Süddeutsche Zeitung

Unsere Kernprodukte

Im Fokus

Partnerangebote

Möchten Sie in unseren Produkten und Services Anzeigen inserieren oder verwalten?

Anzeige inserieren

Möchten Sie unsere Texte nach­drucken, ver­vielfältigen oder öffent­lich zugänglich machen?

Nutzungsrechte erwerben

Kann man sich an Anschläge gewöhnen?

Foto: Felix Heyder/dpa

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Sie ruft aus dem Wohnzimmer: "Oh my god". Ich lasse mir Zeit. Wahrscheinlich, denke ich, ist was mit ihrer Katze. Oder jemand schwanger. Dann sitzen wir vor unseren Handys, tippen, lesen uns die Zahl der Toten vor: 14, später 36, jetzt sind es 41. Zahlen, an denen wir versuchen, die Schwere des Anschlags abzulesen. Unter zehn - eher wenig. Über 20 - eher viel.

Erster Schritt also: Auf Facebook gehen, lesen, was die anderen schreiben und gepostet haben. Irgendjemand ist immer schneller. Erst sind es ja immer nur Fetzen: Explosion am Atatürk Flughafen in Istanbul. Mehrere Tote. Dann langsam mehr.

Zweiter Schritt: den Facebook-Safety-Check machen. In der Statuszeile erscheint ein grüner Kopf mit Kreisen und der Text "hat sich während Explosion auf dem Flughafen Istanbul-Atatürk selbst als 'In Sicherheit' markiert." Das können Freunde dann liken.

Dann beantworten wir die Nachrichten aus Deutschland, Amerika und Asien:

"Bist Du ok?", "Oh Gott, schon wieder!", "Unglaublich!"

Es wird Nacht. Sie war heute Nachmittag, keine sechs Stunden vor dem Anschlag, aus Kairo gekommen.  Sie arbeitet für eine NGO, hat sich dort mit Menschenrechtsorganisationen getroffen. Ägypten ist am Ende. Nach Istanbul zurückzukommen, fühlt sich nach Sicherheit, nach Zivilisation an. Das war, bevor wir vom Anschlag erfuhren.

"How are you?"

"I really don't know."

Wir liegen im Bett bei offenen Fenster. Ein Hubschrauber schmettert durch die Nacht über das Goldene Horn. Sie zuckt.

"Is your PTSD kickin' in?"

"Just a little bit".

In manchen Kreisen von Cihangir, dem Viertel das die Reiseführer gerade als das "junge Istanbul" bezeichnen, gehört die PTSD, die posttraumatische Belastungsstörung, schon fast zum guten Ton. Die syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge, die hippen, haben sie. Auch von den freien Journalisten und Fotografen aus Westeuropa, von denen hier so viele leben, leiden einige darunter. Die, die sich zu weit nach Syrien oder Kurdistan gewagt haben mit ihren nicht mal 30 Jahren. Die tragen die Leiden gerne mal mit dem Stolz eines Kriegsveteranen vor sich her – die Alpträume, die Abwesenheit, den Alkohol. Ibrahim, ein Syrer, der jetzt für eine amerikanische Zeitung arbeitet, schwärmt von den Xanax, die ihm der Arzt nach einer Panikattacke verschrieben hatte.

 

Überleben wollen, leben wollen

 

Manche sind süchtig, müssen immer wieder dorthin zurück, steigern die Dosis, müssen immer noch näher ran, nach Aleppo, Erbil, Bagdad. Überqueren illegal die Grenze nachts, interviewen ISIS-Renegaten.

Erst, sagen sie, spüre man die Gefahr, Adrenalin schärfe alles, später dann bricht das Glücksgefühl des Überlebens über sie hinein. Und dann, zurück in Istanbul, der erste Vollrausch. Das Glück, nicht tot zu sein.

 

Die "PTSD-Party-Crowd" von Istanbul, nennen sie manche. Das steht allerdings nicht in den Reiseführern. Gestern kam die Gefahr zu ihnen. Ein Knall, und alles ist wieder da. Ein Hubschrauber kann das Blut, die Splitter, die Schreie zurückbringen.

 

Und die restlichen 16 Millionen hier? Wollen überleben, wollen leben, wollen mit dem Mist überhaupt nichts zu tun haben. Für die ist der Krieg in Syrien oder in den kurdischen Gebieten genauso weit weg wie von München. Schlechte Nachrichten aus der Türkei gibt es doch schon genug.

 

Wir schlafen, der Ventilator im Zimmer ist lauter als der Hubschrauber am Himmel. Am nächsten Morgen will ich auf Facebook Updates lesen. Der Newsfeed lädt nicht. Die türkischen Mobilfunkbetreiber haben die sozialen Netzwerke Facebook, Instagram und Twitter geblockt. Nachrichtensperre. Möchtegern-China. Unsinnig, inkonsequent, lächerlich. Über WLAN sind die Seiten alle abrufbar.

Schon um neun Uhr landen die ersten Flugzeuge wieder

 

Also auch rausgehen: In einer Nebenstraße der Istiklal, der "Unabhängigkeitsstraße", redet eine Gruppe von Touristen mit Rollkoffern hektisch auf einen Mann ein: "Können wir fliegen?", "Wie viel Verspätung haben wir?", "Was passiert mit unseren Anschlussflügen?" Antwort:

Schon um neun Uhr starten und landen die ersten Maschinen am Ataturk-Airport wieder. Brüssel war nach den Anschlägen fast zwei Wochen lang dicht.

 

Dafür sind die Restaurants mit den weiß gedeckten Tischen leer. Schon im Mai kamen 30 Prozent weniger Touristen als im Vorjahr in die Türkei. Russen kommen gar keine mehr, seit die türkische Armee im November vergangenen Jahres einen russischen Kampfjet abgeschossen, und Putin Sanktionen verhängt hatte.

 

Der Souvenir-Laden am Galata-Turm hat vor zwei Wochen geschlossen, er steht noch immer leer. Der Simit-Verkäufer grüßt wie jeden Morgen mit der Hand auf dem Herz. Gegenüber der Augenklinik sitzen ein paar Männer, die seit zwei Wochen noch grimmiger dreinschauen als sonst. Mit den Anschlägen hat das nichts zu tun. Es ist Ramadan. Wer den ganzen Tag nichts isst, hat schlechte Laune.

 

Es war der vierte Anschlag in Istanbul innerhalb von sechs Monaten.

 

Im Laufe des Tages dann die mittlerweile üblichen Beschwichtigungen: Kann ja überall passieren – Paris, Brüssel, London. Die Wahrscheinlichkeit, im Straßenverkehr umzukommen, ist viel höher. Krebs kriegen kann man auch. Oder mit 2,8 Promille von einem Neonazi zusammengeschlagen werden und an einer Gehirnblutung sterben. Ist einem Bekannten passiert.

 

Ein Risiko mehr oder weniger macht doch das Kraut nicht fett. Oder? Am Nachmittag stehe ich auf dem Balkon meines Büros. Plötzlich das Geräusch einer einbrechenden Wand. Ich zucke. Noch einer? Hier? Jetzt?

 

Es ist nur der Lärm der Baustelle vom Haus gegenüber.

Ich bin noch am Leben. Am Abend des nächsten Tages haben das 34 Freunde mit "gefällt mir" markiert.

 

  • teilen
  • schließen