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Zwischen Gewissenssitzern und Bib-Pärchen

Die Menschen, die in der Unibibliothek lernen, sind sich alle irgendwie ähnlich. Je nachdem, ob sie die Bibliothek als Kuschelnest, Partnerbörse, Wohnzimmer oder Studierstube verwenden. Eine Typologie der Bib-Besucher.
dorothea-wagner


Das Bib-Pärchen  

Daran erkennst du sie: Auch wenn der Lesesaal noch leer ist, sitzt das Bib-Pärchen dicht nebeneinander, die Stühle leicht in Richtung des Partners gedreht. Statt sich auszubreiten brauchen die beiden gemeinsam nur eineinhalb Arbeitsplätze, schließlich teilen sie sich alles: in der Mitte des Tisches liegt ein Block, ein Federmäppchen, eine Kaugummipackung für den frischen Atem und eine Handcreme mit neutralem Duft, damit sie der Freund auch gerne benutzt. Weil sich ihr Leben so schön anfühlt, als würden sie ständig in einen Raum voller Wattebäusche springen, brauchen sie keine Tagträume und arbeiten konzentriert mit oft sehr ähnlichen Brillengestellen vor sich hin. Je schneller sie hier fertig werden, desto schneller können sie wieder nach Hause und viel besser kuscheln als auf diesen ungemütlichen Holzstühlen.

Ankunftszeit in der Bibliothek: Kurz nach 11 Uhr, denn im Bett war es so gemütlich. Und das Frühstück dauert dort auch länger.

Typisches Geräusch: Kleine Seufzer, die dem Partner signalisieren, dass mal wieder die Luft raus ist. Als Aufmunterung gibt es vom verliebten Gegenstück einen Kuss oder einen Streichler über den Rücken. Zusammen schaffen sie das.

So verbringen sie ihre Pause:  Ihre Liebe ist die kleine Pause vom Alltag: eine Berührung hier, eine genuschelte Zuneigungsbekundung da. Wenn der Hunger kommt, zieht einer der beiden einen Müsliriegel aus der gemeinsamen Bib-Tüte. Je nachdem, wie frisch die Bib-Liebe noch ist, lassen sie sich gegenseitig vom Riegel abbeißen oder legen ihn in die neutrale Mitte des gemeinsamen Arbeitsplatzes, damit sich der Partner ein Stück abbrechen kann.

Das haben sie am Ende des Tages erledigt: Alles, was sie davon abgehalten hat, am Morgen einfach im Bett zu bleiben.

Wenn die Bibliothek schließt, gehen sie heim in die Pärchen-WG. Dort wartet Bärlauch im Kühlschrank, der mit Parmesan, Olivenöl und angerösteten Pinienkernen zu einem selbstgemachten Pesto zermörsert werden möchte.




Der Gewissenssitzer

Daran erkennst du ihn: Für den Gewissenssitzer ist die Bibliothek ein erweitertes Wohnzimmer. Auf seinem Platz steht eine Saftschorle aus der Cafete und ein aufgeklappter Laptop, garniert mit leeren Schokoriegelpackungen. Weil es bis zur Prüfungszeit nur noch vier Wochen sind, hat er sich in einem Anfall von schlechtem Gewissen einen kleinen Bücherstapel aus dem Bücherturm zusammengeklaubt. Nach diesem ersten Erfolgserlebnis hat er sich aber auf seine eigentlichen Talente besonnen: Youtube-Videos von Papageien auf Skateboards finden, 9Gag-Bilder auf Facebook posten und amerikanische Serien anschauen, die noch keiner kennt, aber das nächste große Ding sind. Auch wenn ihm das alles nicht bei seinem Referat in zwei Wochen hilft, hat die Bib eine beruhigende Wirkung auf den Gewissenssitzer: Anders als zu Hause könnte er hier schließlich sofort mit dem Arbeiten anfangen.

Ankunftszeit in der Bibliothek: 16 Uhr. Eigentlich wollte der Gewissenssitzer ja um neun Uhr kommen – warum das nicht geklappt hat, kann er sich selbst nicht richtig erklären. Die Zeit vergeht immer zu schnell.

Typisches Geräusch: Gelegentlich amerikanische Sitcom-Stimmen oder Musikgedudel, wenn der Gewissenssitzer die Kopfhörer absetzt. Oder Zischeln, wenn einer seiner WG-Mitbewohner vorbeischaut.

