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Alles dope in Colorado?

Weniger Tote, weniger illegaler Konsum, mehr Geld: Ein Jahr nach der Cannabis-Legalisierung soll in Colorado alles besser sein denn je. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.
charlotte-haunhorst
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Angestrichen:
"The early returns make a compelling case that the first year was a sweeping regulatory success in the Rocky Mountain State."

Wo steht das?
In dem Artikel "A Blazing Start" im Slate Magazine, von Autor Josh Voorhees.

Worum genau geht es?
Vorhees zieht in dem Artikel nach einem Jahr Cannabis-Legalisierung in Colorado eine ziemlich euphorische Bilanz. Sie wirkt sehr seriös, da der Autor zunächst sämtliche Argumente auflistet, die damals gegen die Legalisierung angeführt wurden:

Legaler Cannabisverkauf an Volljährige bedeutet mehr Konsum, auch bei Minderjährigen Mehr Konsum bedeutet mehr Verbrechen im Zusammenhang mit Drogenmissbrauch Mehr Konsum bedeutet mehr Verletzte und Drogentote, zum Beispiel durch Überkonsum oder Verkehrsunfälle Im Anschluss prüft Voorhees, was von diesen Thesen nach einem Jahr eigentlich übrig geblieben ist. Er stellt fest, dass keines der befürchteten Horrorszenarien tatsächlich eintrat. Die Zahl der Minderjährigen, die 2013 Marihuana konsumierte, sank um zwei Prozent, die Kriminalitätsrate blieb ebenfalls stabil oder sank sogar leicht. Drogenbedingte Verkehrsunfälle hätten ein historisches Tief erreicht und Drogentote allein durch Marihuanagenuss gäbe es sowieso fast nie - einmal sprang ein Austauschstudent im Rausch aus dem Fenster und ein Mann erschoss seine Ehefrau, der hatte wohl allerdings noch andere Substanzen im Blut. Zu Überdosen kam es nur, weil jemand die Haschbrownie-Dosis für zehn alleine verspeist hatte. Die endeten aber nicht tödlich.

Doch damit nicht genug, Voorhees findet sogar noch positive Effekte an der Legalisierung: Durch den legalen Drogenverkauf (auch für medizinische Zwecke) hat der Bundesstaat Colorado 2014 60 Millionen Dollar an Steuern eingenommen Gleichzeitig sparte der Bundesstaat geschätzte 145 Millionen Dollar ein, die sonst für die Marihuana-Bekämpfung verwendet wurden Der Haschisch-Schwarzmarkt existiert zwar noch, weil aus medizinischen Gründen verschriebenes Marihuana immer noch günstiger ist als das im normalen Handel, der Schwarzmarkt wurde aber kleiner und der Missbrauch von Marihuana als verschreibungspflichtigem Medikament ging zurück Was lernen wir daraus?

Zwei Dinge. Zum einen, dass man Anbetracht solcher Ergebnisse natürlich darüber nachdenken sollte, ob vielleicht auch die Drogenpolitik anderer Länder (Deutschland inbegriffen) sich an Colorado ein Beispiel nehmen könnte. Schließlich sind es hier genau die gleichen Argumente, die für und gegen die Legalisierung von Haschisch ewig diskutiert werden und am Ende dazu führen, dass sich dann doch nichts ändert, oder der Trend sogar in die Gegenrichtung umschwingt. So sollen in Berlin jetzt "Null-Toleranz-Zonen" eingeführt werden, in denen auch der Besitz der bisher als Eigenbedarf geduldeten Menge von zehn Gramm (in Ausnahmefällen auch 15) geahndet wird. Im Jahr zuvor hatte man noch monatelang über die Einführung eines legalen Coffeeshops in Kreuzberg diskutiert.

Zum anderen lernen wir aber auch, dass Texte in denen große Gesetzesänderungen immer nur mit "gut" und "böse" bewertet werden, selten vollständig sind. Wenn man sich die von Voorhees als Beweis angeführten Texte genauer anguckt, merkt man schnell, dass er unter anderem auf von ihm selbst verfasstes Material verweist und außerdem sämtliche Ergebnisse, die sein Fazit, dass in Colorado jetzt alles super sei, vermiesen könnten, ausblendet. So besagt der Text über die drogenbedingten Autounfälle zum Beispiel, dass man eigentlich fast nie nachweisen kann, ob ein Unfall wirklich aufgrund von Drogen verursacht wurde und es in Colorado generell so wenig Autounfälle gibt, wie nie zuvor.

Auch wenn der illegale Gebrauch von Marihuana unter Jugendlichen zurückging, hat Colorado mittlerweile die zweithöchste Kifferquote der gesamten USA (nur Rhode Island ist noch weiter vorne), 2011 lag es noch auf Platz sieben. Das erklärt dann auch die hohen Steuereinnahmen, die ja letztendlich darauf beruhen, dass der Staat profitiert, je mehr gekifft wird. Und auch die Sache mit den Drogentoten ist nicht ganz so einfach: Zwar stirbt niemand an einer Haschüberdosis, allerdings explodierten vergangenes Jahr 32 Drogenlabore in Colorado, im Jahr zuvor waren es zwölf. Alles keine Gründe, die die Legalisierung in der Bilanz schlecht dastehen lassen. Aber eben auch nicht alles so superspitze, wie Voorhees behauptet.

Vielleicht lässt sich die ganze Debatte am besten mit folgendem Satz zusammenfassen: "It’s too soon, however, to call Colorado’s measure an unqualified success". Das steht in einem Text über die Cannabis-Legalisierung von Mai 2014, der dafür plädiert, erst einmal die Langzeitfolgen der Legalisierung abzuwarten. Interessanterweise stammt er ebenfalls von Josh Voorhees.

Text: charlotte-haunhorst - Foto: photocase / Till-van-Loosen

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