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Welt, sei mein Zeuge!

Ob auf der Bühne, im Fernsehen oder mit YouTube-Video: Öffentliche Heiratsanträge sind beliebt und rühren die Zuschauer oft zu Tränen. Dabei sind sie eigentlich doch bloß Selbstdarstellung - und außerdem ziemlich unfair.
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In einem kleinen Videofenster oben rechts kann man Amy sehen. Sie sitzt mit einem Kopfhörer auf den Ohren im Kofferraum eines Wagens und lacht sehr viel, sie schlägt sich die Hände vors Gesicht und auf die Schenkel. Im großen Videofenster kann man sehen, warum: Vor ihr auf der Straße tanzt und playbackt ein Haufen Menschen zu Bruno Mars' Song „Marry You". Am Ende bilden sie eine Gasse und Amys Freund Isaac erscheint, um ihr einen Heiratsantrag zu machen. Natürlich sagt Amy ja.

„Isaac's Live Lip-Dub Proposal" ist das neuste Heiratsantragsvideo, das man bei YouTube ansehen kann. Vergangenen Freitag ging es online, seitdem wurde es fast acht Millionen mal geklickt. Ähnlich beliebt ist der Überraschungsantrag mit Tanzeinlage, im Rahmen der amerikanischen Reality-Show

. Während

machte ein Besetzer seiner Freundin einen Antrag und lies seine Worte („Will you occupy my life?") und ihre Antwort („Yes!") über das berühmt-berüchtigte „Human Mic" verbreiten. Ein bekanntes deutsches Beispiel ist

an ihren Lebensgefährten Rolf Hellgardt beim ersten Fernsehauftritt nach ihrer Krankheit. Danach wurde umarmt, geküsst und gejubelt, so wie bei allen öffentlichen Anträgen. Trotzdem hat Monica Lierhaus für diesen Schritt auch Kritik geerntet – und, so konnte man später lesen, ihn sogar ein bisschen bereut: „Er konnte ja schlecht ‚nein' sagen", zitierte sie die „Welt".

Damit hat sie Recht und spricht aus, was man unwillkürlich denkt, wenn man jemanden inmitten einer aufgeregt lauschenden Menge mit der Frage „Willst du mich heiraten?" konfrontiert sieht. Rolf Hellgardt konnte schlecht nein sagen. Amy konnte schlecht sein sagen. Sie alle, die wir auf YouTube sehen, zu Tränen gerührt und irgendwie überrumpelt, sie konnten schlecht nein sagen, vor 60 Freunde und Verwandten, vorm Publikum der „Goldenen Kamera", vor den Besetzern der Liberty Plaza. Der öffentliche Heiratsantrag, der im ersten Moment eine riesige Romantikwelle an den Herzen der Zuschauer brechen lässt, ist im zweiten Moment ziemlich gemein. Denn eigentlich sollte ein Heiratsantrag gar nicht pompös und megaromantisch sein, sondern eher still und vorsichtig. Immerhin geht es nicht bloß um die Schönheit dieses Moments, sondern vor allem um das gemeinsame Leben, für das man sich entscheidet – und das will gut überlegt oder doch zumindest nicht in einem überladenen Augenblick entschieden sein, in dem man zu allem und jedem ja sagen würde.

http://www.youtube.com/watch?v=5_v7QrIW0zY

Dass der Befragte beim öffentlichen Antrag mit dem Rücken an die Wand gestellt wird, ist aber nur die eine Sache. Denn vielleicht haben ja Monica Lierhaus und Rolf Hellgardt oder Isaac und Amy schon mal darüber gesprochen, dass sie heiraten wollen. Vielleicht können sich all die YouTube- und Fernsehbühnen-Romantiker ganz einfach sicher sein, dass der andere sein Leben mit ihnen verbringen will. Aber wenn sowieso schon alles in trockenen Tüchern ist, warum brauchen sie dann die Welt als Zeuge? Möglicherweise denken die öffentlichen Anträger, dieses erste Jawort vor dem offiziellen habe mehr Gewicht, wenn besonders viele Ohren es vernommen haben. Sie glauben daran, dass man „Ja" steigern kann, bis hin zu einem „am Jaesten", das selbst dann, wenn Marmor, Stein und Eisen brechen, immer noch keine Sprünge bekommt. „Wer vor aller Welt ja gesagt hat", so denken sie wohl, „der wird weniger schnell ‚ab jetzt nicht mehr' sagen."

Aber am Ende steckt hinter dem öffentlichen Antrag wahrscheinlich eine ganz einfache und ein bisschen hässliche Wahrheit. Große Liebe, ein Hang zur Romantik und der Wunsch, für den Partner etwas ganz besonderes zu tun mögen eine Rolle spielen. Doch wenn man das ganze Brimborium subtrahiert, bleibt ein Mensch übrig, der sich viel zu wichtig nimmt. Der nicht nur ein „Ja" bekommen will, sondern auch zehn, zwanzig oder eine Millionen „Wows" und eine Menge Applaus. Der der Welt zeigen will, wie wunderbar seine Beziehung funktioniert und vor allem, dass man verdammt glücklich sein kann, wenn man ihn oder sie zum Freund oder zur Freundin hat. Es ist fast so, als würde jemand „Unsre Liebe ist besser als eure Liebe" in die Welt rufen. Und das ist weder romantisch noch kreativ, das ist schlicht unsympathisch. Diejenigen unter den Zuschauern, die die Romantikwelle nicht mitreißt, müssen sich dann vielleicht sogar schämen. Dafür, dass dort jemand sein Privates so in die Öffentlichkeit trägt als sei es für alle von Belang. Und dafür, dass der andere dazu gezwungen wird, dabei mitzumachen.

Unter „Isaac's Live Lip-Dub Propsal" gibt es zwar eine Menge tränenreicher Kommentare, aber nicht alle finden den Wahnsinnsantrag rührend. Der User Frankie Knuckles zum Beispiel hat einen hämischen Kommentar hinterlassen: „Just waiting for the epic divorce live lip-dub." Da werden Freunde und Verwandte dann zu „Go Home" von Fuzzman oder irgendeinem anderen Lied mit Aufforderung zum Verlassen tanzen. Und Amy wird natürlich ja sagen. Was bliebe ihr anderes übrig?

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