl zum Bundespräsidenten und galt schon mit 20.000 Unterstützern auf der entsprechenden Fanseite als Facebook-Präsident. Bei etwa 40.000 Unterstützern war dann das Ende des Wachstums erreicht, heute halten noch knapp 32.000 Menschen den digitalen Daumen für Gauck in die Höhe. Bei anderen Politikern sieht es nicht viel besser aus. Angela Merkel zählt bei Facebook gerade gut 72.000 Gutfinder und selbst wenn man die Seiten der Politik verlässt, steht Tobias Huchs Neugründung immer noch prima da. Die Sängerin Lena Meyer-Landrut etwa hat nach einem Jahr, in dem sie fast täglich im Fernsehen und in den Zeitungen auftauchte knapp 464.000 Menschen als Fans versammelt. Eine tolle Zahl, die aber verblasst, wenn man sie mit "280.000 in sieben Tagen" vergleicht.  



Anfang dieser Woche stand in einem Blog zum ersten Mal die Frage zu lesen, ob es bei Huchs Seite und dem dort zu verfolgenden Wachstum mit rechten Dingen zugehen könne. "Facebook-Fans über das Wochenende hektisch zusammengekauft?" titelte das Blog. Noch an weiteren Stellen im Internet war im Zusammenhang mit der Seite nun von „Astroturfing“ die Rede. Das Wort ist einem Wikipedia-Eintrag zufolge in den 80er Jahren zum ersten Mal in Amerika entstanden. AstroTurf ist der Name eines Kunstrasens und deshalb bezeichnet Astroturfing nun Graswurzelbewegungen, die künstlich erzeugt wurden. Im vergangenen Jahr geriet in den USA die Tea Party-Bewegung in den Verdacht, so etwas wie eine Graswurzelbewegung im Internet inszeniert zu haben. Mehrere Medien berichteten von gefälschten Accounts in Sozialen Netzwerken, von Blogeinträgen und Kommentaren, die sich im Sinne der Tea Party-Macher äußerten, die aber von PR-Profis geschrieben waren. Tea Party-Verantwortliche verwiesen aber immer wieder darauf, dass alle Unterstützer ihrer Bewegung echt seien.

Das Phänomen "Astroturfing" hat aber nicht nur in Amerika ein Zuhause. Die Deutsche Bahn etwa versuchte 2007 auch, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Damals ging es um die Teil-Privatisierung des Unternehmens. Es gab unter anderem eine inszenierte Bürgerinitiative, die sich für die Privatisierung aussprach und in Online-Foren tauchten immer wieder Kommentare auf, die sich im Sinne der Bahn äußerten. Schließlich musste der Bahn-Chef gestehen, dass all der Jubel für sein Unternehmen tatsächlich bestellt war. Im Herbst vergangenen Jahres gab es dann Spekulationen, nach denen eine Bürgerbewegung im Internet, die sich für das Bahnprojekt Stuttgart 21 ausgesprochen hatte, in Wahrheit von PR-Experten gesteuert sei.

Auch wenn der Nachweis für "Astroturfing" häufig nur schwierig zu führen ist: Es gibt tatsächlich PR-Firmen, die auf ihren Websites zum Beispiel Facebook-"Fans" anbieten. Immer häufiger misst sich der Erfolg eines Ansinnens oder einer Kampagne an der Zahl der Unterstützer auf Facebook. Die schwarze Zahl links unter dem Profilbild ist fast schon eine Währung. Wer nun eine Aktion für sein Anliegen starten will und nicht die Zeit hat, ausdauernd dafür zu werben, kann sich die passende Unterstützung kaufen. Die Website usocial.net etwa bietet gerade 100.000 Facebook-Fans für 4947,30 US-Dollar an. Angeblich handelt es sich dabei um echte Profile echter Menschen, die auf die Facebook-Website der Kunden umgeleitet werden sollen. Branchenexperten berichten aber auch von Firmen, die künstliche Accounts auf Facebook anlegen, die wiederum dazu gebracht werden, einer Fansite beizutreten. Tobias Huch hat, so sagt er, von diesen Möglichkeiten gehört. „Der Begriff Astroturfing wurde mir jetzt zugetragen“, sagt er. Auf den Verdacht, er habe Unterstützer gekauft, antwortet er: „Ich weiß, dass das Gegner meiner Arbeit behaupten. Glücklicherweise ist es nicht so. Selbst wenn Sie Freunde für eine solche Kampagne kaufen wollten, Sie könnten höchstens 10.000 in einer Woche aufbringen. Nie eine Viertelmillion.“ Huch sagt, dass alle Unterstützer seiner Seite echt seien. „Das kann ich eidesstattlich versichern.“  

