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Die Erste

"Ich bin schwanger", sagt eine Freundin. Was bedeutet es, wenn im Freundeskreis das erste Kind erwartet wird? Eine Beobachtung.
nadja-schlueter

Um Weihnachten herum besuchte ich die erste Feier Gleichaltriger, auf der auch Kinder anwesend waren. Es waren sehr kleine Kinder, die noch nicht laufen und sprechen können und die Gäste in zwei Lager teilten: Jene, die mit dem Thema Nachwuchs noch nichts zu tun haben wollen, und jene, die sich um die beiden scharten und ihre Niedlichkeit bewunderten. Das war neu für mich. In meiner unmittelbaren Umgebung gab es bisher junge Menschen ohne Kinder, die fast nie von Kindern sprachen, und ältere Menschen, die längst welche hatten oder nie welche wollten. Auf dieser Feier wurde mir bewusst, dass der Tag kommen würde, da irgendjemand in meinem Freundeskreis den ersten Schritt machen und ein Kind bekommen würde. Und ich war gespannt, wie sich das wohl anfühlte.

Ich erfuhr es schneller, als ich dachte: Als ich am folgenden Tag wie jedes Jahr zu Weihnachten meine guten alten Freunde traf, sagte eine Freundin „Ich bin schwanger." Die Reaktionen waren ganz unterschiedlich. Einige, darunter ich, glaubten ihr erst mal nicht. Das ist wahrscheinlich das Schicksal derer, die die ersten sind. Man denkt, sie machen einen Witz. Dann schaut man die Beweisstücke an, die ersten Ultraschallbilder, den Mutterpass. Dann gratuliert man und währenddessen wird einem bewusst, dass das wirklich eine schöne Nachricht ist und dass man sich wirklich freut. Denn es ist tatsächlich wahnsinnig aufregend, wenn im Freundeskreis das erste Mal ein Kind erwartet wird. Und es verändert auch etwas.

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Die unmittelbaren Veränderungen waren schon an diesem Abend zu beobachten. Zum Beispiel, dass die Freundin nicht trank, aber sagte, sie wäre auch gerne ein bisschen betrunken, dass sie nicht rauchte, aber immer mit den Rauchern auf den Balkon ging, weil sie es so gewohnt war. Dass wir „Krass, jetzt ist die erste von uns schwanger" und „Ob das jetzt der Startschuss war und alle folgen?" zueinander sagten und unsere Freundin interviewten, wie der Moment gewesen sei, als sie es erfahren habe, und wie es nun weiterginge. Und auch, dass wir nun ein neues Witze-Feld erschließen konnten: Da musste bloß jemand die werdende Mutter aus Versehen anstoßen, irgendjemand rief „Hey, sei bitte ein bisschen vorsichtiger!" und alle lachten.

Doch die größten Veränderungen für den Freundeskreis sind längerfristig. Eine Schwangerschaft verändert die Dynamik der Neuigkeiten. In den vergangenen Jahren waren die Neuigkeiten, die wir auf unserer jährlichen Weihnachtsfeier austauschten, beendete Beziehungen, neue Beziehungen, Umzüge, Studienwechsel oder eine geplante Reise. Man war raus aus der Schule und traf Entscheidungen, wichtige zwar, aber keine für die nächsten zwanzig Jahre. Nächstes Weihnachten war aus dem neuen Studium vielleicht ein abgebrochenes Studium oder aus dem Ex- der Wieder-Freund geworden. Aber diesmal war es eine Neuigkeit, die den Freundeskreis für immer begleiten wird. Diese Langfristigkeit bedeutet auch, dass sich das Rollenspektrum unserer Freundin stärker verändert als zuvor. Sie war schon Schülerin, Studentin, Reisende oder Chormitglied, aber über all diesen kleinen Rollen, die sie hatte, lag für uns die allumfassende Freundinnen-Rolle. Diese Rolle war immer präsent, schon seit wir gemeinsam auf der Schule waren. Die Mutterrolle aber wird genau so präsent und noch viel verbindlicher sein. Wir werden sehen, wie unsere Freundin die Verantwortung für einen anderen Menschen trägt, während wir sie immer noch nur für uns selbst tragen. Darum ist die Freundin, wenn sie Mutter wird, auf einen Schlag ganz unglaublich erwachsen. Sie ist um eine Erfahrung reicher, die bedeutender und schwerwiegender ist als die meisten zuvor, die aber viele von uns irgendwann machen wollen. Das ist vielleicht eine der schönsten Veränderungen für einen selbst: Auf einmal ist da jemand im gleichen Alter, den man fragen kann, wie das so ist, ein Kind zu erwarten. Das ist mehr wert, als man zuvor gedacht hat.

Vielleicht könnte man sagen, dass man selbst am Ende fast ein bisschen erleichtert ist. Zum einen, weil man wusste, dass der Moment kommen würde, da jemand ein Kind erwartet, und ein bisschen Angst davor hatte, weil ein Lebensabschnitt beendet wird und ein neuer beginnt – und dann ist es aufregend und schön und anders, aber beängstigend ist es nicht. Zum anderen nimmt es einem eine weitere Angst, die davor, selbst irgendwann so weit zu sein. Weil es der Freundin einfach so passiert ist und es war sicher nicht leicht, aber alle um sie herum freuen sich und da sitzt sie und erzählt und sieht gut aus und freut sich auch. 

Text: nadja-schlueter - Foto: markcarper / photocase.com

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