Partner von

Eifersucht, später

Man ist selten die allererste Liebe seines Partners. Das Schlimme ist: Man stellt ihn sich deshalb früher oder später mit seinen vorherigen Partnern im Bett vor. Eine Sexkritik
martina-holzapfl

Es ist ja nicht nur der Sex. Es sind er und diese Person beim Aufwachen, beim Abendessen, beim sich irgendwo abholen und irgendwohin bringen, die beiden halbnackt, die beiden Arm in Arm, Hand in Hand, Mund an Mund. Die beiden beim Witze reißen, die beiden beim „Ich liebe dich"-Sagen.

Zwischen zwei Menschen, sagt man, kann eigentlich alles eine sexuell Komponente haben. Sie kann in sekundenkurzen Gesprächen liegen, in der Stimmlage, in der beiläufigen Berührung, im Blick. Und trotzdem ist die Sexszene immer noch das brutalste Bild inniger Liebe. Weil sie da in jeder Hinsicht tief geht. Sie ist das animalischste Miteinander und das zärtlichste Ineinander, das man sich zwischen zwei Personen vorstellen kann. Der Gedanke, dass sich der eigene Lieblingsmensch, bevor er mit einem zusammen war, schon mal mit jemandem so in- und auswendig geliebt hat, ziept sehr im Herzen. Die Vorstellung fühlt sich nach Betrogenwerden an, aber eine merkwürdige, phantomschmerzartige Form des Betrogenwerdens, denn eigentlich ist ja nichts. Dieser Schmerz macht jedenfalls schrecklich traurig, weil er zeigt, dass die Intimität des oder der Liebsten vielleicht doch nicht so exklusiv ist. Man muss schon sehr abgebrüht und „Ist halt so"-cool sein, um das ignorieren zu können.

Bei einigen Leuten entwickelt sich die ganze Sache sogar zu einem regelrechten Exsex-Vorstellungsszwang, der selbst nach 25 Jahren Ehe nicht aufhört. Im Normalfall kommt es soweit ja glücklicherweise nicht. Obwohl, weiß man es? Gefühle, die so absurd und irgendwie daherkonstruiert sind, gibt man ja auch nicht unbedingt gern preis.

Komisch ist an der ganzen Sache vor allem, dass man diese im-Nachhinein-Eifersucht sonst nirgends so beißend empfindet. Man stellt sich doch auch seine beste Freundin nicht dabei vor, wie sie mit ihrer früheren besten Freundin über intime Dinge gesprochen hat, wie sie mit ihr ein Bett geteilt hat und eng verschlungen zum Lieblingshörspiel eingeschlafen ist. Wie sie sich mit ihr totgelacht hat, sie getröstet hat, ihr die Haare beim Kotzen zurückgehalten oder sie zu unangenehmen Arztterminen begleitet hat. Jedenfalls tut es nicht weh, sich das vorzustellen. Man käme nicht auf den Gedanken, die eigene Freundschaft könnte wegen irgendwelcher vorheriger Freundschaften ihre Exklusivität verlieren.

Was auch aus dem Blickfeld verschwindet, wenn man mental in der liebestechnischen Vergangenheit des anderen wühlt, ist die eigene ‚sexual history'. Man selbst hat ja auch eine vorzuweisen, womöglich sogar eine größere? Nur spielt das plötzlich irgendwie keine Rolle mehr. „Was hast du denn" würde man empört rufen, wenn einen der andere damit beruhigen wollen würde, dass man selbst auch nicht so unschuldig ist, „bei mir ist das doch was ganz Anderes, ich weiß ja, dass mir das alles nichts mehr bedeutet, das ist wie in einem anderen Leben, oder so". Die Liebesgeschichten des Partners hingegen scheint noch in allen Fasern seines Fleisches zu hängen. Man schaut die Haut des Anderen an, betrachtet seine Lippen, seine Hände und denkt: Ihr Geruch, ihr Geschmack, ihre Hautschüppchen, ihre Haare, alles, ihr Innerstes, das war da mal dran und es, naja, ist da auch noch irgendwo und da geht es nie wieder ganz raus. Schon allein deshalb, weil er die Erinnerungen an diese Momente in Form kleiner Filmchen in seinem Kopf trägt. Da sind sie einfach drin und ganz bestimmt gibt es Momente, in denen diese Filme kurz anlaufen, weil irgendwas in der Außenwelt gerade eine Erinnerung heraufbeschwört hat. Und gegen diese Überreste ist nichts zu machen, gar nichts, nicht einmal einen Fleckenteufel gibt es für so was.

Das Gute ist: Man wünscht sich nicht wirklich einen Liebeserinnerungs-Fleckenteufel. Erstens wäre es grausam, jemanden seiner Erinnerungen berauben zu wollen, und zweitens möchte man das ja schon allein deshalb nicht tun, weil sie das sind, aus dem er besteht, und durch die er derjenige geworden ist, den man heute liebt.

Vielleicht haben diese schmerzhaften Kopfkinomomente also tatsächlich auch einen Nutzen. Oder zumindest einen, naja, netten Grund. Die Tatsache, dass es einen manchmal regelrecht reizt, sich diesen Ex-Ekel vor Augen zu führen, hat vielleicht einfach damit zu tun, dass es im Grunde ein ganz gutes Gefühl ist, zu wissen, dass der Partner schon mal ein Leben ohne einen geführt hat. Dass er, wie man selbst, seine Erfahrungen gemacht hat, Lektionen gelernt hat, gesucht, gefunden, verloren hat, sich ausprobiert hat, sein Wissen über sich und andere Menschen gefestigt hat. Das alles macht ihn sehr interessant und aufregend und begehrenswert. Ganz bestimmt kann natürlich auch jungfräuliche Unbeholfenheit umwerfend sein. Aber wenn man das 20. Lebensjahr überschritten hat, möchte man schon gern irgendwann jemanden an seiner Seite, der weiß, wie man einen Körper anfasst und wie Gefühle ungefähr funktionieren. Jemanden, dem man nicht alles beibringen muss und vor dem man nicht der einzige mit einer irgendwie im Dunkeln liegenden Liebeshistorie ist.

Auf dieses komische, nur in Gedanken existierende, verbotene Ex-Terrain des anderen zieht es einen vielleicht auch, weil man Grenzen austesten will: Wie viel will man von dem anderen wissen? Wie viel darf, und wie viel muss man wissen? Wie viel ist erträglich? Und wo lässt einen der andere überhaupt hin?

Für immer reizvoll bleibt das Thema jedenfalls nicht, weil der andere es einem zwingend vorenthält, sondern eher, weil man es zwar unbedingt, aber auch auf keinen Fall ergründen will. Man fragt sich zwar manchmal in die Richtung der Exmenschen, aber bei expliziten Antworten will man nicht ernsthaft ankommen. Spätesten bei der letzten Ausfahrt in Richtung detailreicher Wahrheit weicht man lieber auf irgendwas Richtung Jetzt-und-Hier aus. Zum Beispiel, was es zum Abendbrot gibt. Und dann macht man am besten Musik an. Irgendwas Lautes. Und küsst den anderen, schnell und süß und guten Mutes. 

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