Spricht man mit Branchenexperten über das schnelle Wachstum der Seite, hört man kaum Zweifel. Klaus Eck ist PR-Berater in München und im Netz auf der Seite pr-blogger.de zu finden. „Es ist erstaunlich, wenn eine Seite so wächst“, sagt Eck. Er vermutet, dass Huchs Gründung durch Aufrufe der Jungen Union, durch Berichte im Fernsehen und Verlinkungen auf bild.de eine enorme Aufmerksamkeit erfahren habe. Zudem hätten sich die Dinge seit der kleinen Kampagne für Joachim Gauck im vergangenen Jahr geändert. „Heute findet sich die gesamte Gesellschaft auf Facebook wider“, sagt Eck. Während im Netzwerk in den Gründungsjahren vor allem junge, vermeintlich internet-nähere Menschen zu finden waren, wagt sich nun auch die Elterngeneration auf die Plattform. Anders ist vielleicht auch die Entwicklung der Facebook-Mitgliederzahlen nicht zu erklären. Während sich die Pro Gauck-Bewegung im Juni 2010 aus circa 9,1 Millionen deutschen Facebook-Usern speiste, rekrutieren sich die 280.000 Guttenberg-Möger im Februar 2011 aus einer Grundgesamtheit von mittlerweile fast 16 Millionen deutschen Facebook-Nutzern. Klaus Eck glaubt deshalb nicht, dass Tobias Huch etwas mit Astroturfing am Hut hat. Es wäre, sagt Eck, auch nicht besonders klug, weil die Nutzung dieses PR-Instruments selten geheim bleibe: „Wenn eine PR-Agentur zu solchen Mitteln greift, zerstört sie ihre Reputation.“



Immer wieder wird in Berichten und Blogeinträgen über die Seite auf die Vergangenheit von Tobias Huch verwiesen. Die Hinweise lesen sich wie eine Aufforderung, sich den Gründer der Pro-Guttenberg-Seite genauer anzusehen. Sie scheinen verbunden mit der Hoffnung, in der Biografie Huchs einen Hinweis auf das Zustandekommen der 280.000 zu finden. Der „Rhein Zeitung“ gilt Huch als der Mann für spektakuläre Nachrichten und als „eine der schillerndsten Figuren im deutschen Internet.“ Die Bild-Zeitung nennt ihn gerne den „Erotik-Millionär“, weil er vor etwa zehn Jahren mit ueber18.de ein Altersprüfsystem für Erotikseiten programmierte. Heute führt er die Geschäfte der Huch Medien GmbH in Mainz und kümmert sich laut Website „um Internet/Print, Musik- und Imagevideos sowie Medien- und Künstlermanagement“. Aber damit ist Huchs Wirken noch nicht erschöpfend erklärt. Als das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" im Jahr 2008 mit der Nachricht erschien, dass die Telefonnummern von 17 Millionen Kunden der Telekomtochter T-Mobile geklaut worden waren, war Tobias Huch der wichtigste Informant. „Wer möglichst schnell und einfach die Großen der Republik kontaktieren möchte“, hieß es damals im Text, „hätte bislang auch einfach Tobias Huch um Hilfe bitten können. Der 27-jährige Erotikunternehmer aus Mainz hat Zugriff auf all diese Handy-Nummern - und die von Tausenden weiterer, strengstens auf ihre Privatsphäre bedachter Top-Prominenter - inklusive Adresse, Geburtsdatum und in manchen Fällen auch E-Mail-Adresse.“ Huch betont immer wieder, dass er sich gerne auf die Suche nach Datenlecks im Internet macht. Es kann aber sein, dass ihm dazu nach und nach die Zeit fehlt. Seit Januar ist der FDPler Vorsitzender der Jungen Liberalen Rheinhessen-Vorpfalz. Außerdem hat er den afrikanischen Staat Liberia bei Sitzungen des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen in Genf als Beobachter vertreten. Die Gründe dafür sind ansatzweise in einem Portrait der „Rhein Zeitung“ verzeichnet, das ein ziemlich buntes Bild von Huch malt.

