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Der Mythos von Ihm und Ihr

Die Kennenlerngeschichte ist so etwas wie der Gründungsmythos einer Beziehung. Wie kommt der zustande - und braucht man den überhaupt?
nadja-schlueter

Wenn das Gespräch unter Paaren so gar nicht in Gang kommt, kann man im Zweifelsfall immer noch fragen: „Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?" Darauf bekommt man ganz sicher eine ausgiebige Antwort. Sie und er sitzen nebeneinander am Tisch und es tritt ihnen ein gewisser Glanz in die Augen, während sie wie choreographiert abwechselnd erzählen. Dabei fallen Sätze wie: „Schatz, das musst du erzählen, du kannst das so gut!" oder „Und dann hab ich sie gesehen und, joa, ich fand sie schon ganz nett", garniert mit einem anschließenden Lachen und eventuell einem Knuff in die Seite oder einem Kuss. Als Außenstehender kann man das rührend finden, weil Liebesgeschichten von den von der Liebe Betroffenen vorgetragen ja immer so schön authentisch sind. Man kann es aber auch ganz schrecklich finden, weil Liebesgeschichten von den von der Liebe Betroffenen vorgetragen einen natürlich immer von dem Gefühl ausschließen, das sie ausmacht. Man war ja schließlich nicht dabei und kennt den Funken, der da übersprang, nicht persönlich.

Aber die Geschichte, wie man zueinandergefunden hat, dient ja zum Glück nicht primär als Lückenfüller in Gesprächssituationen, sondern vor allem auch als das erste große gemeinsame Ding, an das man sich erinnern kann. Sie ist eine Art Gründungsmythos der Beziehung. Ein „Mythos", sagt der Duden, ist eine „legendäre, glorifizierte Person oder Sache", und es ist vielleicht wirklich das richtige Wort für die Kennenlerngeschichte, weil man immer etwas hineininterpretiert, das sich auf einer höheren Ebene abgespielt zu haben scheint. So trivial das erste Aufeinandertreffen auch gewesen sein mag, wenn man sich zurückerinnert wird es immer etwas Schillerndes haben, leicht von Goldstaub umweht sein und ungemein rührig daherkommen. Immerhin ist ja am Ende Liebe dabei herausgekommen.

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Es gibt ein paar Mythen, die immer wieder auftauchen. Zum Beispiel der Mythos von der Liebe auf den ersten Blick, der besagt, dass da sofort eine besondere Verbindung entstanden sei. Die Tatsache, dass man nun schon länger die Matratze teilt, modifiziert die Erinnerung an ein erstes nüchternes Treffen auf der Party irgendwelcher gemeinsamen Freunde gerne dahingehend, dass man schon damals genau gewusst habe, dass man zusammen gehört. Man erfindet sich diesen Hauch von Magie, der immer noch ganz weit oben in den Romantik-Charts rangiert. Aber auch das Gegenteil wird oft verklärt und bildet einen der beliebten Mythen für die Gegner des Kitsches. Ein typischer erster Satz dafür ist „Am Anfang fand ich dich ziemlich blöd/arrogant/unsympathisch." Davon ausgehend wird dann nachvollzogen, wie man den anderen besser kennenlernte und in der abweisenden Auster eine Perle fand. Das ist der Mythos von der Schale, die keiner knacken oder vom wilden Rappen, den niemand reiten kann, aber der einfühlsame Prinz beziehungsweise die gefühlige Prinzessin hat das einfach so hinbekommen. Ein Wunder!

Aber braucht man denn eigentlich einen solchen, aus fadenscheinigen Romantisierungen zusammengesetzten Gründungsmythos? Vielleicht ist es so, dass jene Paare, die eine ungewöhnliche Kennenlerngeschichte haben – der eine hat den anderen aus einem verunglückten Auto gerettet oder einer war der total einfühlsame, junge Krankenpfleger der Oma des anderen – keinen Mythos brauchen. Wenn sie ihre Geschichte erzählen, kann jeder nachvollziehen, dass es da eine intensiven, intimen Moment gab, der Herzen höher schlagen ließ. Vor allem werden sie es selbst ganz leicht verstehen können. Aber wenn man bloß zufällig gemeinsam auf der gleichen Party herumstand oder wochenlang umeinander herumgeschwänzelt ist, ohne so recht zu wissen, was nun wird, dann ist der eine magische Moment nicht so richtig präsent. Darum versucht man, ihn zu rekonstruieren und damit zu erklären, wie die Liebe entstand, so wie Ovid in den Metamorphosen die Entstehung des Lorbeers oder des Bernsteins erklärt. Und dann ist man sich plötzlich sehr sicher, dass es dieser Moment gewesen sein muss, als er ihr Fahrrad geschoben hat oder sie Socken mit Löchern trug oder eben der, als man sich das erste Mal angesehen hat, in dem diese Sache mit dem Funken passiert ist. Daphne wird zum Lorbeer, Tränen werden zu Bernstein und eine einfache Bekanntschaft wird zur Verliebtheit.

Am Ende ist der Gründungsmythos bestimmt nicht das, was die Beziehung trägt (und wenn doch, sollte man sich wahrscheinlich Gedanken über die Beziehung machen). Mit der Zeit gibt es viele gemeinsame Momente, die wichtig waren und von denen man auch genau weiß, warum sie es waren. Aber trotzdem ist es schön, einen ersten gemeinsamen wichtigen Moment zu haben, der als Initialzündung für alles gelten kann, was an Schönem danach kam – auch, wenn das bedeutet, dass man diesen Moment unter Umständen rückwirkend erstmal bestimmen muss. Und dann nützt der Gründungsmythos vielleicht doch einmal etwas in der Krise, weil er einem vor Augen führt, wie schön sich das damals angefühlt hat und warum genau man eigentlich zusammen ist. Falls man das gerade einmal nicht mehr so genau weiß. 

Text: nadja-schlueter - Foto: blanche neige photography / photocase.com

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