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Antwort einer unromantischen Frau

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Illustration: karen-ernst In der letzten Woche schrieb florian-lamp seiner Angebeteten Swantje einen offenen Brief. Jetzt hat Swantje auf die Vorwürfe, sie sei einfach zu unromantisch, geantwortet: Oh, Florian. Du hast es immer noch nicht verstanden! Es hatte einen guten Grund, dass ich letztes Jahr vor Gericht ging, um dich aus meinem Leben zu vertreiben. Du warst mein gescheitertes Projekt, Florian, du musstest weg. Deine langen Haare, die immer aussahen wie verhinderte Vogelnester, und die ewig schwarzen Biker-Klamotten konnte ich dir noch ausreden, genauso wie das Hartmut Engler-Poster über deinem Bett oder Purzel, der Stoffhase, der in deinem Bett hauste. Wie stellst du dir das denn vor – Sex im Streichelzoo?! Aber deinen Charakter habe ich einfach falsch eingeschätzt. Wie sollte das auch funktionieren, wenn dein gesamtes Umfeld gegen mich arbeitete? Deine Mutter, die dich immer "mein Flori" nannte, wenn du deine Wäsche vorbeibrachtest; Klaus und Ferdi, deine besten Freunde, die du im Tanzkurs kennen gelernt hattest und die mit dir in eurer Cover-Band "Love Hurts" alte Bryan-Adams-Schnulzen nachspielten. Nicht zu vergessen Tini, deine beste Freundin, mit der du "immer so prima über alles reden" kannst, speziell über die besten Techniken, Rosen zu trocknen; mit der du dein Hobby, Diddl-Mäuse sammeln, teilst. Schön, dass es Menschen gibt, die dich verstehen. Ich habe es fünf Jahre lang versucht und weiß jetzt, dass ich nicht zu ihnen gehöre. Mit Schaudern denke ich an die Nacht, in der du vom Rotwein beseelt unter meinem Zimmerfenster standest und "Der Liebe Loblied" sangst. Damit quält man heute nicht mal mehr arme Schüler im Deutschunterricht, und Schmidts von nebenan haben danach nie wieder angeboten, meine Blumen im Urlaub zu gießen. Ich werde auch nie das Herz aus rotem Stoff vergessen, obwohl ich es heimlich im Waschbecken verbrannt habe. Du hattest es selbst genäht und dann dick mit Edding "Ich liebe dich!" darauf geschrieben. Du gabst es mir nachts, als wir auf einem unglaublich kalten und schmutzigen Acker lagen, weil "die Sterne heute besonders schön leuchten". Das alles, Florian, machte dich unglaublich unattraktiv. Wie soll man Sex zu Jeanette Biedermann haben? Wenn man zudem immer fürchten muss, dass eines der 250 Teelichter, die im Zimmer verteilt stehen, umkippen und einen Flächenbrand auslösen könnte? Und man ohnehin meint, ersticken zu müssen – nicht nur wegen der Wärme der Kerzen, auch wegen des Vanille-Massageöls und deinem verschwitzten Körper unter dem Satinpyjama – sondern auch einfach an deiner klebrigen Liebe. Zum Glück lernte ich ja auf einem – na? – Tiger Zig Zag-Konzert Niklas kennen. Er hat mir noch nie einen Gedichtband gewidmet oder einen Verlobungsring in einen Muffin eingebacken. Wir sind auch nie in den Sonnenuntergang spaziert, denn – verdammt, ich hasse Sonnenuntergänge! Er ist ohne mich nach Bangladesch gereist, kann jonglieren, lernt Schwedisch, und wenn ihm etwas an mir nicht passt, dann sagt er es. Er trägt nachts auch kein Satin, sondern stinknormale Boxershorts. Er spielt Schlagzeug in einer Indie-Band und hat mich noch kein einziges Mal von Jazzdance abgeholt. Also musstest du eben weg. Florian, wir Frauen wollen Männer mit Sinn für Romantik, aber doch bitte keine willenlosen Liebesmaschinen, die uns mit herzchenförmigen Pupillen auf Schritt und Tritt verfolgen. Die nicht mehr in "du" und "ich" unterteilen, sondern nur noch das "wir" kennen. Die uns so oft sagen, dass sie uns lieben, bis es nur noch klingt wie "Ich geh mal eben Klopapier holen bei ALDI." Unsere modernen Ritter sollen mit Pflastern bereit stehen, wenn wir auf dem Glatteis ausgerutscht sind und überall Schürfwunden haben. Sie sollen uns die Tränen nach der verpatzten Matheprüfung von den Wangen küssen und die riesige Spinne, die genau über unserem Bett sitzt, bezwingen. Alles, was wir wollen, sind starke Männer mit weichen Herzen. Es ist ein schmaler Grat, Florian. Leider warst du immer schlecht im Balancieren. Gruß, Swantje

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