So verbringen sie ihre Pause: Mit einem Rudel Gleichgesinnter in der Cafete. Gerade, als der Gewissenssitzer nach dem ersten Buch greifen wollte, fiel ihm auf, dass er ja doch ziemlich müde ist. Da hilft nur Kaffee. Mit der Tasse in der Hand diskutieren die Gewissenssitzer dann darüber, was sie bis zur nächsten Woche alles schaffen müssen. Deswegen brechen sie nach einer halben Stunde auch wieder zum Lesesaal auf. Beim Aufklappen ihres Laptops fällt ihnen aber ein, dass sie heute noch gar nicht ihren dritten Email-Account gecheckt haben.

Das haben sie am Ende des Tages erledigt: Der Gewissenssitzer hat den Spamordner seines Email-Accounts durchgeschaut, Likes für seinen Facebook-Post gesammelt und interessante, sehr tiefgründige Artikel gelesen. Über die diskutiert er dann bei der nächsten Kaffeepause.

Wenn die Bibliothek schließt, wandert der Gewissenssitzer heim in seine WG und setzt sich mit seinen Mitbewohnern in der Küche zusammen. Eigentlich wollte er zwar im Bett noch einen Text fürs Seminar durchlesen, aber er kann ja morgen früh in die Bibliothek gehen.




Die Doktorandin

Daran erkennst du sie: Die Doktorandin sitzt immer am selben Tisch, erste Reihe, ganz außen am Fenster. Sie ist umgeben von hohen, mit einem komplizierten System aus Zettelchen und Lesezeichen markierten Bücherstapeln, die sie beim Verlassen der Bibliothek mit einem Zettel krönt, auf dem „Bitte liegenlassen!“ steht – wenn sie nicht sogar ein abschließbares Kämmerlein oder eine gemietete Schublade hat, in der sie ihre Materialen hortet. In der Mitte der Arena aus Bücherbergen sitzt sie, ungesund tief über den Tisch gebeugt, tippt immer wieder etwas in ihr angekratztes Netbook oder macht sich Notizen auf verschiedenen Zetteln. Ihr Haar und ihre Haut haben ungefähr die Farbe des in der Bibliothek ausliegenden Teppichs. Um die Camouflage perfekt zu machen, kleidet sie sich in ähnliche Farben und riecht immer ein bisschen nach Papier und Netbooklüftung.

Ankunftszeit in der Bibliothek: Mit dem Öffnen der Eingangstüre.

Typisches Geräusch: Jeder Bibliotheksbesucher kennt die Basisgeräusche dieses Ortes (ein bisschen Geraschel, ein wenig Getippe, hin und wieder ein verstohlenes Räuspern). Quelle: die Doktorandin.

So verbringt sie ihre Pause: Täglich zwischen 12 Uhr und 12:45 Uhr. Sie geht immer in dasselbe Café und bekommt dort ohne zu bestellen ein stilles Wasser und das aktuelle Mittagsmenü. Danach trinkt sie einen Espresso, geht zehn Minuten um den Block und einmal aufs Klo, um pünktlich wieder an ihrem Platz einzutreffen und weiterzuarbeiten, ohne auch nur noch einmal durchzuatmen.

Das hat sie am Ende des Tages erledigt: Fünf Forschungsbände durchgearbeitet, sich vier weitere notiert und ihren Standort recherchiert, fünf Aufsätze kopiert, zehn Seiten Notizen gemacht und etwa 7000 Zeichen ins Netbook getippt. Einen Bleistift abgebrochen.

Wenn die Bibliothek schließt, verlässt sie als Letzte den Saal, fährt mit der U-Bahn nach Hause, isst einen aufgeschnittenen Apfel und ein Brot mit vegetarischer Streichcreme und geht nach einer Tasse Tee ins Bett, damit sie morgen frisch in einen neuen Bibliothekstag starten kann.




