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Erotisches Schreiben

Illustration: karen-ernst Sehr geehrte Frau Elizabeth Benedict, wenn ich einmal groß bin, möchte ich als Autorin einer großen deutschen Boulevardzeitung täglich einen Text für das Foto einer jungen, spärlich bekleideten Frau schreiben.
christina-waechter
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Illustration: karen-ernst Sehr geehrte Frau Elizabeth Benedict, wenn ich einmal groß bin, möchte ich als Autorin einer großen deutschen Boulevardzeitung täglich einen Text für das Foto einer jungen, spärlich bekleideten Frau schreiben. Ich habe nämlich gehört, dass man in dieser Position unter Umständen große Aufstiegschancen hat. Allerdings beschleichen mich immer öfter Zweifel, ob das, was ich bisher zur Übung schreibe, auch wirklich literarischen Ansprüchen genügt. Darum wende ich mich heute an Sie: Können Sie mir bitte sagen, ob meine Texte dem entsprechen, was Sie unter "Erotik schreiben" verstehen? Anbei sende ich Ihnen einen aktuellen Text, den ich mir mit viel Herzblut aus den Rippen geschnitzt habe. Mit den freundlichsten Grüßen, C.K. "Moni zeigt uns ihre reifen Melonen. Achtung, Männer, bald ist wieder Frühling und das heißt: Vitamine, Vitamine, Vitamine und zwar am allerliebsten in Form der reifen Melonen, die Moni immer dabei hat. Und wer möchte da nicht eine Extraportion nehmen, wenn es auch noch soo gesund ist. Sehr geehrte Frau K., vielen Dank für Ihre Post. Grundsätzlich kann ich Ihnen sagen: Es gibt zehn Regeln für das Schreiben über Sex: 1. Eine Sex-Szene ist keine Gebrauchsanleitung. Sie können davon ausgehen, dass der Leser mehr oder weniger Bescheid weiß, wie Sex funktioniert. Im Gegensatz zu einer Szene, in der ein Fisch ausgenommen wird, müssen Sie nicht jede Einzelheit beschreiben. 2. Eine gute Sex-Szene muss nicht von gutem Sex handeln. Bei Pornographie muss eine Sex-Szene den Konsumenten unmittelbar erregen, sonst will er sein Geld zurück. Das ist in einem literarischen Text nicht so. Eine sexuelle Begegnung, die schief geht, ist mitunter weitaus schöner zu lesen, als eine, die Ihre Protagonisten zufrieden und glücklich macht. Allerdings: 3. Es ist – wirklich! – völlig in Ordnung, wenn Sie beim Schreiben erregt sind. Sorgen Sie sich nicht, wenn Sie das, was Sie schreiben, sexy finden. Selbst John Updike hat zugegeben, dass es ihn erregt, seine Sexszenen zu entwerfen. 4. Ihre Angst ist Ihr bester Freund. Wovor Sie Angst habe, hängt von Ihrem Alter ab, der Welt, in der Sie aufgewachsen sind und davon, wovor Sie sich am meisten fürchten. Jeder Mensch hat eine Angst. Lassen Sie sich von Ihrer leiten. 5. Sex ist nett, aber Charakter ist Schicksal. Ein Text ohne Figuren, die uns interessieren, ist ein ziemlich ödes Stück Prosa. Sie müssen Ihre Figuren nicht lieben, aber der Leser muss sich genügend für die Charaktere interessieren, um sich auch für ihr Liebesleben zu interessieren. 6. Nur Ihre Figuren wissen es genau (wie man was bezeichnet). Welchen Namen geben wir dem Kinde? Soll man "Schwanz" sagen oder "Schwengel" oder "Penis"? Nennen Sie die Dinge so beim Namen, wie ihre Charaktere sie benennen würden. Sehen Sie zu, dass es zum Text passt, und benutzen Sie keine verniedlichenden Ausdrücke. 7. Lassen Sie sich die Stichworte von Ihren Figuren geben. Was wünscht sich Ihr Protagonist? Lassen Sie sich den Weg ins Schlafzimmer von Ihren Figuren und deren Wünsche weisen. Und denken Sie immer daran: 8. Ihre Figuren müssen wollen, und das leidenschaftlich. 9. In einer guten erotischen Szene dreht es sich immer um Sex und noch etwas anderes. Sex sollte immer einen Zweck habe, der Akt muss etwas über Ihre Protagonisten verraten. Im wahren Leben muss Sex von nichts anderem außer Sex handeln, aber in der erzählenden Literatur sollte er etwas darüber hinaus aussagen: Wer die Figuren sind, was sie wollen, was sie vielleicht nicht bekommen, wie sie funktionieren oder was die Liebesszene mit dem zu tun hat, was in der Story davor oder danach kommt. 10. Was die Figuren füreinander sind, ist ausschlaggebend. Bei der Komposition einer Liebesszene ist nichts wichtiger als die Beziehung zwischen den beiden Partnern. Es gibt einen Unterschied, ob sie seit dreißig Jahren miteinander verheiratet sind oder sich gerade erst kennen gelernt haben. Ich denke, wenn Sie, liebe Frau K., diese Regeln in Zukunft beachten, werden selbst die kürzesten Texte zu großartigen Kleinoden erotischer Literatur und ihrem Aufstieg steht nichts mehr im Wege. br> Mit freundlichen Grüßen, E. B. Das Buch "Erotik Schreiben" von Elizabeth Benedict ist im Autorenhaus Verlag erschienen und kostet 14,90 Euro. Alle gefetteten Stellen sind Zitate aus dem Buch.

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