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Netflix: Zuschauer sollen bald Serien-Handlung beeinflussen können

Das klingt zwar erst mal aufregend, ist in Wahrheit aber ziemlich schade.
Von Veruschka Haas
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    Fotograf: Sat.1; Patrick Harbron, obs

Das Schöne am derzeitigen Serienwahn sind die Diskussionen über neue Episoden von Serien wie House of Cards oder The Crown. Diese dauern bei einer interessanten Folge teilweise fast so lange wie die Folge an sich gedauert hat, manchmal sogar länger. Was mochte man? Was mochte man nicht? Welcher Charakter sollte endlich das Zeitliche segnen? Welcher hatte seinen Serientod nicht verdient? Doch diese Gespräche könnten sich in naher Zukunft massiv verändern – weil wir bei Serien nicht mehr alle das gleiche sehen werden. Netflix testet nämlich bald Interaktive Serien, bei denen die Zuschauer die Handlung beeinflussen können. 

Das Prinzip ist bereits aus Büchern, Spielen und Apps bekannt und soll jetzt auch in Serien verwendet werden. Hierbei werden einfach mehrere verschiedene Szenen mit den Darstellern gedreht. Während des Schauens der Serie werden den Zuschauern dann verschiedene Wahlmöglichkeiten gegeben, wie die Serie weitergehen kann. Je nach Entscheidung des Zuschauers wird daraufhin die passende Szene gezeigt. Extrem vereinfacht dargestellt bedeutet das, dass man zum Beispiel vor die Wahl gestellt wird, ob ein Charakter einen anderen wirklich verraten soll oder nicht. Wenn man sich dafür entscheidet, würde man daraufhin dann zum Beispiel eine Szene sehen, in der die Person dann verraten wird und die Folge davon. Das bedeutet, dass es irgendwann in Gesprächen über Serien nicht mehr heißt, „wie fandest du es, dass sie ihre Freundin verraten hat?“, sondern stattdessen dann eher, „und? Hast du sie auch ihre Freundin verraten lassen? Nein? Was ist bei dir bei der Situation herausgekommen?“

 

Wie das Ganze aussehen soll, ist noch nicht bekannt, aber es ist nicht zu erwarten, dass es sich um sehr große Unterschiede handeln wird. Dass man über Leben und Tod eines zentralen Charakters entscheiden kann, ist sehr unwahrscheinlich – außer dieser verlässt bei Überleben dann auf anderem Weg die Serie. Denn zwei komplett unterschiedliche Handlungsstränge zu filmen, in denen eine Person entweder tot ist oder noch lebt, wäre sehr zeit- und kostenaufwendig. Kleine Unterschiede, die keine tragende Rolle spielen und den späteren Plot nicht allzu sehr verändern, kann man dagegen gut in der Serie unterbringen. Auch verschiedene Enden einer Serie sind hierbei möglich – und würden viele Zuschauer sicher mit einem besseren Gefühl eine Serie beenden lassen. Über das Ende von How I Met Your Mother haben sich beispielsweise viele aufgeregt – mit einem alternativen Happy End, wie es auch hier gemacht wurde, wäre das Problem vorbei.

Den ersten interaktiven Versuch zu dem Projekt gibt es auf Netflix bereits seit April 2016. Bei der Kinderserie „Kong: King of the Apes“, kann man während des Schauens sogenannte „achievements“ sammeln und sich so kleine Videos freischalten. Diese Videos haben jedoch keine größere Auswirkung auf den weiteren Plot und sind somit noch nicht wirklich nah an dem dran, was Netflix in Form der interaktiven Serien geplant hat. Auf unsere Anfrage bezüglich des Projekts bekamen wir dazu von Netflix das folgende Statement: „Netflix arbeitet kontinuierlich daran den Nutzern das bestmögliche Nutzererlebnis zu ermöglichen. An dieses Format (von KONG) möchten wir gerne anknüpfen und es weiter ausarbeiten, um die Interessen und Vorlieben unserer Mitglieder noch besser kennenzulernen.“ Die Interaktivität soll Ende des Jahres an weiteren Kinderserien getestet werden, um herauszufinden inwiefern das Projekt tatsächlich funktioniert und Anklang bei den Zuschauern findet.

 

Wann genau – und ob überhaupt – die interaktiven Serien auf Netflix kommen, ist noch unklar. Noch ist außerdem nicht bekannt, ob auch bereits bestehende Serien das interaktive Upgrade bekommen oder ob Netflix nur plant, neue Serien zu produzieren, die von Anfang an auf Interaktivität angelegt sind. Mit diesem Schritt würde sich Netflix auf jeden Fall von seinen Konkurrenten distanzieren und den Serienmarkt dauerhaft verändern.

 

Obwohl ich das Projekt sehr interessant finde und gespannt bin, in welchem Rahmen die Interaktivität tatsächlich stattfinden wird und wie das Ganze aussehen wird, finde ich es auch ein wenig schade. Für mich gehört es bei Serien dazu, dass nicht immer alles genau so abläuft, wie ich es mir vorstelle. Es gehört zu meinen Lieblingsserien dazu, dass manchmal etwas richtig schiefgeht oder ein Lieblingscharakter stirbt. Manchmal langt ein Produzent mal richtig daneben und das Resultat ist eine Folge, die ich persönlich schrecklich finde. Darauf folgt in meinem Freundeskreis dann meist eine ewige Diskussion, wie man die Folge besser hätte machen können oder was vielleicht gefehlt hat. Oder teilweise sogar, wieso eine andere Person diese Folge ganz und gar nicht missglückt, sondern sogar gelungen fand. Diese Gespräche sind nämlich meistens die wirklich interessanten. Aber so viele Sorgen will ich mir jetzt noch nicht machen. Auch mit Wahlmöglichkeiten wird es wahrscheinlich immer noch genug Szenen geben, die man nicht beeinflussen kann und die einem nicht so recht passen. Und über die kann man dann weiterhin diskutieren.

 

Trotzdem ist eins sicher: Auch wenn nicht jede Serie auf einmal interaktiv sein wird, wird die Seriendiskussion nach Einführung dieser Funktion nie wieder die Gleiche sein. Statt den jetzige Diskussionen werden dann Fragen aufkommen wie "Wieso konnten sie mich in dieser Szene nicht wählen lassen?" oder "Fandest du die verschiedenen Wahlmöglichkeiten auch nicht so prickelnd?" oder im schlimmsten Fall sogar "Du schaust die Serie noch? Die ist doch gar nicht interaktiv!"

 

Falls du für den nächsten Serienmarathon noch eine Serie suchst:

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