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Und Mama, wie ist dein Orgasmus so?

Kann man mit Eltern eigentlich wirklich entspannt über Intimitäten reden? Sollte man es überhaupt? Eine Sexkritik.
martina-holzapfl

In den USA erscheint gerade ein Buch namens „Sex Advice". Es basiert auf einer Kolumne der Website jezebel.com, in der eine Mutter und ihre Tochter als sogenanntes „Sexpert"-Team gemeinsam Fragen von sexuell verunsicherten Leserinnen diskutieren. Mutter Susie und Tochter Aretha unterhalten sich über Zuschriften mit Titeln wie: „Ich komme zu schnell", „Mein Freund liebt Oralsex, aber er hasst Schamhaare" oder „Jedes Mal, wenn mein Freund in meinem Mund kommt, muss ich mich übergeben".

Sie möchten den jeweiligen Fragenden eine hilfreiche Antwort bieten, indem sie im Stil bester Freundinnen ziemlich schamlos darauf los diskutieren und das Gespräch protokollieren. Was dabei herum kommt, ist tatsächlich oft sehr freigeistig und klug. Nur: Es sind eben immer noch Mutter und Tochter, die da reden – was man höchstens dann einmal merkt, wenn Aretha zu ihrer Mutter „TMI" sagt, der Code für „too much information".

Schön, dass das Reden über Sex bei den beiden so gut funktioniert. Aber es irritiert auch ein bisschen, weil es vorgibt, dass es irgendwie notwendig für die sexuelle Gesundheit eines Menschen sei, mit seinen Eltern ganz entspannt über Intimes reden zu können.

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Es ist bestimmt wichtig, die Sexualität der Eltern zu respektieren – und andersherum. Mehr aber eigentlich auch nicht. Immerhin scheint es ein Grundreflex zu sein, dass kein Kind seinen Eltern dabei zuhören will, wie sie Sex haben und kein Elternteil wissen will, was hinter der Wand nebenan passiert – während so etwas unter guten Freunden schon in Ordnung gehen kann. Es ist doch so: Mit jedem Detail, das man sich einander vom eigenen Sexleben verrät, gibt man einander einen Imaginationsbaustein mehr für das Szenario vom Sex des Anderen. Das ist, als ließe man jemanden Stück für Stück eine Reihe weiter vor in der Zuschauertribüne des eigenen Sexaktes rücken – und dass da jemand sitzt, während man gerade ziemlich obszöne Dinge mit seinem Partner ausprobiert, möchte man ohnehin nicht so gern. Wer da aber nie und unter keinen Umständen sitzen darf, sind die eigenen Eltern.

Es ist einem ja oft schon unangenehm genug, wenn man gemeinsam fern sieht und plötzlich eine minutenlange Sexszene auf dem Bildschirm erscheint. Schon da möchte man „too much information" oder „habe ich nicht, kenn ich nicht und ihr auch nicht" rufen, um dann schnell im Keller was zu Trinken holen zu gehen. Und zwar aus dem einfachen Grund, dass sich jeder auf eine sehr intime Weise von Sex angesprochen fühlt, weil ihn jeder hat und er für jeden ein bisschen geheim ist. Jedes sich-gemeinsam-mit-Eltern-von-Sex angesprochen-Fühlen geht da schon einen Schritt zu weit in der eigenen Privatsphäre.

Aber ist diese Distanz nicht eigentlich etwas Gutes? Denn der Punkt, an dem die eigene Sexualität zu wachsen beginnt, ist doch meist auch der Punkt, an dem die Emanzipation von den eigenen Eltern beginnt. Wenn man seine Entwicklung zu einem unabhängigen, erwachsenen Menschen in Form von Schamhaaren, Brüsten, der ersten Periode und sexuellem Interesse an anderen Wesen entdeckt, ist das der Beginn eines eigenen Lebens außerhalb des Einflusses der Eltern. Man kriegt einen neuen, starken Körper und man kann mit ihm machen was man will – eigene Kinder kriegen zum Beispiel und die Welt so noch einmal neu erfinden.

Ohne zu lügen kann wahrscheinlich so gut wie jeder von sich behaupten, schon in der Grundschule komplett aufgeklärt gewesen zu sein. Weil das Thema Sex nämlich schon im Kindergarten ein ziemliches Hot Topic ist und im Laufe der folgenden Schulzeit ständig irgendwelche Aufklärungsbilderbücher in den Cliquen kursieren, ganz zu schweigen von den Pubertäts- und Sexratgebern in Bravos, Mädchens, Popcorns und Hunderten von jungen Liebe- und Sexforen im Netz. Wenn man schon seit der dritten Klasse über Jungfernhäutchen, Zyklen, Pille und Noppenkondome mit Erdbeergeschmack Bescheid weiß, ist es also schon weltfremd genug, dass der Aufklärungsunterricht erst in der siebten Klasse stattfindet. Dass dann aber auch noch die Eltern um die Ecke kommen müssen, eines Abends nach dem Abendessen ein Aufklärungsbuch unterm Tisch hervorziehen oder einen als armen flucht-unfähigen Pubertierenden während einer Autofahrt unter zwei Augen in die Aufklärungsmangel nehmen, kann ja nur in beidseitigen Würdeverlusten gipfeln.

Eltern sollten ihr erzieherisches Anliegen ein für alle Mal darauf beschränken, kurz und schmerzlos nachzuhaken, ob Aufklärungsbedarf besteht – und ihnen im selben Satz zu versichern, dass man mit ihnen über gar nichts sprechen muss, wenn man nicht will. Dass sie immer da sind, wenn man sie braucht, dass sie ihren Kindern aber ansonsten durchaus zutrauen, sich sexuell selbst informieren und sozialisieren zu können.

So könnten unbeholfene Sätze wie: „Im Badezimmer habe ich jetzt übrigens mal Kondome deponiert" oder „Selbstbefriedigung kann etwas sehr Schönes sein" endlich ein für alle Mal von dieser Erde verschwinden. Die Zeit, in der einem die Eltern irgendwas zurechtlegen ist vorbei, und wenn das für Anziehsachen gilt, dann gilt es erst recht für Kondome und andere gutgemeinte Sexratschläge. 

Text: martina-holzapfl - Bild: photocase.com/IS2

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