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Der verbotene Schatz

Ein Paar spricht sich mit Kosenamen an und schon ist man peinlich berührt. Sollte man die Namensgebung für den Partner oder die Partnerin vermeiden oder nicht? Fünf Thesen zu Kosenamen und wie und wann sie vielleicht doch nicht peinlich sind.
nadja-schlueter

Vergangene Woche kamen der Frühling und die Menschen ans Isarufer. Ein Mädchen, das in einer Gruppe hinter ihrem Freund am Fluss entlang lief, wollte etwas von ihm, vermutlich ein Bier oder ein Taschentuch. „Schatz!", rief sie, laut und fordernd und mit der gleichen Betonung wie sie „Fabian" oder „Philipp" gerufen hätte. Er reagierte sofort. Vermutlich fühlten sich aber auch zehn andere Männer im Umkreis von wenigen Metern angesprochen, weil „Schatz" bekanntermaßen der inflationärste Kosename überhaupt ist. Über die notorischen „Schatz"-Sager muss man daher eigentlich nicht mehr viele Worte verlieren. Aber manchmal bringen sie einen dazu, darüber nachzudenken, wie man die Sache mit den Kosenamen generell finden soll. „Am besten gar keine verwenden", sagt man als moderner, emanzipierter Mensch dann gerne. Das ist zweifellos eine gute Einstellung. Wozu hat man schließlich einen Namen, wenn er nicht benutzt wird? Und wie soll man sich dauerhaft als ebenbürtige Partner gegenüberstehen, wenn man sich ständig verniedlicht? Andererseits haben Kosenamen eine gewisse Tradition, weil es anscheinend ein urmenschliches Bedürfnis ist, die geliebte Person hin und wieder mit einem Namen anzusprechen, mit dem sie kein anderer anspricht. Vielleicht verdienen Kosenamen also eine Chance - und ein paar Thesen, wie und wann sie verträglich sind und keinen unsympathischen Beigeschmack von Distanzverlust und Respektlosigkeit haben.

These 1: Kosenamen nicht entkosen
Es gibt ja diese Momente, in denen man sich glücklich im Arm hält, gerade alles wunderbar stimmig ist und einem aus Versehen ein Wort aus dem großen Wörterbuch der Kosenamen rausrutscht. Vielleicht erschrickt man dann ein bisschen, weil es so kitschig klingt, oder man lacht darüber und schwört sich, dass es nie wieder passiert. Aber in dem Moment war es eigentlich in Ordnung, weil man dem anderen gerade nun mal so zugetan war, dass man gar nicht anders konnte als ein zärtliches Wort zu benutzen. Solche Momente sind der Ursprung aller Kosenamen und am besten ist es, wenn sie danach keine Evolution bis zur Standardanrede hinlegen, sondern immer taufrische, romantisch dahingesagte Liebesbeweise bleiben. Das Mädchen, das „Schatz" so ruft wie sie „Fabian" rufen würde, hat das Wort einmal durchevolutioniert und ihm jede Kosigkeit und Exklusivität genommen. Das kann auch mit jedem anderen, weniger gebräuchlichen Kosenamen passieren, wenn man ihn quer durch die Wohnung brüllt, um den anderen zum gemeinsamen Ausräumen des Spülautomaten antreten zu lassen.

These 2: Kosenamen nur zu zweit
Ob nun energisch gerufen oder süß dahingesäuselt, wenn andere den Gebrauch verniedlichender Namen unter Partnern mitanhören, kann es gut sein, dass sie sich vielsagende Blicke zuwerfen oder belustigt in sich hineingrinsen. Denn der entkoste Kosename wirkt vor anderen immer distanzlos oder degradiert den Angesprochenen vom Individuum zur Hälfte eines Paares. Der zärtliche Kosename hingegen ist so eine Art ausgesprochener Zungenkuss und damit zu intim für die Öffentlichkeit. Er wirkt draußen in der Welt immer deplaziert, vor allem, weil jemand Außenstehendes nicht sehen kann, was für das Paar dahintersteckt. Ihm dringt nur der nackte Ausdruck ans Ohr und berührt ihn peinlich, so als habe man ihm gerade etwas erzählt, das er so genau eigentlich nicht wissen wollte.

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These 3: Kosenamen individualisieren
Das gute am großen Wörterbuch der Kosenamen ist ja, dass man es beliebig erweitern kann. Anstatt auf die Klassiker der Verniedlichung zurückzugreifen (neben „Schatz" alles mit „-chen" oder „-i" sowie sämtliche Tiere), die ihren Reiz ja allein dadurch verlieren, dass sie hinter jeder zweiten Wohnungstür ausgesprochen werden, sollte man also kreativ sein und einfach das Wort aussprechen, das einem gerade auf dem Herzen liegt oder von dem man findet, dass der Klang gut zum Gegenüber passt. Das kann vieles sein, zum Beispiel eine (unkitschige!) Abkürzung, ein substantiviertes Adjektiv, der Nachname oder die Veredelung des Vornamens durch ein nach Art der römischen Kaiser angehangenes „-us" – Hauptsache, der andere kann dabei das Gefühl haben, dass dieser Name ihm ganz alleine gehört.

These 4: Kosenamen wechseln
Auch der individuellste Kosename nutzt sich ab. Darum sollte jeder Name eine Phase haben, nach der er durch einen neuen ersetzt wird. Wer Interesse am anderen hat und ihn und sein Leben aufmerksam beobachtet, dem kommt sicher alle paar Monate ein Wort in den Sinn, das den Partner oder die Partnerin gerade besonders gut beschreibt. Vielleicht fällt es nur ein einziges Mal, vielleicht hat es das Zeug zum neuen Kosenamen Nummer Eins. Bis zur nächsten Entdeckung oder Veränderung.

These 5: Namen statt Kosenamen
Unter allen Namen nutzt sich einer niemals ab: der eigene. Er wurde einem gegeben, als man auf die Welt kam, er steht auf unzähligen Karten und Ausweisen im Geldbeutel, auf Zeugnissen, dem Briefkasten oder der Klingel. Man nennt ihn, wenn man jemandem die Hand drückt, er wird genannt, wenn man jemandem vorgestellt wird, und hin und wieder ist man auch stolz, wenn man ihn irgendwo lesen kann. Er spielt eine große Rolle und darum sollte gerade der Mensch, der einem am nächsten steht, ihn nicht einfach unterschlagen. Der eigene Name kann der beste Kosename von allen sein, wenn ihn jemand ausspricht, den man gerne hat. Darum ist die letzte These zu den Kosenamen doch wieder ein Aufruf dazu, keine zu verwenden – und trotzdem die kitschigste und romantischste These von allen. 

Text: nadja-schlueter - Illustration: Torben Schnieber

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