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Die virtuelle Freundin

Statt wilder Cybersex-Orgien wird im Internet und Computerspielen eher der zahme Aspekt der zwischenmenschlichen Beziehung gepflegt.
christina-waechter

Seit das 65k-Modem in unseren Haushalten Einzug gehalten hat, wird in regelmäßigen Abständen das Zeitalter des Cybersex ausgerufen. Doch trotz futuristisch anmutender Zeichnungen von Ganzkörperanzügen mit Sensoren an interessanten Stellen, hat sich nicht allzu viel getan. Wir nehmen die Reize weiterhin fast ausschließlich visuell auf und bleiben ansonsten zumindest in dieser Hinsicht altmodische Handarbeiter.

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Doch nun passiert auf einer ganz anderen Ebene der zwischenmenschlichen Beziehung der Fortschritt: Die virtuelle Freundin ist in Japan mittlerweile nahezu im Mainstream angekommen. Ursprünglich waren solche Freundschaften eher fantasiebegabten Menschen im Vorschulalter vorbehalten, oder sie hießen Pumuckel und gingen einem grantigen Schreiner im Fernsehen auf die Nerven. Doch die virtuellen Freundinnen, um die es hier geht, haben mit dem Kobold höchstens gemein, dass sie zweidimensional und sehr, sehr jung sind. Ihre Freunde dagegen sind ausschließlich männlich und im echten Leben ziemlich einsam.  

Ein Video, auf dem ein junger Mann seine virtuelle Freundin, den animierten Popstar Hatsune Miku, auf einen Spaziergang in der „augmented reality“ mitnimmt, ist momentan ein großes Hit auf Youtube. Es tatsächlich nicht unspannend, zu sehen, wie mithilfe einer speziellen Brille eine künstliche Person in eine real existierende Umgebung verpflanzt wird und der User sogar mit ihr interagieren kann - wobei sich die Interaktion in dem Video auf ein bisschen Kopf-Gekraule und Krawatten-Geschubse beschränkt. 

werden die jungen Männer und ihre unsichtbaren Begleiterinnen herzlich willkommen geheißen und verständnisvoll behandelt.

Man mag sich kaum vorstellen, wie all die Internet-Cybersex-Pioniere auf diese Entwicklung reagieren würden: statt wilder Techno-Orgien können wir nur die nervigen Pflichten einer Zweier-Beziehung einigermaßen realistisch simulieren. Andererseits ist der Vormarsch der virtuellen Freundin vielleicht auch ein Hinweis darauf, dass die Menschheit so verderbt gar nicht ist. Und das wäre immerhin eine recht beruhigende Erkenntnis.


Text: christina-waechter - Bild: dpa

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