Aber darf die wechselvolle Biografie eines 29-Jährigen dafür herhalten, das Wachstum einer Fanseite in Frage zu stellen? Martin Oetting sieht keinen Anlass, Tobias Huch Astroturfing zu unterstellen. Oetting ist Experte für virales Marketing im Internet und leitet die Forschungsabteilung der trnd AG, einem Anbieter von "Mouth to Mouth"-Marketing. Er glaubt wie Klaus Eck an echte User der Facebookseite und er hat mehrere Erklärungen dafür. „Facebook hat in den vergangenen Monaten weite Teile der Bevölkerung erschlossen, die nicht zur Internetgemeinde gehören“, sagt Oetting. „Zum ersten Mal sind wir an dem Punkt, an dem politische Diskussionen in der Bevölkerung im Internet abgebildet werden.“ Das Soziale Netzwerk habe Nutzer und Fans gewonnen, nicht zuletzt durch einen Film wie „The Social Network“. So erklärt sich Oetting die erste „massenhafte Mobilisierung von konservativ gestimmten Leuten“ im Internet. Die Grundstimmung des politischen Diskurses im Internet sei gerade dabei, sich zu ändern. Die ersten Nutzer des sozialen Web, so Oetting, seien politisch eher links gestanden. „Das hat auch mit der Entwicklungsgeschichte zu tun. Das Internet war zuerst ein anarchisches Medium, viele haben sich von der Freiheit dort anziehen lassen.“ Nun erlebten viele Menschen außerhalb der angestammten Internetgemeinde zum ersten Mal den Zauber des Mitmachens im Web. „Viele haben anhand der Beispiele im Iran und in Ägypten gelernt, wie wichtig diese Plattformen für die politische Auseinandersetzung sind. Beim Guttenberg-Fall erleben diese Menschen zum ersten Mal ein Thema, an dem sie über eine einfache Mechanik teilhaben können - über den Gefällt mir-Button.“  

Vielleicht markiert die Sache mit dem Doktor und dem Guttenberg und der anschließenden Diskussion so etwas wie eine Zäsur im deutschen Internet. Und womöglich ist der Verdacht, Tobias Huch habe die Mitgliedszahl seiner Seite gefälscht auch eine Reaktion der angestammten Webnutzer. „Die These, dass Astroturfing eine Rolle gespielt haben könnte, könnte vielleicht auch von Leuten kommen, die sich bisher in der Diskussionskultur im Web wohlgefühlt haben", überlegt Martin Oetting. "Diese Leute denken vielleicht: Es kann nicht sein, dass in unserem Biotop eine Massenbewegung entsteht, die dem zuwiderläuft, was wir denken.“ Vieles deutet darauf hin, dass sich in der Diskussion darüber, ob Guttenberg Minister bleiben soll, neue Gräben aufgetan haben. Während Wissenschaftler und Journalisten ihr Entsetzen darüber notieren, dass man in Deutschland betrügen darf und doch Minister bleibt, sehen andere das anders. 87 Prozent all derer, die einem Abstimmungsaufruf der Bild-Zeitung gefolgt sind, sind dafür, dass Guttenberg in der Politik bleibt. „Man steht staunend da, wenn man zum ersten Mal erlebt, dass die Haltung der medialen Landschaft diametral der Haltung der Gesamtbevölkerung gegenüber steht“, sagt Martin Oetting. Er glaubt, dass in der vergangenen Woche etwas geschehen ist, das noch Wirkungen zeigen wird. Viele Menschen hätten mit einem Kopfschütteln in ihren Zeitungen die Kritik an Karl-Theodor zu Guttenberg gelesen und sich dann zum ersten Mal im Internet einer Bewegung angeschlossen. Oetting spricht von dem "Ermächtigungsgefühl", das sich einstelle, wenn man sich im Web zum ersten Mal mit einer Haltung zu erkennen gebe. „Das ist ein Erlebnis, das Leute prägt“, glaubt er. Womöglich ändere sich nun die Teilhabe vieler Menschen an der Politik. Ob Karl-Theodor zu Guttenberg auf alle Zeit von dieser Entwicklung profitiert, bezweifelt Oetting aber. Niemand wisse, ob die Menschen auch beim nächsten Fauxpas noch an der Seite des Ministers stünden. „Dann“, sagt Martin Oetting, „kann es auch in die andere Richtung gehen.“   

Update, Freitag, 25. Februar 2011, 17 Uhr: Mehrere Nutzer der Seite "Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg" weisen darauf hin, dass nicht jeder, der auf der Seite den "Gefällt mir"-Button gedrückt hat auch ein Anhänger der Seite ist. Eine Nutzerin schreibt: "Ich habe mich da auch eingeloggt, aber (ich) bin keinesfalls Fan von Guttenberg! (Ich) wollte eher dagegen argumentieren, aber dafür muss man ja auch als Fan eingeloggt sein." Welchen Anteil allerdings die Fraktion der Kritiker an den zurzeit etwa 295.000 Personen ausmacht, denen angeblich die Seite gefällt, wäre vermutlich nur dann zu ermitteln, wenn es auf der Seite, ähnlich wie bei Youtube, auch einen "Gefällt mir nicht"-Button gäbe. Grundsätzlich ist das angesprochene Zuordnungsproblem wahrscheinlich vielen Fanseiten auf Facebook zu eigen - wo sich Fans zur Diskussion einfinden, finden sich immer auch deren Kritiker ein. Der oben stehende Text geht freilich von der Annahme aus, dass das Wachstum der Facebookseite "Pro Guttenberg" vor allem durch die Fans zustande kommt.


Text: peter-wagner - Fotos: Screenshots

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