Der Binge-Lerner
 
Daran erkennst du ihn: Der Binge-Lerner taucht wie aus dem Nichts auf, bleibt eine Woche und verschwindet dann wieder. In der Zwischenzeit hantiert er wie wild mit Büchern und Notizen. Er muss nämlich nächste Woche eine wichtige Klausur schreiben oder seine Hausarbeit abgeben und hat bisher noch nichts dafür getan. Also versucht er angestrengt, sich zu konzentrieren und bloß nicht ablenken zu lassen. Immer wieder fasst er sich an die Stirn, fährt sich durchs Haar und schwitzt ein bisschen, sodass das Papier seiner Bücher und seines Notizblocks mit der Zeit leichte Wellen bekommt. Wenn jemand in der Bibliothek auftaucht, den er kennt, duckt er sich hinter seine Bücher. Keine Zeit für Sozialkontakte! Müssten die anderen aber eigentlich auch wissen, immerhin hat er seinen Arbeitsmarathon mit der Facebook-Statusmeldung „Freunde, ich verschwinde die kommenden Tage in der Bibliothek, danach Party!“ angekündigt.

Ankunftszeit in der Bibliothek: Eine Viertelstunde, bevor die Bibliothek überhaupt öffnet, ist der Binge-Lerner schon da und tritt nervös von einem Fuß auf den anderen.

Typisches Geräusch: Hektisches Geblättere, Getippe und Gekrakele, unterbrochen von Stoßseufzern und regelmäßigem Fingerknöchelknacken.

So verbringt er seine Pause: Gar nicht, keine Zeit!

Das hat er am Ende des Tages erledigt: Viel, aber natürlich nicht genug. Wie soll das bloß alles klappen bis nächste Woche?

Wenn die Bibliothek schließt, macht er daheim weiter. Nachtschicht, Baby!




Der Poser

Daran erkennst du ihn: Am steten Fortbewegungsdrang. Etwas aus dem Handapparat holen, zum Kopierer gehen oder eine kurze Zigarettenpause: Der Poser lässt keine Gelegenheit aus, die Bibliotheksgänge zum Catwalk umzufunktionieren. Betont lässig, aber mit der Körperspannung einer Ballerina, bewegt er sich durch die Tischreihen und scannt dabei die Anwesenden unauffällig auf potentielles Flirtmaterial. Für ebenjenes hat er sich auch herausgeputzt. Der Poser, der unter beiden Geschlechtern anzutreffen ist, beherrscht die seltene Kunst, immer sehr gut, aber niemals overdressed auszusehen. Sitzt der Poser tatsächlich mal an seinem Tisch, dann agiert er äußert körperbetont, indem er sich im Viereinhalb-Minutentakt durch die Haare fährt, regelmäßig imaginäre Flusen von seiner Kleidung zupft oder sich mit raumgreifenden Gesten räkelt. An Lernutensilien hat sich der Poser nur sein milimeterdünnes Macbook Air mitgebracht, weswegen er sich bei jedem Bibliotheksbesuch von seinen Sitznachbarn einen Kuli und einen Zettel schnorren muss. Eventuell hat er allerdings noch ein Suhrkamp-Taschenbuch – gerne Foucault oder Luhmann - oder das Feuilleton einer Qualitätstageszeitung dabei. Fürs intellektuelle Flair.

Ankunftszeit in der Bibliothek: am frühen Mittag. Die morgendliche Laufrunde geht schließlich vor, und auch die perfekt unperfekt zurecht gewuschelte Frisur erfordert einen gewissen Zeitaufwand.

Typisches Geräusch: das Vibrieren des iPhones, wenn wieder eine SMS des aktuellen Bibliothekflirts eintrifft.

So verbringt er die Pause: Bei Sonnenschein ist der Poser der erste, der sich, natürlich eine Wayfarer auf der Nase, auf den Stufen vorm Bibliothekseingang niederlässt. Bei weniger freundlicher Witterung platziert er sich in der Eingangshalle oder an anderen zentralen Spots. Hauptsache viel Publikumsverkehr! In der Hand hält er während seiner - ausgedehnten! - Pausen meistens eine überteuerte To-Go-Kaffeespezialität aus dem Coffeeshop eine Straße weiter.

Das hat er am Ende des Tages erledigt: Zwei neue Telefonnummern, fünf Facebook-Freundschaften und an guten Tagen direkt eine Verabredung für den Abend. Und endlich, endlich ein dekorativer Kaffeefleck auf und ein Eselohr am Foucault.    

Wenn die Bibliothek schließt, geht's entweder zum besagten Date - oder mit einem befreundeten Poser in die neueste Szenebar.


Text: dorothea-wagner - , nadja-schlüter und juliane-frisse; Illustrationen: Marie-Claire Nun

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